Donnerstag, Januar 12, 2012

Hören und folgen






Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 1: 35 – 42



In jener Zeit

35stand Johannes am Jordan, wo er taufte, und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!

37Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.

38Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?

39Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

40Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.

41Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte - Christus.

42Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels - Petrus.





 I



Das heutige Evangelium nach Johannes erzählt uns, wie Jesus zu seinen Jüngern kommt. Dabei nehmen wir mit Erstaunen wahr, dass nicht Jesus sie direkt in seine Nachfolge ruft, wie wir das bei den anderen drei Evangelisten hören. Es sind vielmehr „Drittpersonen“ von denen die Einzelnen zu Jesus geschickt bzw. geholt werden.



Da ist Johannes, der Täufer. Der sagt zu seien Jüngern über Jesus, der gerade vorübergeht: „Seht, das Lamm Gottes!“ Auf dieses Wort hin gehen zwei seiner Jünger – einer davon ist Andreas – Jesus nach und bleiben jenen Tag bei ihm.



Ähnliches geschieht mit Simon; den holt sein Bruder Andreas mit der Bemerkung, dass sie den Messias gefunden hätten. Und dann heißt es ausdrücklich: „Er führte ihn zu Jesus.“ Das hört sich fast so an, als hätte Simon seinem Bruder nicht ganz geglaubt und als wäre er nur widerstrebend mitgegangen. Und diesem Simon gibt Jesus gleich einen neuen Namen: Kephas – Fels – Petrus. Schenkt Jesus diese besondere Zuwendung vielleicht um seinen Widerstand und sein Misstrauen zu überwinden?



Jedenfalls erkennen wir ein Grundschema! Einzelne machen eine Erfahrung mit Jesus und gewinnen eine Einsicht in seine Person. Diese behalten sie nicht für sich sondern teilen sie ihren Freunden und Verwandten mit; die lassen sich von dieser Mitteilung bewegen und nehmen mit Jesus Kontakt auf. So beginnt sich eine Gemeinschaft um Jesus herum zu bilden. Wir erkennen, wie sich das bildet, was wir auch Kirche nennen können, als Gemeinschaft derer, die mit Jesus verbunden sind und mit ihm leben.



Es geht um persönliche Begegnung mit Jesus, die bewegt und anregt zum Mitteilen. Es bleibt aus dieser Begegnung so etwas wie die Stimme Jesu in mir und sagt: das ist nicht nur für dich allein sondern auch für andere! Sprich also mit deinen Geschwistern und Freunden darüber! Teile ihnen davon mit! Erzähle ihnen von mir! Sag ihnen, was ich für dich bedeute, wer ich für dich bin!

Es geht Gemeinschaft Stiftendes von Jesus aus. Das setzt sich in mir fest und drängt mich geradezu zur Mitteilung; ein unwiderstehlicher Impuls zur Verkündigung und zur Mission. Das Ziel dabei ist klar: Mitteilung Jesu mit der Absicht, Jesus und meine Zuhörer zusammenzubringen. Was dann weiter geschieht, liegt in den Händen Jesu. Es geht wesentlich um Gemeinschaft mit Jesus.



Fehlt jedoch in mir diese Bereitschaft, mein Leben mit Jesus mitzuteilen, erhebt sich zuerst einmal die Frage, ob es da so ein Leben mit Jesus überhaupt gibt. Ist da nichts Lebendiges zwischen Jesus und mir, ist klar, dass ich auch nichts weitergeben kann. Da bin ich dann vor allem anderen herausgefordert, mich um dieses Lebendige auf Jesus hin und von Jesus her zu kümmern; schon gar, wenn ich den Namen „Christ“ trage. Es gilt, nicht nur Christ zu heißen sondern es auch zu sein. Und Christ werde ich durch die Begegnung mit Christus.



Wie gelange ich aber zu dieser Christusbegegnung? Sie ist nicht machbar sondern ein Geschenk – für das ich mich jedoch bereiten kann. Schauen wir auf Johannes, den Täufer! Wie hat der sich bereitet? Indem er ganz in seinem Beruf, in seiner Aufgabe aufgegangen ist; und diese Aufgabe war es, dem Herrn den Weg zu bereiten. So sehr dies nun seine ganz spezielle Aufgabe war so sehr ist es doch auch in jedem Beruf, in jeder Berufung enthalten, den Weg für Gott, für den Herrn, zu bereiten. Eine optimale Vorbereitung, dem Herrn zu begegnen, ist also ein möglichstes Aufgehen in meiner Berufung, in meinem Beruf, in meinen Aufgaben.



Und wie schaut das bei den Jüngern des Johannes aus? Wie haben sich die vorbereitet auf die Begegnung mit Jesus?

Sie haben bei Johannes nach einem Sinn und einem Ziel ihres Lebens gesucht.

Sie wollten in der Schule des Täufers entdecken, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Sie wollten an seiner Hand lernen, was Gott mit ihnen vorhat.

Unzufrieden mit dem, was sie bisher hatten und waren suchten sie nach dem Mehr eines erfüllten Lebens – und sind so durch den Hinweis des Täufers auf Jesus gestoßen. Wenn ich also in der Verfolgung meines Lebenstraumes „vergesse, was hinter mir liegt und mich ausstrecke, nach dem, was vor mir ist“ (Phil 3:13) bereite ich mich vor auf die Begegnung mit Jesus, dem Christus. Amen!

II

Ein Rodelrennen ist ein Ereignis, das viele in seinen Bann schlägt. Die Rodelbahn wird mit großem Einsatz präpariert. Tagsüber wird eifrig trainiert. Jung und alt ist auf der Rodel. Manche hat es so gepackt, dass man beinahe schon von einer Rodelmanie reden könnte: diese Armen können kaum mehr ruhig schlafen und nicht mehr richtig essen. Da kann man wirklich nur mehr wünschen, dass das Rennen bald vorbei ist.



Wie ihr bei dieser Predigt bemerkt kann auch ich mich der Faszination dieses sportlichen Ereignisses nicht ganz entziehen. Die zweite Lesung, die wir heute aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther (6: 13c-15a.17-20) gehört haben, regt mich an, diesem Rodelrennen einige Gedanken für unser Leben abzugewinnen.



Da schreibt Paulus in diesem 1. Brief an die Korinther:

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? (1Kor 6:13)



Dieses Wort des Apostels erinnert uns daran, dass wir Menschen Wesen aus Seele und Leib, aus Körper und Geist sind. Das sind – wie bei einer Rodel – die zwei Kufen, auf denen wir die Bahn unseres Lebens vom Start ins Ziel hinabgleiten.



Nun weiß jeder halbwegs erfahrene Rodler sehr genau, wie wichtig für ein möglichst schnelles Weiterkommen gute Kufen sind: dass sie nicht rostig und je nach Schneelage gut gewachst sind. Undenkbar ist es auch, dass etwa nur eine Kufe gepflegt die andere aber völlig vernachlässigt wird. In diesem Fall bestünde andauernd die Gefahr von der geraden Bahn nach links oder rechts abzukommen. Und würde man in diesem Fall endlich das Ziel erreichen, dann mit gewaltiger Verspätung, nach viel unnötiger Mühe und wahrscheinlich mit einem riesen Frust im Bauch.



Gerade so ist es auch in unserem Leben: Auch da geht es nicht an, dass wir eine der beiden Kufen – den Geist oder den Körper; die Seele oder den Leib – vernachlässigen. Beide bedürfen in unserem eigenen Interesse einer sorgfältigen Pflege. Da kann einer auch nicht das eine zu Gunsten des anderen vernachlässigen. Denn wie die Rodel deutlich zeigt, ist Vor- oder Nachteil der einen Kufe zugleich auch zum Vor- oder Nachteil der anderen. Das kommt daher, weil eben nicht jede Kufe für sich allein fährt sondern mit der anderen Kufe durch das Gestänge und die Sitzgurten unlösbar verbunden ist.



So ist auch in uns Menschen Seele und Leib, Geist und Körper unlösbar miteinander verbunden. Jede Vernachlässigung des Leibes wirkt sich auch auf den Geist aus und jede Sorgfalt, die der Seele verweigert wird, ist auch ein Minus für den Körper.



So wissen wir aus eigener Erfahrung, dass der Schlaf, den wir dem Körper entziehen, uns in schlechte Laune bringt, unsere Stimmung reizt und unsere Toleranzfähigkeit mindert.



Ebenso wissen wir, dass unmäßiges Essen träge und faul macht, übermäßiger Alkoholgenuss den Geist trübt und die Abhängigkeit von Drogen zur völligen Zerrüttung des Menschen führt.



Wie also die Kufen der Rodel mit Wachs präpariert werden, damit der Schnee nicht an ihnen haften bleibt und die Fahrt bremst so brauchen auch die Kufen des Leibes und der Seele das Wachs der Freiheit, damit sie nicht an dieser Welt mehr als gut tut hängen bleiben.



Dieses Wachs der Freiheit im Herzen äußert sich in einer gesunden und  liebenden Distanz von den Dingen, mit denen wir umgehen, von den Menschen, mit denen wir zusammenleben. Nach außen wird diese Distanz sichtbar in einer Haltung des großzügigen Teilens von dem, was man an materiellen Gütern besitzt und in einer Haltung, die die Güter des Herzens und des Geistes den Gütern dieser Welt vorzieht. Diese Distanz in Freiheit lässt zwar in der Welt leben, lebt aber nicht von ihr. Diese Freiheit kommt zum Ausdruck, wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Die Zeit ist kurz. Daher soll,

wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine,

wer weint als weine er nicht,

wer sich freut, als freue er sich nicht,

wer kauft, als werde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutz er sie nicht;

denn die Gestalt dieser Welt vergeht. (1Kor 7: 29-31)



Ja, die Gestalt dieser Welt vergeht, gerade so, wie beim Rodelrennen die Bäume und Sträucher am Rand der Rennbahn an einem vorbeiflitzen. Ganz wichtig also das Wachs der Freiheit.



Nun kann es aber geschehen, dass auf der Rodelbahn nicht nur Schnee und Eis liegen; es können Zweige und Tschurtschen von den Bäumen fallen und gelegentlich kann sogar ein Stein zum Vorschein kommen, wenn die Bahn schon recht ausgefahren ist. So passiert es auch im Leben: Es geht nicht immer alles glatt; wir ecken gelegentlich an und das gibt dann Abnützungen und Scharten auf den Kufen. Und natürlich werden vor jedem Rennen diese Scharten ausgewetzt und die Kanten geschliffen.



Die Scharten des Leibes nun heilt der Arzt in einer medizinischen Behandlung.

Die Scharten der Seele jedoch heilt Gott durch das Sakrament der Buße. Die Beichte ist der Schleifstein der Barmherzigkeit Gottes, der unter den Funken der Liebe auch die ärgsten Scharten auswetzt und die Kufe der Seele wieder ganz neu macht.



Wenn ich nun aber bedenke, dass es kein wichtigeres Rodelrennen gibt als das unseres Lebens,

wenn ich weiters bedenke, wie viele Gefahren dieses Rodelrennen unseres Lebens birgt und

wenn ich dann sehe, wie einseitig manche ihre Rodel behandeln und pflegen und wie sie nur die Kufe des Leibes im Auge haben, die Kufe der Seele aber verrosten und verkommen lassen,

dann wundert es mich nicht, dass nicht wenige von der Bahn abkommen, auf einen Baum fahren oder sich einfach zum Erbarmen abmurksen und nicht und nicht weiterkommen.



Nehmen wir uns darum erneut vor, wirklich Profirodler zu werden, die ihre ganze Rodel warten und sowohl die Kufe des Leibes wie auch die Kufe der Seele mit gleicher Aufmerksamkeit und Liebe behandeln.



Zu dieser liebevollen umfassenden Aufmerksamkeit auf unsere Rodel mag uns der anregen, der im Ziel mit der Stoppuhr auf uns wartet. Es ist der Herr, der uns so gern hat und der nichts lieber wünscht, als dass wir ihn im Ziel gut erreichen; mit seinem Herzen und mit seinen Gedanken begleitet er uns beim Rennen. Weil uns dieser Herr aber so sehr liebt, darum ist auf seiner Stoppuhr keine Zeit mit Zehntel- und Hundertstelsekunden abzulesen sondern – LIEBE! Es ist jene Liebe auf dieser Stoppuhr abzulesen, nach der wir im Ziel unseres Lebens beurteilt werden. Es ist dies eine Liebe ohne Grenzen, weil es die Liebe des Herrn ist! – Amen!

 

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