Samstag, Mai 24, 2014

Himmlischer Augenblick

         


+ Evangelium nach Johannes 14:1 - 12

1  Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2  Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? 
3  Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4  Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
5  Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?
6  Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
7  Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
8  Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
9  Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? 
10  Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
11  Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke!
12  Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.



"Euer Herz lasse sich nicht verwirren!" (Joh 14:1a) Jesus sorgt sich um die Herzensstimmung seiner Jünger. Er spürt und sieht, wie sie sich fürchten, ohne ihn zu sein und wie sie keine Zukunftsperspektive ohne ihn haben. Sie können sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sie sind jesussüchtig geworden und allein schon der Gedanke, er verlasse sie, ruft bei ihnen Entzugserscheinungen hervor. Es mag so ähnlich sein, wie wenn jemand sehr vertrauter uns auf unbestimmte Zeit oder gar für immer verlässt.

Jesus war schon so sehr in ihrem Leben beheimatet, er war schon so sehr in ihrem Denken, Fühlen und Tun zu Hause, er hat in ihrem Leben schon so sehr Wohnung genommen, dass sie wirklich nicht mehr wussten, wie es denn ohne ihn weitergehen sollte. Die Jünger sind von ihm total abhängig geworden und ihn loszulassen, erscheint ihnen schier unmöglich.

Ist eine solche Abhängigkeit von Jesus im Leben jedes Einzelnen von uns oder auch nur im Leben eines/r Einzigen von uns möglich oder überhaupt denkbar? Ist einer von uns so christlich geworden, dass für ihn ein Leben ohne Jesus undenkbar ist? Diese Frage führt weit über den Rahmen des Traditionellen hinaus und hinein in die Tiefe einer persönlichen Beziehung mit Jesus, die selbst die Intimität der ehelichen Beziehung hinter sich lässt. Die Antwort auf diese Frage mag jeder von uns selber geben - und er mag sie Jesus persönlich geben. Das Folgende mag dabei hilfreich sein.

Jesus hat Verantwortung auf sich geladen, indem er die Jünger so eng an sich gebunden hat. Wie hat Antoine de Saint einmal gesagt: Man ist verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat. Geht Jesus also verantwortlich mit den Jüngern um, indem er sie nun verlassen will?

Sehen wir zu, in welcher Weise Jesus seine Verantwortung für die Jünger wahrnimmt. Er weiß, wie sehr er in das Leben seiner Jünger hinein verwoben ist. Und eben diese Verwobenheit nimmt Jesus auf und nimmt sie mit: So wie ihm die Jünger in ihrem Leben einen Platz bereitet haben, bereitet er ihnen jetzt einen Platz beim Vater. So wie sie ihn in ihre Familie aufgenommen haben nimmt er sie auf in seine Familie beim Vater. So wie er bei ihnen und mit ihnen gewohnt hat sollen auch sie bei ihm und mit ihm wohnen. Das familiäre Beisammensein und Miteinanderwohnen nimmt Jesus mit zum Vater - dort wird es fortgesetzt. Der Weg in dieses Wohnen mit Jesus beim Vater führt über den Glauben: Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Dabei wird auch die Individualität gewahrt bleiben: Die Jünger werden nicht einfach wahllos auf die vielen Wohnungen verteilt, die beim Vater sind. Nein, Jesus geht zum Vater, um dort unter den vielen Wohnungen einen Platz für sie zu bereiten, das heißt für jeden die Wohnung, die ihm entspricht, die zu ihm passt und von der jeder einzelne seiner Jünger dann sagen kann: Ich habe von Jesus nicht irgendeine Wohnung zugeteilt bekommen sondern meine Wohnung: die Wohnung, die genau zu meinem einmaligen Leben hier auf Erden und zu meiner einmaligen Beziehung zu Jesus und zu Gott passt.

Außerdem bietet Jesus das totale Service: Sie brauchen vom Bahnhof oder von sonst woher nicht allein in die Wohnungen beim Vater gehen, die Jesus ihnen bereitet hat. Nein, vielmehr kommt er wieder zu ihnen und wird sie holen, dass sie dort bei ihm sind, wo er ist. Den Weg in die Wohnung, die Jesus ihnen beim Vater bereitet hat, werden sie zusammen mit ihm gehen.

Zeitlich gibt Jesus keinen Rahmen: Er lässt nicht durchblicken, wie lange er braucht, um für die Jünger eine Wohnung zu bereiten und wann er wieder zu ihnen kommt. Auch die räumliche Angabe bleibt unbestimmt: Ich werde euch zu mir holen, dass auch ihr dort seid, wo ich bin. Damit hat Jesus das Wohnen bei seinem Vater nicht auf einmal vergessen sondern das Wohnen beim Vater ist geworden zum Sein dort, wo Jesus ist. Wo aber ist Jesus? Er gibt als Auferstandener selber die Antwort, wenn er sie in alle Welt hinausschickt, sein Evangelium zu verkünden und die Menschen zu taufen auf den dreifaltigen Gott: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28:20) Wir müssen nicht überall sein, um bei Jesus zu sein; aber überall, wo wir sind, wird Jesus bei uns sein. So findet durch Jesus seine Erfüllung, wie Gott sich dem Mose im brennenden Dornbusch offenbart: "Ich bin der Ich-bin-da!" (Ex 3:14)

So bereitet Jesus den gegenwärtigen Augenblick zum Platz, an dem wir bei ihm sind und zu unserer Wohnung bei seinem Vater. Mit dem Sein bei Jesus und dem Wohnen bei seinem Vater brauchen wir nicht warten, bis der Tod uns ereilt. Beides ereignet sich vielmehr im gegenwärtigen Augenblick: das Sein bei Jesus und das Wohnen beim Vater beginnt Jetzt! So bricht der Himmel in unser Leben herein und macht die Gegenwart zum Himmel! Der Himmel will nicht warten, bis wir zu ihm kommen und in ihn eintreten - er kommt jetzt schon zu uns und will jetzt bei uns sein.

Dieses Jetzt, jeder Augenblick beschenkt, denn er ist überreich beschenkt durch Gottes Gegenwart. Jedes Vergangene mündet in die Gegenwart und findet dort seine Erfüllung; jedes Künftige nimmt von dort seinen gesegneten Anfang. Lebe ich also in dieser von Gott geprägten Gegenwart dann habe ich Leben in Fülle, dann baue ich als lebendiger Stein das Reich Gottes auf, dann bin ich lebendiges Glied seiner Kirche. Amen!

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