Samstag, September 06, 2014

Zurechtweisen




Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 18: 15 – 20



In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

15Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurück gewonnen.

16Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.

17Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

18Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

19Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.

20Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.











Die geschwisterliche Zurechtweisung - ein heikles Thema, das Jesus im Evangelium heute anspricht. Es betrifft den Raum des Persönlichen, des Intimen, denn es geht um Versagen, Schuld und Sünde; es geht um Verwundung und Heilung, um Verbundenheit und Distanz.
Wir stellen fest, dass Jesus diese Worte nicht zum Volk spricht sondern zu seinen Jüngern; zu denen, die ihm am nächsten stehen, die ihm nachfolgen, mit denen er täglich in Gemeinschaft lebt - wie in einer Familie.



Von diesem familiären Hintergrund her beginnt Jesus seine Rede, denn der, welcher da sündigt, ist kein Fremder: es ist dein Bruder! Jesus spricht seine Worte in die brüderliche, geschwisterliche Gemeinschaft seiner Jünger hinein. Der da sündigt ist ein Mensch, mit dem ich geschwisterlich zusammenlebe. Und dass dieser Mensch nun gesündigt hat, beendet keineswegs abrupt diese Verbundenheit. Vielmehr kommt dieses Miteinander jetzt besonders zum Tragen in der Gestalt des Füreinander: Im Kümmern um den Bruder, Im Zugehen auf ihn, im Sprechen mit ihm, im Zurechtweisen. Es geht darum, den Bruder auf diese Weise zurückzugewinnen – für Gott, für die Gemeinschaft, für sich selbst, dass also dieser Bruder auch wieder zu sich selber findet. Sünde tritt uns hier entgegen als Entfremdung von Gott, von der Gemeinschaft und von sich selber.

Der Bruder schlüpft hier in die Rolle des guten Hirten, der im sündigen Bruder dem verlorenen Schaf nachgeht, um es zur Herde zurückzutragen.

Sosehr dieses Bemühen von Herzen kommt, kann und soll es doch nicht so zwingend sein, dass der sündige Bruder nicht die Freiheit hätte, sich dagegen zu verschließen und in seiner sündigen Haltung zu verharren.

Das Verhalten, das Jesus hier von seinen Jüngern verlangt, liegt auf der Linie der 1. Lesung, in der wir von einem Wächter hörten, den Gott über sein Volk bestellt hat, damit er die Leute warnt, wenn sie auf Abwege geraten. Dieses Amt macht den Wächter mitverantwortlich für das Schicksal des Schuldigen, sofern er ihn nicht warnt.



In eben diese Mitverantwortlichkeit stellt Jesus auch seine Jünger. Dabei tut Jesus dies nicht nur, um dem Vorbild aus der ersten Lesung gerecht zu werden.



Vielmehr steht er selber völlig in dieser Mitverantwortlichkeit. Er ist der gute Hirt, der sein Leben hingibt für seine Schafe; er ist gekommen zu suchen und zu retten, was verloren war; Sein gesamtes Lehren und Wirken zielt darauf, die Menschen zu heilen, ihnen die Sünden zu vergeben, sie für Gott zu gewinnen, sie mit Gott zu versöhnen. Jesus ist die Mensch gewordene Sorge Gottes um uns – gerade in unserer Verlorenheit. In Jesus geht Gott uns selber nach, um uns zurückzugewinnen. Und an eben diesem seinem Erlösungs- und Befreiungsdienst nehmen wir teil, wenn wir zu unserem Bruder gehen, wenn der gesündigt hat. In uns möchte Jesus zu ihm gehen. In uns möchte Jesus ihn wieder zurückgewinnen.

Diesem Heilsdienst unterstellt Jesus im heutigen Evangelium die ganze Gemeinde, die ganze Kirche.

Dieser Heilsdienst nimmt eine besondere Gestalt im Lösen und Binden an. Im Bußsakrament übt die Kirche in ihren Priestern dieses Lösen und Binden aus.



Es gehört zur Würde des Menschen, dass die Mitglieder der Kirche die Freiheit behalten, sich ihrem Heilsdienst zu verschließen und sich von ihr zu trennen. Wenn mein sündiger Bruder schließlich nicht mehr hören will werde er für mich „wie ein Heide oder ein Zöllner.“ Diese Wendung aus der jüdischen Gemeinde will mir sagen, dass ich meinen Bruder in jene Distanz entlasse, in die er sich begeben will und dass ich ihn in Ruhe lasse, so wie er es wünscht.

Unser Evangelium endet mit dem gemeinsamen Bittgebet zu Gott, dem Erhörung zugesagt ist und mit der Verheißung, dass Jesus dort ist, wo Menschen in seinem Namen versammelt sind.



Konsequenterweise ist im Evangelium in diesen Schlussätzen nicht mehr die Rede vom sündigen Bruder. Er wird auch in dieser Hinsicht in Ruhe gelassen.



Ich möchte mich jedoch dieser Konsequenz insofern entziehen, als ich auf eine meiner hl. Mitschwestern aus dem Karmelorden hinweise, deren wir dann am 1. Oktober besonders gedenken werden: ich meine die hl. Therese vom Kinde Jesu.

Ich erwähne sie an dieser Stelle, weil sie ihr Karmelleben in ihrem Beten und in ihrem Leiden besonders für jene gelebt hat, die sich von Gott und von der Kirche getrennt haben. Sie hat die Sünder zu ihren Lieblingen gezählt und für sie alle einen besonderen Draht zu Gott gehabt – sozusagen ein rotes Telefon. Sie lebte in einer Solidarität mit diesen Menschen, die beides ausdrückt: den Respekt vor ihrer Freiheit wie auch das Zeugnis von der grenzenlosen Liebe Gottes zu ihnen. Amen!

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