Freitag, Juni 15, 2012

Mutterherz

 
Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 2: 41 – 51

41Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.
42Als er zwölf Jahre alt war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.
43Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten.
44Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten.
45Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.
46Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.
47Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.
48Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.
49Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?
50Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.
51Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.




Setzen wir fort, wo das Evangelium aufgehört hat: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ (Lk 2:51b) Mit diesen Worten wird das Herz Mariens als ein bewahrender Raum angesprochen. Um diesen Raum näher fassen zu können, erinnern wir uns daran, dass es unmittelbar vorher geheißen hat, dass auch sie nicht verstand, was Jesus mit seinen Worten sagen wollte. (vgl. Lk 2:50) Das Herz Mariens ist also ein Raum, in dem auch für den Verstand Unverständliches Platz hat. Das Herz ein Raum, tiefer und umfassender als der Verstand. Im Herzen darf auch sein, was der Verstand nicht fasst. Das ist nicht selbstverständlich sondern eine Entscheidung; die Kraft dazu kommt eben aus dem Herzen, und bei Maria aus einem unbefleckten Herzen. Die Unbeflecktheit und Reinheit ihres Herzens deckt die Quelle dieser Kraft auf: Es ist die Gnade Gottes, deren Maria voll ist. Diese Gnadenfülle rückt das unbefleckte Herz Mariens ganz in die Nähe des göttlichen Herzens Jesu, was ja auch durch die unmittelbare zeitliche Abfolge dieser beiden Feste zum Ausdruck kommen soll.

Dieses unbefleckte Herz ist ein offener Raum in zweierlei Hinsicht. Es ist offen für den Hl. Geist; darum wird es auch Tempel des Hl. Geistes genannt. Und in diesem Geist ist es offen in reiner Liebe zu Gott und zu den Menschen hin. Und wie bereits gesagt: diese Offenheit ist eine Entscheidung, die Maria getroffen hat, als dem Engel die Antwort mitgab: „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast!“ (Lk 1:38)

Dieses Herz ist aufgrund seiner Liebe aber auch offen, indem es alles bewahrt – auch das Unverständliche, das Unbegreifliche; und damit ist nicht nur das Verhalten ihres Sohnes gemeint sondern auch das Verhalten von uns Menschen in seiner unverständlichen sündhaften Verkehrtheit; die Offenheit und Tragkraft des Herzens Mariens für all dies Negative und Dunkle von uns Menschen macht eben dieses Herz auch äußerst verwundbar. Je größer die Liebe desto größer der Schmerz über das Verhalten gegen diese Liebe.

So haben wir allen Grund, das Gnadenwerk Gottes zu preisen, das er uns im unbefleckten Herzen Mariens schenkt.

Gott hat Maria nämlich ein kluges und verständiges Herz geschenkt, bereit auf ihn zu hören und seinen Weisungen in allem zu folgen. Im Vertrauen auf Gottes Vorsehung kann sie nämlich ihr ganzes Leben immer wieder vertrauensvoll in Gottes Willen hineinlegen. Sie weiß, dass sie alle ihre Sorgen – auch jene, die die Menschen ihr anvertrauen, auf den Herrn werfen kann: So kann sie im Herrn, der alles vermag, Erbarmen haben mit allen und über die Sünden der Menschen hinwegsehen, damit sie sich bekehren. (vgl. Weish 11:23)

Gott hat Maria ein neues und mildes Herz geschenkt, in das er selbst das Gesetz des Neuen Bundes eingeschrieben hat. Marias Herz war wie ein leeres Blatt und es war formbar, wie Wachs in der Wärme. Gott konnte ihr den Neuen Bund nach seinen Vorstellungen einschreiben und sie zugleich in diesen Neuen Bund einfügen.

Gott hat ihr ein schlichtes und reines Herz geschenkt, mit dem sie als Jungfrau seinen Sohn empfing und mit dem sie dich schauen darf in ewiger Freude. Es ist die Schlichtheit des Glaubens, in der sie jungfräulich Mutter wurde und die Klarheit ihres Herzens, die die Freude Gottes ungetrübt widerspiegeln kann.

Gott hat ihr ein waches und starkes Herz geschenkt, welches das Schwert des Leidens furchtlos ertrug und die Auferstehung des Sohnes gläubig erwartete. Mutig nimmt sie das Leiden an, das ihr in ihrem Sohn durch die Sünden der Menschen widerfährt und bleibt dennoch in der Hoffnung wach in der Erwartung der Auferstehung.

Im Herzen Mariens ist uns ein Ort geschenkt, an dem wir die lebendige Gegenwart Gottes finden und verehren können; ein Ort, an dem wir herzlich willkommen sind; ein Ort, an dem unsere Gebete Erhörung finden; ein Ort, an dem uns ihre Mutterhände aufrichten und von neuem auf ihren Sohn ausrichten; ein Ort, an dem unser Menschsein geheilt und unser Kindsein vollendet wird. Ein Ort, an dem unsere Liebe zu Gott und zueinander neu erblüht. Ein Ort, den wir Warteraum des Himmels nennen dürfen und Durchgang in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, der gepriesen sein in Ewigkeit! Amen!

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