Freitag, Oktober 12, 2012

Der Glaube sieht


 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10: 46 – 52

46     Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
47     Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
48     Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
49     Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
50     Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
51     Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
52     Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.






Es gibt das Phänomen, dass Blinde mehr sehen als die Sehenden. So gewinnen wir auch in der heutigen Heilungsgeschichte aus dem Evangelium den Eindruck, dass der blinde Bartimäus der Sehende ist und die Sehenden um ihn eigentlich die Blinden sind.
Denn von niemandem wird Jesus als der Sohn Davids gesehen und bekannt – außer vom blinden Bartimäus. Das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Davids bedeutet aber das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias; es bedeutet das Bekenntnis zu dem, der die Verheißung aus der ersten Lesung Wirklichkeit werden lässt. Wir erinnern uns noch an die vorhin gehörten Worte, in denen Gott von sich selber sagt:

„Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland
und sammle sie von den enden der Erde,
darunter Blinde und Lahme,
Schwangere und Wöchnerinnen;
als große Gemeinde kehren sie hierher zurück.

Weinend kommen sie,
und tröstend geleite ich sie.
Ich führe sie an wasserführende Bäche,
auf einen ebenen Weg, wo sie nicht straucheln.“ (Jer 31:8-9a)

Diese Worte drücken die Erwartung aus, die Bartimäus im Hinblick auf Jesus hat, und diese Erwartung lassen ihn an sein Messiasbekenntnis die Bitte anfügen: „Hab Erbarmen mit mir!“ (Mk 10:47b)

Nun ist Bartimäus mit seinem Bekenntnis und seiner Bitte nicht nur allein unter den vielen Menschen um ihn, er stößt damit auch auf Widerstand und Ablehnung bei vielen Leuten um ihn: „Viele wurden ärgerlich
und befahlen ihm zu schweigen.“ (Mk 10:48)

Äußerst entmutigend diese ganze Situation; gerade er, ein Blinder, der besonders auf das Entgegenkommen seiner Mitmenschen angewiesen ist, gerade er erfährt Widerstand und Ablehnung.
Kees de Kort, ein holländischer Künstler, zeichnet sehr anschaulich, wie Bartimäus auf diese ablehnende Front seiner Mitmenschen reagiert: Mit hochrotem Kopf malt er ihn, als er ein zweites mal schreit: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ (Mk 10:48b)

Diese Reaktion des Bartimäus zeigt, wie deutlich er sieht und wie sehr er seine Vision durchsetzen möchte.
Sie zeigt auch, dass es ihm nicht darum geht, von den Menschen gehört zu werden. Jesus soll ihn hören!
Trotz seiner Abhängigkeit von seinen Mitmenschen zeigt Bartimäus eine außerordentliche Selbständigkeit und Eigenwilligkeit, die zweifellos von seiner Ausrichtung auf Jesus herkommt: Seine Hoffnung auf Jesus, sein Vertrauen auf ihn lässt ihn hoffen gegen jede Hoffnung, lässt ihn bitten und rufen gegen jeden Widerstand von Seiten seiner Mitmenschen; das Vertrauen auf Jesus gibt ihm Rückgrat und Festigkeit in seinem Bekenntnis zu Jesus und in seinem Bitten um die erbarmende Hilfe Jesu.

Dieses Rufen hört Jesus.

Und er sagt den Leuten: „Ruft ihn her!“ (Mk10:49a)
Es ist bemerkenswert, dass Jesus nicht auf Bartimäus zugeht; er muss doch bemerkt haben, dass Bartimäus blind ist. Jesus zeigt sich gar nicht zuvorkommend, er benimmt sich irgendwie gedankenlos, wenn nicht gar rücksichtslos, dem Bartimäus gegenüber.
Indem Jesus aber den Leuten sagt, sie sollen ihn zu ihm herrufen, bindet er diese Leute in seinen Dienst an Bartimäus ein; er macht die Leute so zu Mithelfern am Werk der Befreiung des Bartimäus. Das zeigt sich bereits unübersehbar am Gesinnungswandel der Menschen um Bartimäus:
waren sie zuvor noch ärgerlich über ihn und haben sie ihm befohlen zu schweigen so sagen dieselben Leute jetzt zu ihm: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich!“ (Mk 10:49b)
Waren die Leute zuerst eine Mauer so sind sie jetzt eine Brücke; waren sie zuvor ein Hindernis so sind sie jetzt eine Hilfe!
Jesus hat sie dazu gemacht.

Und dann hörten wir wie Bartimäus seinen Mantel wegwarf, aufsprang und auf Jesus zulief! Ihr habt Euch nicht verhört: Er lief auf Jesus zu! Einen Blinden nun sieht man tasten, man sieht ihn vorsichtig gehen und wenn er es eilig haben sollte, sieht man ihn höchstens stolpern – aber regelrecht laufen werden wir einen Blinden, selbst wenn er es eilig hat, nicht sehen.
Bartimäus aber läuft auf Jesus zu! Nichts bringt deutlicher zum Ausdruck, dass dieser Blinde bereits ein Sehender ist – was seinen Weg auf Jesus zu angeht.

Jesus zeigt sich erneut merkwürdig begriffsstutzig, indem er den Bartimäus fragt: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10:51a)
Mit einigem Hausverstand hätte Jesus doch wohl annehmen können, dass Bartimäus von seiner Blindheit geheilt werden möchte und dass er ihn deswegen um Hilfe gerufen hat.
Durch seine Frage bringt Jesus den Bartimäus jedoch dazu, noch einmal Jesus als Rabbuni, als den Meister, als den Messias zu bekennen und noch einmal klar seine Bitte auszusprechen.
Diesmal jedoch geschehen Bekenntnis und Bitte im direkten, persönlichen Gespräch mit Jesus und nicht mehr wie vorhin inmitten einer unpersönlichen Menschenmenge.
Fern vom Herrn und in der Nähe des Herrn – in beiden Situationen ist sein Vertrauen auf den Herrn und sein Glaube an den Herrn gefordert;

Erst nach diesem Weg konnte er die Worte Jesu vernehmen: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Mk 10:52a)
Erst nach diesem Weg durfte er den Augenblick erleben, an dem er wieder sehen konnte.
Nur dieser Weg führt ihn in die Nachfolge Jesu! - Amen!

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