Samstag, Mai 26, 2012

Wem dürstet, der komme zu mir!


 
Aus dem hl. Evangelium nach Joh 7:37 – 39

37 Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke,
38 wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.
39 Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.






Dieses Evangelium erinnert mich an zahlreiche Bergwanderungen vor allem in meiner Heimat Tirol.
Ganz früh ging ich schon los. Die ersten Sonnenstrahlen trafen mich bereits weit oberhalb der Baumgrenze. Gegen den Durst hatte ich zwar kühlen Tee in meinem Rucksack mit. Den behielt ich mir aber für den Gipfel auf. Unterwegs erfrischte ich mich an klarem Quellwasser. Es schmeckte herrlich und tat gut. Aus den Händen, zu einer Schale geformt, trank ich das eiskalte Wasser in langsamen, wohltuenden Zügen.

Durstige Menschen brauchen erfrischenden Trank. Dann geht es wieder ein Stück weiter. Ohne Quellen und Raststätten am Weg kann kein Mensch leben. Im Evangelium heute vergleicht sich Jesus selber mit erquickendem Wasser. In seinem Heimatland spielt das Wasser eine überlebenswichtige Rolle.

Durstige Menschen hörten Jesus zu. Sie kamen zu ihm. Sie blieben an ihm hängen. Sie trauten ihm und seiner Einladung. Es sind Menschen, die nicht nur an einer trockenen Kehle leiden.
Ich muss an die Frau vom Jakobsbrunnen denken. Sie ist zunächst tief verunsichert über die Bitte Jesu, ihr zu trinken zu geben. Jesu Wunsch ist der Anlass für die Samariterin, sich Jesus zu öffnen. Nicht der physische Durst quält sie. Ihr Herz ist ausgetrocknet, weil sie an ihren gescheiterten Beziehungen zu Grunde zu gehen droht. In Jesu Nähe wird ihr eigentliches Verlangen nach Sinn und Tiefe neu geweckt. Jesus bietet sich an für jene, deren Lebensfluss durch Angst und Krankheit zu versiegen drohte. Von den Strömen ursprünglicher Lebendigkeit war nur noch ein Rinnsal übriggeblieben. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben.
Ich stelle mir Menschen vor mit ausgedörrtem Herzen, die Jesus anspricht. Sie spüren nichts mehr von Quellen an Hoffnung und Mut in sich selbst. Und es werden welche darunter gewesen sein, die dieser Lebensdurst noch nicht völlig bewusstlos werden ließ. Ein entscheidender Rest an Lebenswille war ihnen geblieben, und ein Herz, das sich noch nicht mit der betäubenden Trockenheit in ihrem Innern abgefunden hatte.

Uns heute trennt eigentlich nichts von den ersten Zuhörerinnen und Zuhörern Jesu. Und deshalb lädt er uns mit der gleichen Offenheit und Bereitschaft ein. "Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt!"

Ich kann mich von Jesu neu beleben lassen, wenn ich zunächst bereit bin, mir meinen Lebensdurst einzugestehen. Sich auf Jesu Einladung einzulassen bedeutet, mir bewusst zu machen, dass ich mich permanent beanspruchen lasse im Beruf, in meiner Gemeinschaft, in der Familie und im ehrenamtlichen Engagement; in der Furcht, meinem Leben eines Tages keinen Sinn mehr geben zu können.
Das kann eine Leistungsbilanz sein, die mir ein schlechtes Gewissen macht, weil andere vergleichsweise ja doch mehr tun und bewirken. Das kann so Vieles und Schweres sein, das mir die Luft zu nehmen droht und meine Lebensquellen abwürgt.
Jesus deckt meine innere Trockenheit und meinen Lebensdurst auf, und er spricht mir den Mut zu, tiefer zu schauen. Dorthin, wo meine heilige Mitte ist, wo Gott wohnt und wo nur ER und Ich Zugang haben. Unter der dicken Schicht an Sorgen und Selbstzweifeln, Leiden und Einsamkeiten brechen aus dieser Lebensmitte heilige, stille und beharrliche Quellen auf. Sie gleichen erst dünnen Rinnsalen und wachsen dann zu einem neuen Strom zusammen: Das geschieht, wenn Menschen die glückliche Erfahrung machen, dass in ihnen etwas neu ins Fließen kommt, indem sie zum Urvertrauen zurückgefunden haben, dass sie unermesslich von Gott geliebt und getragen sind.

Vertrauen zu unserem Leben kann nur aus unserer Mitte erwachsen, aus unserem Inneren. Lebensquellen entspringen tief in uns, da wo die verborgenen Träume und die meist uneingestandenen Wünsche wohnen; dort, wo wir Tempel des Hl. Geistes sind. Aus diesem Inneren werden mit Jesu worten „Ströme von lebendigem Wasser fließen; damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“ (Joh 7:38.39)

Nicht selten sind es Menschen, die die Grenzen ihres Lebens erreichen und dort in neuen Kontakt kommen zu sich selbst, zu den Quellen, die sie speisen. Dazu gehört die Schriftstellerin Maxi Wander (1933 – 1977). Sie ist unheilbar an Krebs erkrankt. Ihre letzten Mühen bringt sie für ihre Lebensquellen auf.

Maxi Wander fühlt, dass sie nicht mehr zu retten ist. Aber so lange es ihr möglich ist, hält die Sterbende ihr inneres Ohr an ihre Lebensquellen, auf das, wofür sie in den zurückliegenden Jahren ihre Lebenskraft eingesetzt hat und was sie glücklich sein ließ. So schreibt sie ihrem Mann folgendes:

„Was ich Dir eigentlich sagen wollte? Wie doch irgendwo in uns die Grenzen zwischen Schmerz, Verzweiflung und Genießen ineinanderfließen. Von tiefster Verlassenheit und Apathie fall ich fast ohne Übergang in euphorische Zustände. Alles Leben in mir ist in eine winzige Kammer meines Wesens gepresst, bis diese Kammer ihre Wände sprengt, explodiert und sich ausbreitet. Ich zerbreche meine Schale und wandere von einem Pol zum anderen, um mich wiederzufinden. Dabei werde ich von Lichtströmen übergossen.
Ich lache wieder, verspritze Heiterkeit und Spott, bringe die Ärzte, die Schwestern zum Lachen. Die Frauen sehen mich erstaunt an, schauen mir in die Augen, als wollten sie aus ihnen trinken. Und ich freue mich wie ein Kind, freue mich über den Tag, die Sonne, die Wolken, den Regen, die Vögel auf dem Baumwipfel vor dem Fenster, die auf einen ruhigen Augenblick warten, um lautlos hereinzufliegen und sich Kuchenreste vom Nachtkästchen zu stibitzen.

Ich freue mich beim Anblick eines Sessels, eines Tisches, einer Tür, jedes Ding ist von Menschenhand gemacht, in alles, was sie gemacht haben, ist etwas von ihrem Leben geflossen, ihrer Pein, ihrem Schweigen, ihrer unendlichen Geduld, ihrem Witz, ihren Träumen ... das war es schon. Lauschen an meinen Quellen.“

Im Hören auf ihre Quellen stirbt sie.

Durst gehört zu unserem Leben. Manchmal kommen wir nur mühsam auf einer Durststrecke voran. Wenn Menschen für uns wie heilsame Erfrischungen sind, vertrocknen wir nicht. Wenn die Quelle einer neuen Hoffnung oder einer hilfreichen Idee aufbricht, belebt uns das neu.
Der Hl. Geist schenke uns ein ruhiges, beharrliches Hören auf die Ströme lebendigen Wassers tief in uns und in dem, was uns umgibt. Ströme, von denen wir trinken können. Quellen, die wir mit Jesus entdecken dürfen als Lebensquellen. Wer an ihn glaubt, lernt ihm zu vertrauen in der Mitte und an den Grenzen des Lebens. Amen!

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