Samstag, November 10, 2012

Alles geben

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 12: 38 – 44

In jener Zeit
38lehrte Jesus eine große Menschenmenge und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt,
39und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
40Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
41Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.
42Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein.
43Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.
44Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.






Wir können uns die Erzählung aus dem heutigen Evangelium gut vorstellen: Wie sie daherkommen, die vielen Reichen und gönnerhaft ihre beträchtliche Spende in den Opferkasten gleiten lassen;
und im Gegensatz dazu die Witwe, die ihre beiden Münzlein verstohlen und verschämt in den Opferkasten gibt; diese arme Frau wird sich wohl auch bei sich selber gedacht haben: Was sind meine beiden Münzen wohl wert im Vergleich zu den Tausendern oder vielleicht gar Millionen der Reichen? Vielleicht hat sie in Anbetracht dieser gewaltigen quantitativen Differenz gar überlegt und gezögert, ob sie überhaupt etwas in den Opferkasten werfen soll.

In dieser Situation nun das Wort Jesu:
„Diese arme Witwe
hat mehr in den Opferkasten geworfen als alle andern.
Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben;
diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat,
sie hat alles gegeben, was sie besaß,
ihren ganzen Lebensunterhalt.“ (Mk 12:43c – 44)

Jesus wertet anders. Er sieht nicht die Spende für sich allein genommen; er sieht die Spende in Beziehung zum übrigen Leben der Geberin. Und dabei gewinnt die Gabe einen Wert, der tiefer liegt, als die zähl-, mess- und wägbare Menge. Die Gabe gewinnt an Qualität. Die Reichen haben ihre Gabe so bemessen, dass ihre Lebenssicherheit in keiner Weise gefährdet wurde; die arme Witwe jedoch hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt. Bei ihr ist nichts mehr übrig geblieben, von dem sie noch hätte leben können.

Die Reichen hingegen sind in Gefahr sogar noch aus ihrer Gabe Profit zu schlagen im Sinne einer Großmannssucht, wie Jesus sie im ersten Teil des heutigen Evangeliums anprangert: gern in langen Gewändern gehen, es lieben, auf den Straßen und Plätzen gegrüßt zu werden, die vordersten Sitze in den Synagogen und die Ehrenplätze bei jedem Festmahl, scheinheilig lange Gebete. Da könnte sich nur allzu leicht die ansehnliche Spende in den Opferkasten nahtlos anfügen.

Wir brauchen uns nur umzuschauen, dann finden wir diese Kategorie von Menschen auch unter den maßgeblichen Leuten von Politik und Wirtschaft auch in unserem Land. Und wenn wir uns selber etwas genauer anschauen, vielleicht finden auch wir uns dann in dieser Kategorie von Menschen vor.

Jesus hebt mit seinen Worten eine Großzügigkeit hervor, die diesen Namen wirklich verdient,
weil sie bereit ist, an die Substanz zu gehen;
weil sie bereit ist zu geben, bis es weh tut;
weil sie bereit ist, den Preis des eigenen Lebens einzusetzen zugunsten anderer.
Wir dürfen uns nicht wundern, dass Jesus diese Haltung favorisiert; es ist nämlich seine eigene Haltung, sein eigenes Herz, sein eigenes Leben, das er in dieser armen Witwe vorfindet: Er hat nämlich selber auch sein Leben in den Tod am Kreuz dahingegeben, um uns das Leben in Fülle zu ermöglichen.
Im November gedenken wir übrigens zweier markanter Heiliger, die diese Haltung Jesu und der Witwe für uns vorbildlich nachgelebt haben, nämlich heute des hl. Martin und dann am 19.11. der hl. Elisabeth von Thüringen.

Jesus will uns durch sein Verhalten und seine Worte noch etwas weiteres einprägen: nämlich die Achtsamkeit auf das Unscheinbare und das Alltägliche in der Lebenshingabe unserer Mitmenschen.

Was ich meine, möchte ich an einem Beispiel aus unserer Gemeinde erläutern: Da hat mir eine Mutter erzählt, dass ihr Bub immer wieder einmal nach dem Mittagessen sich bei ihr bedankt für die gute Mahlzeit.

Wann habe denn ich mich das letzte mal bei meiner Mutter oder bei meiner Frau bedankt für das gute Essen, das sie mir täglich zubereitet oder für das ordentliche Aufräumen im Haus oder für die Gartenpflege oder für sonst eine alltägliche Gefälligkeit.

Ich denke, die arme Witwe des heutigen Evangeliums begegnet uns auf vielfältige Weise in den Menschen, mit denen wir täglich beisammen sind. Werden wir doch wieder aufmerksamer und dankbarer für die kleinen, unscheinbaren Gaben und Dienste, in denen trotz ihrer Unscheinbarkeit ein ganzes Leben und ein liebendes Herz zu finden ist.

Damit ist der Schritt zum nächsten Gedanken naheliegend: Wie reich und wie schön und wie liebevoll doch unser Leben ist gerade in den vielen, unscheinbaren, unzählbaren und alltäglichen Weisen, in denen wir uns begegnen, uns gegenseitig beschenken und uns helfen. Diesen Reichtum unseres Lebens sollten wir erhalten und fördern, indem wir nicht nur bei den anderen sondern auch bei uns selber in allem Tun und Lassen auf die Qualität des Herzens schauen und nicht auf die Quantität der Menge.

Die arme Witwe des heutigen Evangeliums darf nicht sterben. Sie muss in unserem Leben immer lebendiger werden, damit dieses Leben wirklich lebenswert bleibt und seinen Reichtum in die Tiefe, in die Höhe und in die Weite entfalten kann. So werden wir gewiss jener Lebensfülle immer näher kommen, die an den Himmel erinnert, die Jesus uns zugedacht hat, für die er selber sein Leben hingegeben hat. - Amen!

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