Donnerstag, Juni 14, 2012

Das offene Herz

 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 19:31 – 37

31Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag.
32Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem Ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
33Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht,
34sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.
35Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.
36Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
37Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.



„Einer der Soldaten stieß mit seiner Lanze in die Seite Jesu und sogleich floss Blut und Wasser heraus.“ (Joh 19:34)

In dieser Szene findet die Hinrichtung Jesu ihren blutigen Höhepunkt. Vielleicht sind wir schon zu sehr an diese Szene gewöhnt als dass sie uns noch berühren könnte. Vertraut mit den bildlichen und figürlichen Darstellungen dieser Szene in unseren Kirchen und zu Hause im Herrgottswinkel; zudem abgehärtet durch zahlreichen Darstellungen von brutaler Gewalt in den Medien kann uns das heutige Evangelium kaum mehr erschüttern.

Es erscheint uns auch gar nicht mehr als Widerspruch, wenn wir den brutalen Mord an Jesus als ein Evangelium, also als eine Frohbotschaft verkünden. Kaum einer fragt sich noch, was an dieser Botschaft noch froh und an dieser Nachricht noch gut sein soll!? Uns ist das spontane und unmittelbare Empfinden abhanden gekommen, wie es unbelastete Kinder noch haben. So ein Kind hat mit seiner Mutter eine Kirche besichtigt. Die Mutter bewundert gerade die barocke Herrlichkeit der Kirche als sie vom Kind dabei unterbrochen wird: Mami, schau, der blutet ja! Und es zeigt dabei auf den gekreuzigten Jesus, der mächtig und unübersehbar an der Wand hängt.

Jesus hat selbst als Toter, als Gekreuzigter noch eine Botschaft für uns. Es ist die Botschaft seines geöffneten Herzens. Diese Botschaft spricht er in unsere Welt herein, die in vielen Hinsichten von verschlossenen Herzen geprägt wird: Misstrauen, Verstocktheit, Unfriede, Krieg sind Anzeichen für verschlossene Herzen.

Jesus will uns sagen: Ich habe mein Herz für Euch geöffnet. Öffnet auch ihr eure Herzen füreinander! Öffnet eure Herzen in der ehelichen Gemeinschaft und in der Familie, öffnet eure Herzen in der Freundschaft und im Beruf, öffnet eure Herzen für die Freude und für die Not um euch.

Dass aber im heutigen Evangelium Jesu Herz durch eine Wunde geöffnet wird will uns sagen, dass Jesus sich verwunden hat lassen und dass er verwundbar ist. Diese Verwundbarkeit ist eine Folge von Empfindsamkeit. Darum ist das Herz Jesu Fest auch eine Anfrage an die Empfindsamkeit unseres Herzens. Wie sehr sind wir noch verwundbar? Und das heißt: Wie sehr sind wir noch berührbar von Freude und Leid in unserer Welt? Wie sehr kann uns das Schicksal unserer Mitmenschen wie auch der ganzen Welt noch zu Herzen gehen?

Im Nachgehen dieser Fragen werden wir gleich bemerken, dass wir nicht unbegrenzt belastbar sind und dass unsere Empfindsamkeit begrenzt ist. Es kommt ein Punkt, an dem wir abschalten und uns verschließen vor dem, was unser Herz berühren möchte. Wir müssen uns verschließen weil wir uns überfordert fühlen.

Gerade in dieser Situation möchte das Herz Jesu uns helfen, dass wir einerseits bewusst und behutsam umgehen mit dem, was uns berührt und dass wir uns andererseits jeglicher Reizüberflutung verweigern, wie sie uns etwa ein unkontrollierter Medienkonsum beschert.

Es ist recht eigentlich die Gedankenlosigkeit im Umgang mit unserem Herzen und unserer Gefühlswelt, die uns hartherzig macht. Diese Gedankenlosigkeit lässt uns auch vergessen, dass unser Herz etwas lebendiges ist und dass es sich weiten und wachsen kann. Wie groß unser Herz wirklich sein könnte – das will uns das Herz Jesu immer wieder bewusst machen. Am Herzen Jesu soll unser Herz wachsen und zur Vollendung reifen – dazu ist es berufen.

Diese Berufung leben wir, wenn wir unsere Gefühle Ernst nehmen; wenn wir uns unser Herz zu Herzen nehmen. Wenn wir das Hinhören auf unser Herz neu lernen; wenn wir das Auskosten unserer Gefühle von neuem üben; das alles hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun sondern damit, dass wir uns um die Ursachen und die Auswirkungen unserer Gefühle kümmern und uns auch auf diese Weise ernst nehmen.

Legen wir unser Herz immer wieder in Jesu Herz hinein, vertrauen wir es ihm an im Wissen darum, „dass Gott größer ist als unser Herz“ (1Joh 3:20b) und dass er selber uns einlädt, wenn er spricht: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11:28)

Maria, die Mutter Jesu, hat in vorbildlicher Weise ihr Herz mit dem Herzen ihres Sohnes verbunden und ihr Leben dem ihres Sohnes angeglichen. Zusammen mit ihr wollen wir zu Gott beten: Barmherziger Gott, das geöffnete Herz deines Sohnes ist für uns ein Zeichen deiner grenzenlosen Liebe. Hilf uns, Boten deiner Vergebung und deiner Liebe zu sein. Durch Christus, unseren Herrn! - Amen!

Keine Kommentare: