Donnerstag, Juli 05, 2012

Ruhm der Schwachheit



 Lesung aus 2 Kor 12: 7 – 10

7Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse.
9Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.
10Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.






Paulus bringt in der heutigen Lesung ein delikates Thema zur Sprache – nämlich seine Schwachheit. Diese Schwachheit nennt er nicht näher beim Namen. Er schreibt bloß von „einem Stachel, der ihm ins Fleisch gestoßen ist und von einem Boten Satans, der ihn mit Fäusten schlagen soll.“ (2 Kor 12:7) Was immer diese beiden Andeutungen heißen sollen – es ist müßig, näheres darüber wissen zu wollen. Wichtig ist, dass Paulus auch seine schwache Seite hatte und wichtig ist, wie er damit umging.

Paulus verschweigt nicht, dass er mit einer konkreten Schwäche behaftet ist und dass er darunter leidet.
Paulus verbirgt nicht die Schattenseite seines Lebens; er stellt sie vielmehr bewusst der Lichtseite seines Lebens gegenüber; und diese Lichtseite nennt er die „einzigartigen Offenbarungen“ (2Kor 12:7), die ihm gegeben wurden im Hinblick auf Jesus. Paulus bekennt sich als ein Mensch mit Licht und Schatten.
Paulus flüchtet auch nicht vor seiner Schwachheit – etwa, indem er sich sagt: Ich werde einmal wiedergeboren, dann aber ohne meine Schwäche; darum kann sie mir jetzt gestohlen bleiben und ich brauche auch keine Mühe aufzuwenden, meine Schwäche zu überwinden.
Oder indem er sich sagt: Ich bin völlig schuldlos an meiner Schwachheit; die anderen sind schuld: meine Eltern, meine Lehrer, die Umstände; ich kann nichts dafür, dass ich schwach bin, darum hat es auch keinen Sinn, mich zu bemühen, meine Schwäche zu überwinden.

Paulus möchte von seiner Schwäche unbedingt frei werden; darum „fleht er zum Herrn, dass dieser Bote Satans von ihm ablasse“ (2Kor 12:8). Er bringt so mit Bitten und Flehen sein Elend vor den Herrn. Er macht seine Not zum Inhalt seines Betens zu Gott.
Und im Gebet bekommt er vom Herrn Erleuchtung und Weisung im Hinblick auf sein Elend: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“(2Kor 12:9).
Der Herr lenkt die Aufmerksamkeit des Paulus von der Nacht seiner Schwachheit auf das Licht der Gnade Gottes. Paulus soll inmitten seiner Misere sich von dieser nicht hypnotisieren, nicht lähmen, nicht bestimmen lassen; vielmehr soll er mitten in seinem Elend die Gnade bedenken, die der Herr ihm erwiesen hat und Kraft dieser Gnade soll er in seiner Schwachheit bestehen. Paulus erkennt so, dass es die Kraft des Herrn ist, die ihn trägt und dass er selber sich darauf nichts einzubilden braucht; so wird Paulus von Überheblichkeit bewahrt.

Dieses Stehen in der Gnade Gottes ermöglicht ihm einen gelösten, weil erlösten Umgang mit dem Dunkel seines Lebens: er braucht nichts zu verdrängen, nichts zu verstecken, er braucht niemandem etwas zu beweisen.
Vielmehr „will er sich seiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf ihn herabkommt“ (2Kor 12:9). Dieser Ruhm der Schwachheit ist keine totale Verkehrung der Werte und keine zynische Resignation vor der Unmöglichkeit einer Umkehr.
Dieser Ruhm der Schwachheit ist wie ein Riss in ausgetrockneter, dürrer Erde, der offen ist und empfänglich für das lebendige und fruchtbringende Nass von oben.

Ich erkenne in diesem Verhalten des hl. Paulus eine starke Ermutigung gerade für den rechten Umgang mit unseren Schwächen, mit den Schattenseiten unseres Lebens. Ich finde diese Worte revolutionär in unserer Zeit, in der das Starke, die Macht, die Kraft, der Lärm verherrlicht wird und das Schwache verschämt verschwiegen oder lächerlich gemacht oder ganz einfach ignoriert wird.
Paulus deckt unsere Schwäche auf als den Ort der Mächtigkeit Gottes. Dieser Ort der Macht Gottes ist zugleich der Ort, an dem sich unsere Eigenmächtigkeit als Ohnmacht erweist. Damit wird unsere Schwachheit als jener Ort offenbar, an dem sich unsere Erlösung und unsere Befreiung vollzieht und Wirklichkeit wird.
Paulus zeigt uns so den Weg, der über die Erfahrung und die Bejahung unserer Schwachheit zur Erfahrung von Erlösung, von Befreiung, von Heilung wird – durch die Kraft und die Macht des Herrn.

So haben wir hin und hin Gelegenheit, die Barmherzigkeit Gottes zu erleben, der durch seinen Sohn uns gefallene Menschen wieder aufrichtet; und dadurch will Gott uns auch hin und hin mit Freude über unsere Erlösung erfüllen und uns so zur ewigen Seligkeit führen durch Christus, unseren Herrn! - Amen!

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