Samstag, Dezember 06, 2014

Maria - voll der Gnade


 
+ Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 1:26-38

26In jener Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
27zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
28Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
29Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
30Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
31Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.
32Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
33Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
34Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
35Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.
36Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.
37Denn für Gott ist nichts unmöglich.
38Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.



Ehe die Sonne kommt dürfen wir uns am Morgenrot erfreuen.
Ehe zu Weihnachten Jesus Christus, das Licht der Welt, erscheint, dürfen wir uns heute an jener Frau erfreuen, aus der  unser Erlöser geboren wird: an Maria!

Insbesondere dürfen wir dabei mit heiligem Staunen betrachten, wie Gott die Frau Maria bereitet hat, aus der sein Sohn geboren und Mensch wird. Ein gnadenvolles Geschehen, das einer Gnadenstunde mehr als wert ist.

Im eben gehörte Evangelium erlaubt es Gott indirekt bei seinem Wirken an dieser Frau zuschauen. „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir!“ So beginnt der Engel Gabriel das Gespräch mit Maria. „Du Begnadete“ nennt Gabriel sie. „Voll der Gnade“ übernehmen wir diese Anrede im Gebet des Ave Maria! Noch hat sie den göttlichen Sohn nicht in ihrem Leib empfangen; das geschieht erst mit ihrer Einwilligung: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast!“ – und dennoch ist sie schon voll der Gnade! Das Tagesgebet übersetzt uns dieses „voll der Gnade“ mit „leer und frei jeder Sünde“ vom ersten Augenblick ihres Daseins an.

Gott tut dies, um seinem Sohn eine würdige Wohnung zu breiten; und er tut dies im Hinblick auf den Erlösertod seines Sohnes. Er lässt Maria jene Freiheit von Schuld und Sünde von Anfang an zukommen, die sein Sohn durch sein Sterben am Kreuz und durch sein Auferstehen allen Menschen erwirkt hat.

Wie muss das doch im Herzen Gottes gewesen sein: Den schrecklichen Tod seines Sohnes vor Augen wirkt er so etwas wunderbares und wunderschönes wie die ganz reine und ganz schöne Seele Mariens. Man könnte schwindlig werden, wenn man sich da hinein vertiefen wollte!
Das konnte er nur schaffen, weil er ein großer und heiliger Gott ist – groß im Lieben und der Quell aller Heiligkeit: Im 2. Hochgebet sprechen wir deshalb vor den Wandlungsworten: „Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit.“

So handeln kann nur jener Gott, der „die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ (Joh 3:16). Diese Liebe Gottes spiegelt sich in der Reinheit und Schönheit Mariens wider und wir können hier Maria mit dem Bild von der Seele wiedergeben, das Teresa in der Seelenburg malt, wo sie „unsere Seele als eine gänzlich aus einem einzigen Diamanten oder sehr klaren Kristall bestehende Burg  betrachtet, in der es viele Gemächer gibt, so wie es im Himmel viele Wohnungen gibt (Joh 14,2). Denn wenn wir es recht bedenken, Schwestern und Brüder, so ist die Seele des Gerechten nichts anderes als ein Paradies, in dem er, wie er selbst sagt, seine Freuden erlebt (Spr 8,31). Nun also, wie meint ihr wohl, wie das Gemach aussehen soll, in dem ein so mächtiger, weiser, reiner und an allen Gütern reicher König sich vergnügt? Ich finde nichts, womit ich die gewaltige Schönheit einer Seele und ihre riesige Fassungskraft vergleichen könnte. Und tatsächlich, wie scharf unser Verstand auch sein mag, so dürfte er doch kaum ausreichen, sie zu begreifen, genauso wenig wie er ausreicht, um sich Gott auszudenken, der doch selbst gesagt hat, dass er uns nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat (Gen 1,26). Nun, wenn das so ist – und so ist es –, dann gibt es keinen Grund, uns damit abzuplagen, die Schönheit dieser Burg begreifen zu wollen. Denn da sie von Gott so verschieden ist wie der Schöpfer vom Geschöpf, da sie ja Geschöpf ist, genügt schon die Aussage Seiner Majestät, dass sie nach seinem Bild geschaffen ist, so dass wir kaum imstande sind, die große Würde und Schönheit der Seele zu begreifen.“ (1M1,1)

Ja, die große Würde und Schönheit der Seele Mariens bedenken wir heute und dürfen zugleich mit Freude und Dank auch die Berufung unserer Seele zu solch würdevoller Schönheit erkennen. Diese Berufung wird verwirklicht durch den Erlösertod Christi. So sehen wir, dass Maria von jeder Sünde bewahrt blieb um ihrem Sohn, dem Sündelosen, eine entsprechende Wohnung bieten zu können. Und sie ist somit sündenlos geblieben um durch ihren Sohn auch uns das Tor aufzustoßen in diese Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Maria könnte sich selbst nicht an der Schönheit ihrer Seele erfreuen, wenn wir, ihre Kinder, von dieser Schönheit ausgeschlossen blieben.

Das heutige Fest ist eine Einladung, die tiefste Würde Mariens zu bewundern und Gott dafür zu danken; zugleich aber auch unsere eigene Würde dankbar zu bedenken, zu der wir in Gnaden berufen sind.

Man möchte meinen, diese Einsicht in das Innerste Mariens und unser selbst müsste uns doch faszinieren und diesen Tag zu einem Freudentag machen.

Es gibt gewiss Leute, auf die das zutrifft – und gebe Gott, dass wir dazu gehören!
Aber der Großteil ergötzt sich viel lieber an dem was die Götzentempel der Kaufhäuser und Adventmärkte zu bieten haben – nichts als Plunder und weniger als Plunder im Vergleich zu unserem Herzen und zu dem, der dort wohnt.
„Abscheuliches Ungeziefer und giftiges Gewürm“ nennt Teresa alles, was davon abhält, sich in diese Burg zu begeben und sich mit niemand Geringerem als mit Gott abzugeben, der im innersten, vornehmsten Gemach dieser Seelenburg wohnt, dort, wo die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele vor sich gehen.

Die Seele Mariens als Wohnung Gottes ist ein Grundthema des heutigen Festtages. Damit ist gemeint, dass alle Kräfte der Seele einzig darauf ausgerichtet sind, Gott wahrzunehmen, Gott aufzunehmen, Gott zu dienen und Gott weiterzugeben. Das ist bei Maria auf vollkommene Weise geschehen, wie das heutige Evangelium erzählt und wie uns dann die Geburt Jesu und der weitere Weg Mariens mit ihrem Sohn bestätigen wird.

Oh, wie ist doch diese Sammlung der Seelenkräfte auf Gott kümmerlich – sogar bei solchen, die glauben, gute Christen zu sein! Meister Eckehart spricht ein deutliche Sprache, wenn er sagt:

"Du gibst nur vor, Gott zu suchen; in Wahrheit machst du aus Gott eine Kerze,
mit der du etwas anderes suchst, und hast du es gefunden, so wirfst du die Kerze hinweg.
Du erniedrigst den unendlichen Gott zu einer Melkkuh,
die man um der Milch und des Käses, um des eigenen Profits willen schätzt.
Diese machen aus Gott eine Ziege, füttern ihn mit Wort-Blättern.
Ebenso machen sie aus Gott einen Schauspieler,
geben ihm ihre alten und schlechten Kleider,

die Seele kann nichts weiter dazu tun, als es zu erleiden,
es gehört einzig Gott zu.“

Ich muss es mit Johannes Tauler beklagen: „ Es ist eine wahre Schmach und Schande, dass wir Christen wie blinde Hühner umhergehen und nicht erkennen, was in uns ist und davon gar nichts wissen.
Es ist eine große Schmach, dass der Mensch so viele andere Dinge kennt, sich selbst aber kennt er nicht.“

Bemühen wir uns, ganz von dieser Schmach loszukommen, indem wir uns Maria zuwenden, die uns heute als reine und heilige Wohnung Gottes vorgestellt wird. Dies Zuwendung wird um so eindeutiger, je entschlossener wir uns bereiten, selber Wohnung zu sein für unseren so guten und lieben Herrn Jesus, zur Ehre Gottes des Vaters. Amen!

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