Samstag, Mai 10, 2014

Im Hirten die Mutter - in der Mutter die Hirtin




 
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 10: 1 – 10

In jener Zeit sprach Jesus:
1Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
3Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
8Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.



Der heutige Sonntag hat mich vorerst in einen Predigtstress gebracht – hat er doch zwei große Themen im Angebot: den guten Hirten und den Muttertag. Für welches soll ich mich entscheiden? Worüber soll ich predigen, wen soll ich vorziehen: die Mutter oder den guten Hirten?

Die Frage fand ihre Antwort und der Stress löste sich, als ich bemerkte, dass zwischen den beiden gar nicht so viel Unterschied ist und dass das Verbindende das Trennende bei weitem übertrifft – so dass ich geradezu sagen kann: wenn ich vom guten Hirten rede könnte mir die Mutter in den Sinn kommen und umgekehrt!

Denn der Hirt hat seine Herde und die Mutter ihre Familie.
Die Mutter kümmert sich darum, dass ihre Familie hinreichend und gut zu essen hat und der Hirt führt seine Herde auf gute Weide.
Der Hirt kennt die einzelnen Schafe seiner Herde beim Namen wie auch die Mutter weiß, wie ihre Kinder heißen und wie ihr Mann.
Wir könnten den Hirten eine Mutter nennen und die Mutter eine Hirtin.
So ist die Herde dem Hirten zu Dank verpflichtet ebenso wie die Familie der Mutter.
Heute feiert also die Herde ihren Hirten und die Familie ihre Mutter. Und für beides dürfen wir Gott danken, der für uns sowohl wie eine guter Hirte ist wie auch eine gute Mutter. Aus Gott fließen wie aus einem Quell beide Ströme – der einer guten Mutter und der eines guten Hirten.

So handelt das Evangelium zwar ausdrücklich vom guten Hirten – aber was von dem gesagt wird, das erzählt auch indirekt von der Mutter.
Dabei ist im Evangelium nicht einmal von einem guten Hirten die Rede sondern schlicht vom Hirten; will sagen: der Hirte im Sinne der Worte Jesu ist schon guter Hirt. Deswegen ist der Gegensatz nicht ein schlechter Hirt sondern der Dieb, der Räuber und der Fremde.

Das ist wie bei der Mutter: da feiern wir ja auch nicht den Gut Mutter Tag sondern eben den Muttertag. Denn wenn die Mutter Mutter ist, dann ist sie schon eine gute Mutter.
Der begriff der Mutter ist wie der des Hirten ein durch und durch positiv geprägter Begriff.

Wenn wir also ausgehend vom Evangelium die positiven Haltungen des Hirten uns näher anschauen wird uns unweigerlich auch die Mutter begegnen – wie im Spiegel des Hirten!

Der Hirt und seine Schafe leben in einer vertrauensvollen Beziehung. Dieses Vertrauen kommt her vom Wissen umeinander: Der Hirt weiß um seine Schafe – er kennt jedes einzelne von ihnen mit Namen; das heißt, der Hirt weiß um die Befindlichkeit jedes einzelnen seiner Schafe: Um seinen Zustand und um seinen Werdegang; er weiß, was jedem seiner Schafe im Verlauf seines Schaflebens widerfahren ist, was es durchgemacht hat – seine Verletzungen, seine Wunden, seine Eigenarten, seine starken und schwachen Seiten. Das alles kommt dem Hirten in den Sinn, wenn er ein Schaf bei seinem Namen nennt. Schließlich war er ja bei seinem Schaf von Anfang an, nachdem das Mutterschaf es geworfen hat.
So weiß der Hirt, was jedes seiner Schafe braucht und wie er es zu behandeln hat. Die Herde ist dem Hirten keine anonyme Masse sondern jedes der Schafe hat in seinem Herzen einen besonderen Platz.

Die Schafe wissen um ihren Hirten und kennen seine Stimme: Wie oft hat diese Stimme sie geführt auf eine grüne Wiese, an einen Bach, zum Salzstein – und schließlich wieder nach Hause in den vertrauten, heimeligen Stall. Wie oft hat diese Stimme freundlich gemurmelt, während die Hand des Hirten das Schaf gekrault oder sein Fell gestreichelt hat. Es ist den Schafen vom Hirten nur Gutes widerfahren. Er hat ihnen geholfen zu leben – ja, er hat ihnen verholfen zu einem Leben in Fülle!
Deshalb vertrauen sie dieser Stimme und folgen dem Hirten bedingungslos.

Wenn ich mich nun frage: Habe ich jemals solch ähnliche Sorge in meinem Leben erfahren? Hat jemand mir auf ähnliche Weise seine Liebe gezeigt? Hat es jemals ein Mensch in ähnlicher Weise gut mit mir gemeint und mir gut getan?
Wenn ich mich also diesen Fragen stellen, dann wird mir womöglich meine Mutter einfallen oder ein Mensch, der mich sehr mütterlich behandelt.
Mein christlicher Glaube wird mich weiter in die Tiefe führen einem Gott entgegen, der für mich wie eine Mutter und ein guter Hirte ist und der mir in Jesus Christus begegnet.

Wenn ich zudem bedenken, dass es Jesus ist, der das Hirtenwort des heutigen Evangeliums an uns richtet, dann werde ich im Hirten Jesus selber und in der Herde die Gemeinschaft all jener finden, die in der Kirche ihm gehören und ihm folgen. Und in uns wird das Gespür erwachen, dass Hirten- und Mutterliebe Jesu eben diese Kirche durchblutet und erlebbar wird in ihren Hirten – in allen Menschen, die sich in der Kirche engagieren, ehrenamtlich oder hauptberuflich  bis hinauf zum Papst.

Und zuletzt wird jeder einzelne von uns sich als Glied dieser Gemeinschaft erfahren und spüren, wie der Hirte und die Mutter in ihm erwachen und sich umschauen nach der Herde und nach den Kindern, die ihm anvertraut sind. Und Jesus, der Hirte, wird so neue Gestalt in ihm gewinnen und seine Herde weiterführen auf dem Weg der Lebensfülle. Amen!

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