Sonntag, April 29, 2012

Ineinander bleiben

 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 15: 1 – 8

1Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.
2Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
3Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.
4Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
6Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
7Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
8Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.






Wie schon am letzten Sonntag verwendet Jesus auch heute ein ansprechendes Bild, um die Gemeinschaft mit seinen Jüngern darzustellen. Er stellt uns das Bild vom Weinstock und den Rebzweigen vor Augen. Mit diesem Bild will er sagen, wie bedeutsam und wie tief für seine Jünger die Verbundenheit mit ihm, dem Herrn, sein soll. Von dieser Verbundenheit hängt die Fruchtbarkeit ihres Lebens ab. „Darum können sie keine Frucht bringen, wenn sie nicht in ihm bleiben“ und „getrennt von ihm können sie nichts vollbringen.“ (Joh 15:4.5)

Wir müssen bei diesen Worten bedenken, dass Jesus seine Jünger anspricht; er meint nicht jeden x-beliebigen damit, sondern jene meint er, die sich zu seinen Jüngern zählen. Und er spricht von Fruchtbarkeit . Damit meint er nicht die Erfolge ihres Lebens in wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Hinsicht; damit meint er das, was ihrem Leben tiefste Erfüllung und letzten Sinn gibt. Den Jüngern Jesu ist damit eine Lebensdimension eröffnet, die den anderen Menschen fehlt: Es ist die Dimension des Reiches Gottes.

In diesem Reich Gottes zählt nicht der Erfolg, der Gewinn, der Profit, das Prestige – es zählt, ob ich das, was ich tue, aus der Verbundenheit mit Jesus heraus tue. Das kann in den Augen dieser Welt Misserfolg bedeuten – und dennoch besteht in mir Friede und Freude aus der Gewissheit heraus, dass ich getan habe, was Jesus von mir wollte. Diese Gewissheit kann mein ganzes Leben prägen und ihm einen Frieden schenken, wie ihn die Welt nicht geben kann.

Eine derartige Fruchtbarkeit unseres Lebens hängt davon ab, dass wir in Jesus bleiben dürfen. Dieses Bleiben-dürfen ist gerade in unserer Zeit etwas Besonderes; wenn wir bedenken, wie mobil wir doch sind, wie viele Möglichkeiten der Abwechslung und der Zerstreuung sich bieten – dann erscheint jegliches Bleibenwollen als unmodern.

Und doch ist es auf der anderen Seite eine Tatsache, dass wir uns zuinnerst im Herzen einen Platz wünschen, an dem wir bleiben dürfen; dass wir einen Freund, einen Partner haben, bei dem wir eine Bleibe haben. Diese Sehnsucht nach Bleiben-dürfen, nach Bleibendem spricht Jesus im Evangelium heute direkt an, wenn er immer wieder vom Bleiben redet: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch!“ (Joh 15:4)
Und Jesus sagt das bedingungslos; er fügt keine Bedingung an dieses Bleiben in ihm; es ist eine Einladung, die jeden meint.
Bei uns ist das anders:
da darfst du bei mir bleiben, weil du mein Ehepartner, mein Freund oder mein Kind bist;
du darfst bei mir bleiben wenn du schön brav bist;
Du darfst bei mir bleiben, bis ich müde werde oder solange ich Zeit habe.
Wir haben einfach unsere Grenzen – und auch das Bleibendürfen hat darum seine Grenzen. Gerade diese Grenzen sind es aber, die die Sehnsucht wach halten nach einem unbegrenzten Bleibendürfen.
Jesus beantwortet diese Sehnsucht: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch!“ (Joh 15:4)
Ich finde es einfach großartig – wie immer wir sind, wo immer wir sind, was immer wir sind – Jesus hält unsere Nähe gerne aus.
Und nicht nur das: Jesus hält es auch in unserer Nähe aus; nicht nur dürfen wir bei ihm bleiben – er bleibt auch bei uns.
Ich meine, wo gibt es das, dass jemand uns so bedingungslos ausstehen und aushalten kann.
Und dann spricht Jesus nicht von einem Bleiben bei ihm sondern von einem Bleiben in ihm: damit wird eine Intimität und eine Nähe angesprochen, die teils unbegreiflich, teils erschreckend und doch auch wieder überaus beglückend ist.

Wie kann dieses Bleiben ineinander, wie Jesus es meint, Wirklichkeit werden?
Es geschieht durch das hörende Aufnehmen des Wortes Gottes: „Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ (Joh 15:7)
Ein anderer Weg im Herrn zu bleiben ist das Halten seiner Gebote: „Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm.“(1 Joh 3:24)
Und: „Das ist sein Gebot: Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie es seinem Gebot entspricht.“ (1 Joh 3:23)

In der ersten Lesung haben wir ein gutes Beispiel von jener Liebe zueinander, die dem Gebot des Herrn entspricht:
Da tun sich die Jünger Jesu recht schwer, an die Bekehrung des Paulus zu glauben und ihn als ihren Bruder anzunehmen – ihn also in ihrer Mitte bleiben zu lassen. Auch bei uns sind es oft genug Vorurteile, Misstrauen und Angst, die den Mitmenschen nicht bei uns bleiben lassen und ihn auf Distanz halten.
Gott helfe uns, so wie Barnabas, die Barrieren zu unseren Mitmenschen hin immer wieder zu überwinden:

Beten wir: O Gott, in deinem Sohn Jesus Christus hast du uns zu geschwisterlicher Liebe berufen. Lass uns mit ihm verbunden bleiben und aus dieser Lebensgemeinschaft Frucht bringen. Durch ihn, Christus, unseren Herrn! Amen!

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