Sonntag, Februar 15, 2015

Grenzgänger




Lesung aus dem Buch Levitikus 13:1-2.43-46

1Der Herr sprach zu Mose und Aaron:
2Wenn sich auf der Haut eines Menschen eine Schwellung, ein Ausschlag oder ein heller Fleck bildet, liegt Verdacht auf Hautaussatz vor. Man soll ihn zum Priester Aaron oder zu einem seiner Söhne, den Priestern, führen.
43acDer Priester soll ihn untersuchen. Stellt er eine Schwellung fest, die wie Aussatz aussieht,
44abso ist der Mensch aussätzig; er ist unrein. Der Priester muss ihn für unrein erklären.
45Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein!
46Solange das Übel besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.

+ Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10:40-45

In jener Zeit
40kam ein Aussätziger zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.
41Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein!
42Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war rein.
43Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein:
44Nimm dich in acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis meiner Gesetzestreue sein.
45Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, so dass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.





Der Aussätzige im Evangelium verhält sich gar nicht so, wie er laut dem Gebot in der 1. Lesung sollte: Außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten; abgesondert wohnen soll er; sein Bart soll er verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! 

Keine Spur von all dem tut er genau das Gegenteil: Er kommt zu Jesus hin, fällt ihm zu Füßen und bittet ihn um Hilfe: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. 
Als gesetzestreuer Jude sollte Jesus ihn auf sein Fehlverhalten hinweisen. 
Aber Jesus ist lieber menschentreu,  darum weist Jesus ihn nicht zurecht wegen seines ungehörigen Verhaltens sondern hat Mitleid mit ihm, streckt die Hand aus, berührt ihn und sagt: „Ich will es - werde rein!“ 
Jesus legt so lieber ein Zeugnis von Gottes Treue zu den Menschen ab, denn von jener Gesetzestreue, die zur Verräterin wird an der Treue Gottes gerade zu den Armen und Ausgestoßenen. 

Sein Ungehorsam gerät dem Unreinen nicht zum Unheil sondern zum Heil; 

Jesus hat es bestimmt beeindruckt, dass der Unreine so sehr auf ihn vertraut hat, dass er die Anweisungen des Gesetztes missachtet hat. Wiederholt heilt Jesus Kranke wegen ihres gläubigen Vertrauens! 

Bisweilen ist es nötig, Grenzen zu überschreiten, um neues Leben zu gewinnen. 

Etwas anderes fällt auf: Da ist nirgendwo die Rede von Krankheit sondern von Unreinheit: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde – und nicht gesund! 
Ich will es – werde rein – und nicht gesund! 
Es geht dabei um die soziale Ausgrenzung wegen seines Aussatzes – das ist das eigentliche Übel, so dass Jesus Mitleid mit ihm hat weniger weil er Aussatz hat als vielmehr, weil er ausgegrenzt leben musste. Dem hat Jesus abgeholfen und ihn vom Aussatz befreit mit der logischen Auflage, sich den Priestern zu zeigen, so seine Reinheit offiziell bestätigen zu lassen und wieder eingemeinschaftet zu werden. 

Wir können die Geste, dass Jesus den Unreinen berührt, als Einladung in die Gemeinschaft und als Zeichen der erneuerten Zugehörigkeit zu ihr verstehen. Jesus wird für den Unreinen zur Brücke zurück in die Gemeinschaft. 

Eine Situation wie im Evangelium können wir heute überall dort vorfinden, wo Menschen auf Grund irgendeiner Unkonformität gemobbt und ausgegrenzt werden. Von daher ist die Thematik brandaktuell. 

Der Unreine ist ein Vorbild für Gemobbte, sich mutig über Ausgrenzung hinwegzusetzen, ermutigt von Menschen, die für sie offen und empfänglich sind, weil sie über unmenschliche Regelungen hinweg Mitleid haben mit Menschen am Rande. 

Im Mitleid steht uns dabei eine zentrale Haltung vor Augen. Sie trägt den Widerstand Jesu gegen jene Auffassung vom Gesetz, die den Menschen unterdrückt und somit die von Gott gewollte eigentliche Aufgabe eines jeden Gesetzes verkennt und verkehrt – nämlich dem Menschen zu helfen! Dass also das Gesetz für den Menschen da ist und nicht der Mensch für das Gesetz. 

So wird herzliches Mitleid zu einem Bulldozer, der unmenschliche Regelungen beiseite schiebt oder etwas linder gesagt zur Brücke über menschwidrige Satzungen und Setzungen hinweg. 

Was Jesus und von ihm ermutigt der Aussätzige im Evangelium tut, das tut zur Zeit Papst Franziskus auf seine Weise mit zäher Entschlossenheit: Er setzt sich über Konventionen hinweg, um den Menschen möglichst nahe zu sein – gerade den Menschen am Rande! An uns richtet er unentwegt die Einladung, auch über Grenzen hinweg an den Rand unserer Gesellschaft zu gehen und genau dort die Menschen aufzusuchen.  

Dabei verläuft der Weg im Evangelium im Gegenverkehr: Nicht Jesus geht zum Unreinen; der Unreine kommt zu ihm! Ermutigt durch sein Mitleid. 

Wir entdecken eine zweite Eigenart des Mitleides: Es ist das Offensein für die Menschen am Rand; und die Zugänglichkeit für diese Menschen. Da werden keine beinharten Mauern gezogen und das Mein als Nicht-Dein definiert. Sondern das Mein wird durch das Mitleid zum Auch-für-Dich! 

Jede und jeder von uns ist eingeladen, diesem Mitleid in einem selber nachzuspüren und ob es sich äußert im Offensein für und im Hingehen zu den Unreinen unserer Zeit. An der Ernsthaftigkeit dieses Nachspürens wird sich besonders die Ernsthaftigkeit unseres Christseins erweisen. 
Zudem wird christliche Liebe in uns dieses Nachspüren, dieses Offensein, dieses Hingehen freudig tun. 

Unerlässlich dabei ist die Bitte um das Licht, die Kraft und die Liebe des Hl. Geistes. Denn gerade auch in dieser Hinsicht spüren wir, dass wir ohne ihn rein gar nichts vermögen. Amen!

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