Freitag, September 07, 2012

Effata - Öffne dich!

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7: 31 – 37 

In jener Zeit
31verließ Jesus das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.
32Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
33Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
34danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich!
35Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden.
36Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
37Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.







Es wäre ein grundlegendes Missverständnis, wenn wir das heutige Evangelium nur so hörten, als wären wir nicht taub und nicht stumm. Wir würden den Zugang zur zentralen Botschaft dieses Evangeliums verfehlen, wenn wir glaubten, wir wären Hörende und könnten sprechen.
Natürlich hören wir und natürlich können wir sprechen - was man landläufig eben unter hören und sprechen versteht. Damit meine ich jenes Hören, das hört, was es hören will; und jenes Sprechen meine ich, das sich keine Mühe macht um das, was man nur schwer in Worte kleiden kann, weil man es nicht gerne sagen will.
Es gibt in der Tat vieles, was wir hören sollten - aber wir hören es nicht; und es gibt vieles, was wir sagen sollten - aber wir sagen es nicht!
So ist jeder von uns hörend und taub zugleich,
und jeder kann sprechen und ist dennoch stumm;
Simul iustus et peccator - zugleich Gerechte und Sünder  sind wir - wie Martin Luther unsere Doppelgesichtigkeit ins Wort bringt.

Mit der Heilung des Taubstummen will Jesus uns fragen: Wo seid ihr taub und wo seid ihr stumm? Welche Taubheit und welche Stummheit könnte ich bei Euch heilen?

Auf eine Art von Taubheit macht uns die zweite Lesung aus dem Jakobusbrief aufmerksam: Auf die Taubheit gegenüber der Sprache der Armen, die uns in der Armut - oder wenn es Euch besser gefällt: in einer einfachen Lebensweise - jene Haltung empfiehlt, die uns erst empfänglich macht für das Reich Gottes.
Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt,
um sie durch den Glauben reich
und zu Erben des Königreichs zu machen,
das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Und hat diese Sprache der Armen nicht einen bedenkenswerten Gleichklang mit der Sprache der Schöpfung, für die wir ebenfalls taub geworden sind?
Fordert nicht auch diese Sprache der Schöpfung immer deutlicher und immer drängender ebenfalls eine einfache Lebensweise von uns, weil ansonsten wir Menschen schneller als uns lieb ist für diesen Erdball unerträglich werden?

Es ist schon erstaunlich wie sehr das Reich Gottes Hand in Hand geht mit einem sorgsamen Umgang mit unserer Erde.
So wie Gott sich durch die Menschwerdung seines Sohnes in Jesus an uns, seine Geschöpfe, gebunden hat
genauso bindet er sein Reich an seine Schöpfung;
so daß also unser Umgehen mit der Schöpfung mithilft das Reich Gottes aufzubauen oder es zu verhindern.

Wir sind aber nicht nur taub für die Armen und für die Schöpfung  - wir sind auch taub für uns selber; für jene Stimme in uns, die uns zum Frieden rät, die uns zur wahren Freiheit führt, die das, was dem Leben dient, in uns fördert. Nennen wir sie die Stimme des Gewissens, das uns gemäß dem Naturrecht den Weg der Gebote Gottes führe will.

In dem Maße wir nun für diese drei Stimmen taub sind verstummen diese Stimmen in uns und werden wir selber stumm für die Sprache der Liebe und des Lebens; wir können diese Sprache nicht mehr sprechen; etwa, indem wir uns im alltäglichen Leben nicht mehr unbekümmert zu unserem Glauben bekennen;
oder indem wir uns das nicht mehr zu sagen getrauen, was uns eigentlich am Herzen liegt und was uns bewegt - und daß wir es demjenigen nicht mehr sagen können, den es betrifft; mag dieser "derjenige" nun unser Nächster oder mag es Gott sein.

Woher nun diese Taubheit und diese Stummheit?
Weil wir verschlossen sind; weil wir uns verschließen und versperren. Von diese Verschlossenheit können wir uns nicht selber befreien; jemand anderer muß uns auftun.

Jesus will auch zu uns sagen: Éffata - Öffne dich!

Das Bezeichnende an dieser Heilung ist, daß der Taubstumme nicht selber zu Jesus hingelangt - kann er ja auch nicht, da er die Botschaft Jesu nie gehört und da er selber ja nicht sprechen kann.
Andere aber, die Jesu Worte gehört haben bringen ihn zu Jesus und bitten ihn, er möge ihn berühren und so heilen.
Das bedeutet also, daß wir in unserer Verschlossenheit aufeinander angewiesen sind; daß wir einander zu dem führen sollen, der uns öffnen kann; es heißt dies somit auch, daß wir das Wort Gottes nicht nur für uns sondern auch füreinander hören; wir hören es auch für den neben uns, der es nicht hören kann; auch das Evangelium ist somit ein Gut, das wir füreinander bekommen haben und das wir deshalb auch miteinander teilen sollen.
Wie aber teilen wir dieses Wort Gottes miteinander? Habt Ihr Euch das schon einmal überlegt? Diese Frage läuft ganz gegen die weitverbreitete Meinung, das Evangelium sei nur persönlicher Seelentrost und Religion nur Privatsache. Diese Frage zielt vielmehr darauf ab, daß wir über die gehörte Botschaft sprechen - zu Hause in der Familie, im Kreis von Freunden - wenn ihr wollt auch hier in der Kirche, an Stelle der Predigt. Was wäre das wohl für viele von uns für ein Muntermacher, wenn es jetzt hieße: Was hat das eben gehörte Evangelium für eine Bedeutung für Dich? Wie hat es Dich berührt? Laß uns teilhaben an den Eindrücken, die das Wort Gottes in Dir hinterlassen hat! Was glaubt Ihr wohl, wie in Erwartung solcher Fragen die meisten von uns dem Evangelium lauschen würden! Aber genauso teilen die Basisgemeinden in Südamerika das Evangelium. Und ich wage auf Grund des heutigen Evangeliums die Behauptung: Entweder hat das Evangelium auch bei uns diese eben beschriebene Zukunft oder es hat bei uns gar keine Zukunft mehr!

Und dann die Art, wie Jesus den Verschlossenen heilt:
Er nahm ihn beiseite,
von der Menge weg,
legte ihm die Finger in die Ohren
und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel!
Jesus holt den Taubstummen von der Menge weg gleichsam in einen eigenen Raum, in ein Separée, in dem nur er und der Kranke sich befinden; dort heilt er ihn, indem er ihn an den Ohren und auf der Zunge berührt. Die Heilung geschieht in einer sehr persönlichen Begegnung, von Angesicht zu Angesicht, in der Abgeschiedenheit von den Leuten. Der Kranke ist so nur mehr und ganz dem ausgesetzt, was Jesus ihm sagt, was er mit ihm tut.

Dieses ganz und nur Jesus ausgesetzt sein, dieses Beisammensein mit Jesus allein, diese Begegnung mit Jesus von Herz zu Herz und von Angesicht zu Angesicht wird auch für uns zur Einladung und zur Herausforderung - zu unserem Heil. Eine starke Herausforderung, weil das, was uns gewöhnlich fesselt, festhält und bestimmt keineswegs gewillt ist, uns widerstandslos den Händen Jesu zu überlassen; da braucht es schon die bestimmten und festen Hände Jesu, die uns beiseite nehmen und von jener vielfältigen Menge wegholen, die uns bestimmt und deren Einfluß wir gewohnt sind.

Und dann das eine Wort, das Jesus spricht: Effata! - Öffne dich!
Es ist für mich immer wieder bezaubernd, wie Jesus da nicht viele Worte redet sondern nur ein einziges Wort spricht: Effata!
Aber dieses eine Wort ist ein wesentliches Wort, ein Wort voll Kraft und voll Leben. Dies erinnert uns an das, worum wir den Herrn unmittelbar vor der Kommunion bitten:

Herr, ich bin nicht würdig,
daß du eingehst unter mein Dach;
aber sprich nur ein Wort,
so wird meine Seele gesund!

Um dieses eine Wort geht es; dieses eine Wort mag der Herr auch zu uns sprechen; und nicht zuletzt auch deshalb, daß der Herr uns heile von jeglicher Vielrederei und uns helfe, Worte zu sprechen, die die Kraft und das Leben unserer persönlichen Überzeugung in sich tragen.

Wir wollen beten:
Gott, unser Vater! Dein Sohn Jesus Christus hat Worte des ewigen Lebens und er macht alles gut. Führe auch uns zur persönlichen und herzlichen Begegnung mit ihm und befreie uns so von aller Verschlossenheit für dich, füreinander und für unsere Schöpfung. Darum bitten wir durch denselben Christus, unseren Herrn! - Amen!

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