Samstag, November 10, 2012

1. Gebot

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 12: 28b – 34

In jener Zeit
28bging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
31Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,
33und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
34Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.




Die Frage nach dem ersten Gebot von allen ist die Frage nach dem Wichtigsten im Leben, nach dem, was vor allem andern Vorrang hat. Jesus wird diese Frage gestellt. Und er versteht diese Frage nicht als abstrakte, theoretische Erörterung über die Wichtigkeit von Geboten sondern als persönliche Anfrage, was denn in seinem Werteranking vor allem anderen steht.

Jesus antwortet als Jude auf dem Boden des jüdischen Gesetzes:

„Das erste ist: Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“(Mk 12:29 – 31)

Diese Antwort macht klar: Nicht ein „Es“ ist Erstes sondern ein „ER“ ist Erster: Gott! Nicht ein Gebot, nicht eine Sache steht an erster Stelle im Leben Jesus sondern eine Person – und damit eine persönliche Beziehung zu dieser Person!

Doch schauen wir uns die Antwort Jesu näher an, um sie besser verstehen zu können. Er drückt sich nicht mit eigenen Worten aus sondern nimmt sich die Worte eines Großen aus Israels Geschichte zu eigen: er antwortet genauso wie Mose zum Volk Israel am Berg Sinai gesprochen hat. In der ersten Lesung haben wir sie gehört: Dtn 6:2 – 6.
Damit möchte Jesus seinen Zuhörern sagen: Ich bin der neue Moses, der euch heute sagt, was in eurem Leben erstrangig sein soll.
Zugleich sagt Jesus damit aber auch, dass er sich, wie das übrige Volk Israel ebenso als Adressat dieser Worte sieht: Was in diesem Punkt für das ganze Volk Israel zählt hat gleichermaßen für ihn selber Geltung. Damit drückt Jesus seine Bereitschaft aus, dieses Gebot durch sein Leben zu erfüllen. Wie diese Erfüllung aussieht, können wir in den Evangelien nachlesen bis hin zu seinem Tod, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt; ja und dann noch weiter in der Aussendung des hl. Geistes, im Werden seiner Kirche und in ihrer Entfaltung seither. So gesehen stehen wir als Mitglieder dieser Kirche mitten drinnen in der Antwort, die Jesus auf die Frage nach dem ersten Gebot gibt und wir selber können uns durch unser christliches Handeln als lebendigen Teil dieser Antwort sehen.

Die Antwort Jesu beginnt mit der Aufforderung zum Hören. Dieses Hören signalisiert Offenheit, Empfangbereitschaft. Dahinein dann die Feststellung, dass der Herr, unser Gott, der einzige Herr ist. Das heißt: im Vergleich zu allen anderen Herren welcher Art auch immer verdient der Gott Israels als Einziger wirklich diesen Namen „Herr“. Alle anderen sind Herrlein, Halbherren oder Unherren, die aus sich heraus keine Autorität beanspruchen und keine Macht ausüben können. Diese Worte sind freilich im Hinblick auf die Götter damals gesprochen gelten aber genauso den Göttern unserer Zeit.

Diese Einzigkeit des Herrseins des Gottes Israels hat nun eine Besonderheit, die eben seine Einzigkeit ausmacht. Der Gott Israels ist nicht Herr, um alles andere zu erniedrigen und zu unterdrücken sondern er ist Herr, um sein Volk zu erhöhen und es zu erlösen. Er ist Herr um seines Volkes willen. Sein Herrsein drückt seine totale Verfügbarkeit für sein Volk aus. Er ist Herr, damit er mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele und mit all seinen Kräften für sein Volk da sein kann. Dieses Herrsein Gottes kommt zum unüberbietbaren Höhepunkt darin, dass er seinen eigenen Sohn in diese Welt schickt, um ihre Erlösung endgültig und grundlegend zu bewirken. Und genau das hat Jesus in seinem Leben immer deutlicher erkannt – und im Erkennen immer entschlossener erfüllt.

Wenn das nun so ist, dürfen wir uns nicht verwundern, dass die antwort auf eine derartige Einzigkeit Gottes nur dies ein kann, dass auch Israel diesen Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Gedanken und aller Kraft lieben soll.

Und es liegt in der Logik dieser Einzigkeit Gottes, den Nächsten zu lieben, wie sich selbst. Darum fügt Jesus dieses zweite Gebot bei zu unauflöslicher Verbundenheit mit dem ersten. Denn erst in der Nächstenliebe wird die Gottesliebe Mensch geradeso wie Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Und in der Tat können wir erst in der Nächstenliebe erkennen, dass wir Gott lieben; denn wir lieben Gott gerade so wie wir den Nächsten lieben – nicht mehr und nicht weniger! – Amen!

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