Donnerstag, September 13, 2012

Kreuzesnachfolge

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 8: 27 – 35

In jener Zeit
27ging Jesus mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen?
28Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten.
29Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias!
30Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen.
31Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen.
32Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe.
33Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
34Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
35Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.





Es sind zwei Welten, die im heutigen Evangelium aufeinanderprallen: die Welt Jesu und die Welt des Petrus.

Jesus sagt seinen Jüngern offen, welcher Leidensweg ihm bevorsteht:
„Der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten,
den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet.“ (Mk 8:31)
Jesus spricht diese Worte in Form einer offenen Belehrung zu seinen Jüngern. Das heißt: die Jünger lernen durch die Worte Jesu etwas dazu, etwas das für das rechte Verständnis Jesu wichtig ist: Jesus erweitert seinen Jüngern den Wissenshorizont über den Messias um die wesentliche Dimension des Leidens und des Sterbens.

Was Jesus selber betrifft, so sagen diese seine Worte, dass er um seinen bevorstehenden Leidensweg weiß und dass er bereit ist, diesen Weg zu gehen.
Dass es Jesus möglich ist, sich so zu verhalten, kommt daher, dass er erstens diesen seinen Leidensweg als Willen Gottes erkennt und dass er zweitens diesen Leidensweg nach drei Tagen in der Auferstehung enden sieht.
Jesus sieht sich also mit seinem Schicksal nicht allein im Regen stehen; vielmehr sieht er Gott selber dahinterstehen. Und dann sieht er seinen Leidensweg durch die Auferstehung begrenzt.

Die Welt des Petrus hingegen ist eine ganz andere. Er sieht ausschließlich das Leidvolle und das Tödliche dieses Weges; kein Gedanke, dass dies Gott zulassen könnte; Petrus überhört auch völlig, dass Jesus ausdrücklich von seiner eigenen Auferstehung am dritten Tag spricht. Auferstehung ist für Petrus kein Thema; sie wird vom angekündigten Leiden und Sterben völlig an den Rand gedrängt und erdrückt.

Es ist in der Tat ein menschlich sehr verständliches Bestreben, wenn Petrus nicht möchte, dass Jesus leidet und stirbt und wenn er Jesus deshalb Vorwürfe macht. Wir würden sagen, Petrus meint es einfach nur gut mit Jesus.
Um so mehr ist die Antwort Jesu auf die Vorwürfe des Petrus nicht nur für diesen sondern auch für uns eine richtige Watschen:
„Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an
und wies Petrus mit den Worten zurecht:
Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!
Denn du hast nicht das im Sinn was Gott will,
sondern was die Menschen wollen.“ (Mk 8:33)

Diese Worte sind ein echter Hammer; mit „Satan“ hat Jesus nicht einmal seine Feinde angeredet.
Diese Reaktion Jesu lässt darauf schließen, dass Petrus mit seinem Einwand einen sehr heiklen Punkt bei Jesus berührt hat.
Wenn wir uns daran erinnern, wie Jesus in der Wüste versucht wurde, ein üppig angenehmes und angesehenes Messiasleben zu führen;
wenn wir weiter bedenken, wie Jesus am Ölberg mit der Angst vor dem unmittelbar bevorstehenden Leiden und Sterben zu kämpfen hatte;
und wenn wir zuletzt erwägen, wie sehr von Gott verlassen sich Jesus am Kreuz fühlte - dann können wir die Reaktion Jesu im heutigen Evangelium verstehen.
Jesus hat den Konflikt zwischen seiner Welt und der Welt des Petrus zeitlebens in seinem eigenen Innern erfahren, erlitten und ausgetragen.
Jesus wurde wiederholt versucht, so zu leben, wie die Menschen wollen: möglichst ohne Leiden und ohne Sterben.
Jesus hatte Angst, den Weg des Leidens und des Sterbens zu gehen.
Und wenn sich Jesus im heutigen Evangelium so eindeutig zu diesem seinem Leidens- und Sterbensweg bekennt, dann tut er damit, was er während seines Erdenlebens immer wieder getan hat: nämlich sich bewusst entscheiden für diesen seinen Weg.

Petrus hat Jesus an einer wunden Stelle seines Lebens getroffen. Das macht die Überreaktion Jesu deutlich, wenn Jesus den Petrus einen Satan nennt, der von ihm weichen möge.
Das Ansinnen des Petrus möchte Jesus in seiner Entschiedenheit gefährden und schwächen, darum muss Jesus ihn mit aller nur möglichen Schärfe zurückweisen.
Die Kraft zu dieser entschlossenen Entschlossenheit nimmt Jesus aus dem Wissen, dass es Gottes Wille ist, wenn er sein Leiden und Sterben annimmt und durchträgt. Von diesem Willen Gottes hat sich Jesus durch Begegnung und Verbundenheit mit Gott, seinem Vater, überzeugt. Ja, Jesus musste und konnte sich nur so des Willens seines Vaters vergewissern.

Wir können aus dem Verhalten Jesu und des Petrus deutlich herauslesen, was diese beiden Welten trennt und was ihnen gemeinsam ist: Gemeinsam ist der Wunsch nach einem Leben, das frei ist von Leid und Tot.
Der Unterschied liegt in der Verwirklichung dieses Wunsches:
Petrus will Leiden, Sterben und Tod ausblenden, er will sie umgehen und so diesen Lebenswunsch erfüllen. Seine Devise heißt Ausweichen, Verdrängen, Ignorieren.
Jesus will diesen Lebenswunsch erreichen, indem er nicht ausweicht sondern durch Leiden und Tod hindurch geht. Seine Devise heißt Zur Kenntnis nehmen, Annehmen, Durchleiden.
In diesem Sinn meint Jesus:
Wer sein Leben retten will, wird er verlieren!
Wer sein Leben retten will unter Umgehung von Leiden, Not, Sterben und Tod, der verliert es – weil diese Haltung völlig am Leben vorbeiläuft; denn unser Leben beinhaltet nun einmal auch als wesentlichen Bestandteil alle diese negativ empfundenen Wirklichkeiten; um die kommt niemand herum, da mag er tun und haben, was er will. Unser Leben ist unteilbar; und wer das halbe Leben streicht, der streicht das ganze Leben.

Es bleibt also realistischer Weise als einziger Weg zur Lebensfülle nur der, der das Leben in seiner Fülle annimmt und lebt; und zur Fülle, zum Ganzen unseres Lebens gehört nun einmal auch das Unangenehme, das Kreuz, das Sterben und der Tod.
Es bleibt also der Weg, den Jesus geht; den er uns vorausgeht.
Und nur, wenn wir diesen Weg nach- und mitgehen, gehören wir zu Jesus. Wer Jesu Jünger sein will, muss in dieser wesentlichen Frage mit Jesus eines Sinnes ein. Das fordert Jesus ein mit den Worten:
„Wer mein Jünger sein will,
der verleugne sich selbst,
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8:34b)

In der Nachfolge Jesu wird das Unannehmbare an der Nacht unseres Lebens annehmbar und das Unerträgliche wird erträglich.
Und wenn Jesus auch uns im heutigen Evangelium fragt:
Ihr aber, für wen haltet ihr mich?   dann wollen wir ihm antworten:
Du bist der Messias, der Erlöser, indem du uns tragen hilfst, was wir allein nicht tragen können und indem du uns loslöst von allem, wovon wir uns selber nicht lösen können. - Amen!

Keine Kommentare: