Freitag, Januar 20, 2012

Eins in Christus

 
Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 1: 14 – 20

14Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
15und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!
16Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer.
17Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
18Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
19Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
20Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.



 I

Wir stehen mitten in der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Vom 18. Jänner bis zum 25. Jänner, dem Fest der Bekehrung des Apostels Paulus dauert sie. Dieses Bekehrungserlebnis vor den Toren Damaskus’ bedeutet für Paulus die große Wende in seinem Leben, denn es geht dabei um eine Bekehrung, um eine vollkommene Hinwendung zu Jesus Christus. Von einem Jesushasser wird er zu einem Liebhaber Jesu; von einem Jesusfeind zu einem Jesusfreund. Durch seine Bekehrung zu Jesus wird er in die Gemeinschaft der Jünger Jesu aufgenommen.

„Bekehrung“ steht auch als Leitwort über allen drei Schrifttexten des heutigen Sonntags. Drei Aspekte dieses Prozesses werden uns dabei vor Augen gehalten. Die Jonageschichte erzählt, wie sich die Leute von Ninive bekehren von einem bösen Leben zu einem guten Leben; Bekehrung in der praktischen Lebensführung: Sie tun Buße und wenden sich von ihren bösen Taten ab. (vgl. Jona 3:10)

Im 1. Korintherbrief spricht Paulus indirekt von Bekehrung und meint dabei einen Weg der Umkehr von innerer Versklavung zu innerer Freiheit in der Beziehung zu Mitmensch und Umwelt.

Im Evangelium schließlich Bekehrung als entschlossene Hinwendung von einem Leben fern von Jesus zu einem Leben in seiner Nähe durch Nachfolge.

Alle drei Bekehrungswege hängen zusammen und sind voneinander nicht zu trennen. Einer ergibt sich aus dem anderen. Die Quelle, der Ursprung dieses Weges ist jedoch die Bekehrung zu Jesus: Sie ist die entschlossene Bereitschaft, mit Leib und Seele nicht nur zu Jesus sondern Jesus zu gehören: Erst wenn wir ihm gehören gehören wir zu ihm! Es ist die Bindung unseres Herzens an Jesus, die es fähig macht, ungute Bindungen an Menschen und an die Welt zu lösen und in jene Freiheit zu gelangen, in der wir die Welt nutzen als nutzten wir sie nicht. (vgl. 1Kor 7:31). Das ermöglicht schließlich ein Leben, das Gott gefällt und für die Mitmenschen ein Segen ist.

Auch am Anfang des ökumenischen Weges steht die Bekehrung zu Jesus Christus: „Alle Christgläubigen sollen daran denken, dass sie die Einheit der Christen umso besser fördern, ja sogar ausüben, je mehr sie sich darum bemühen, ein reines Leben gemäß dem Evangelium zu führen.“ (UR 7,3) „Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens sind zusammen mit den privaten und öffentlichen Bittgebeten für die Einheit der Christen die Seele der ökumenischen Bewegung.“ (UR 8,1)

Die so angestrebte und erreichte Verbundenheit mit Jesus Christus lässt den Herzenswunsch Jesu, dass wir Christen alle eins seien (vgl. Joh 17:21), auch in unserem Herzen lebendiger werden. Im Licht dieses brennenden Wunsches erkennen wir leichter, was uns mit den Christen der anderen Kirchen verbindet. Wir gewinnen eine größere Wertschätzung dieser Verbundenheit. Wir empfinden aber auch den Schmerz deutlicher über das, was uns noch voneinander trennt.

Wertschätzung und Schmerz aus dem Wunsch nach größerer, ja, nach vollkommener Einheit führt uns dazu, dass wir uns unserer eigenen kirchlichen Situation bewusst und gewiss werden und wir uns zugleich auch für die religiöse und kirchliche Situation der von uns getrennten Schwestern und Brüder interessieren. Dies führt dann zu einem lebendigen und fruchtbaren Austausch, bei dem wir einander tiefer kennen, verstehen und aufrichtig schätzen lernen. So werden dann im Blick auf Christus, die gemeinsame Mitte, und aus ehrlicher Überzeugung des Herzens praktische Schritte möglich auf eine je größere Einheit hin. Die Einstellung auf diesem Weg beschreibt Papst Paul VI. als „eine Haltung voller Gehorsam gegenüber der vollen Wahrheit, die von Christus kommt. Die Fülle des Glaubens ist kein eifersüchtig gehegter Schatz, sondern ein bereitstehendes geschwisterliches Gut, das uns umso glücklicher macht, je mehr wir es anderen geben können. Es ist nicht das unsrige, sondern das Gut Gottes und Christi.“

Das ökumenische Gespräch wird sich unweigerlich ausdrücken in sozialer, caritativer, kultureller und wissenschaftlicher Zusammenarbeit. „Durch diese ökumenische Zusammenarbeit können zudem alle, die an Christus glauben, leicht lernen, wie sie einander besser kennenlernen und höher schätzen können und der Weg zur Einheit der Christen geebnet wird.“ (UR 12,1)

Bei all dem setzen wir unsere Hoffnung völlig auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters uns gegenüber und auf die Kraft des Heiligen Geistes. „Die Hoffnung aber trügt nicht; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5:5) (UR 24,2) Amen!



II

Der Anfang des heutigen Evangeliums erinnert an einen Staffellauf: Einer aus der Staffel läuft ein und übergibt dem Nächsten, damit der weiterläuft: Johannes der Täufer wird ins Gefängnis geworfen und Jesus macht sich auf den Weg.

I. Doch Jesus geht seinen Weg anders als Johannes. Jesus setzt eigene Akzente. Das äußert sich in der Ortswahl: „Johannes der Täufer trat in der Wüste auf und verkündete Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“ (Mk 1:4)

Jesus ging nach Galiläa an den See Genesaret. Diese Gegend beschreibt Josephus Flavius, ein jüdischer Geschichtsschreiber von damals, so:

"Entlang dem See Gennesaret erstreckt sich eine gleichnamige Landschaft von wunderbarer Natur und Schönheit. Wegen der Fettigkeit des Bodens gestattet sie jede Art von Pflanzenwuchs, und ihre Bewohner haben daher in der Tat alles angebaut; das ausgeglichene Klima passt auch für die verschiedenartigsten Gewächse. Nussbäume, die im Vergleich zu allen anderen Pflanzen eine besonders kühle Witterung brauchen, gedeihen dort prächtig in großer Zahl. Daneben stehen Palmen, die Hitze brauchen, ferner Feigen- und Ölbäume unmittelbar dabei, für die ein gemäßigtes Klima angezeigt ist. Man könnte von einem Wettstreit der Natur sprechen, die sich mächtig anstrengt, alle ihre Gegensätze an einem Ort zusammenzuführen, oder von einem edlen Kampf der Jahreszeiten, von denen jede sich um diese Gegend wetteifernd bemüht. Der Boden bringt nicht nur das verschiedenste Obst hervor, das man sich kaum zusammen denken kann, sondern er sorgt auch lange Zeit hindurch für reife Früchte. Die königlichen unter ihnen, Weintrauben und Feigen, beschert er zehn Monate lang ununterbrochen, die übrigen Früchte reifen nach und nach das ganze Jahr hindurch. Denn abgesehen von der milden Witterung trägt zur Fruchtbarkeit dieser Gegend auch die Bewässerung durch eine sehr kräftige Quelle bei, die von den Einwohnern Kafarnaum genannt wird."

Dieses Zeugnis aus der Zeit Jesu könnte den Unterschied nicht deutlicher machen. Nicht die Wüste in ihrer Lebensfeindlichkeit war Jesu Lebensraum, sondern das fruchtbare, bewohnte Land.

Dementsprechend verkündet Jesus eine Botschaft, die von Leben sprüht, eine Botschaft der Fülle: Die Zeit ist erfüllt! Das Reich Gottes ist nahe! Das Gebiet um den See Genesaret eignet sich viel besser, das auszudrücken, was mit dem Reich Gottes gemeint ist: Seinen Reichtum, seine Überfülle, die Liebe Gottes zu uns Menschen, die in seinem Reich zum Ausdruck kommen will.

II. Es ist aber noch etwas anders geworden: Johannes ist in der Wüste an einem bestimmten Ort geblieben. Dorthin sind die Leute hinausgezogen, um ihm zuzuhören und sich taufen zu lassen.
Jesus hingegen bleibt nicht an einem bestimmten Ort sondern geht zu den Leuten hin.
Johannes ist stabil – ein Standprediger; Jesus ist mobil – ein Wanderprediger.

Wir hörten ja im Evangelium: Jesus ging nach Galiläa und: Jesus ging am See von Galiläa entlang und: Als er ein Stück weiterging. Und wenn es schließlich von den gerufenen Jüngern heißt, dass sie ihm folgten, dann ist auch das ein Hinweis auf die Mobilität Jesu und seiner Jünger.

Was will Jesus uns wohl mit seiner Beweglichkeit sagen?

Zuerst einmal, dass Gott uns Menschen entgegenkommt, dass er auf uns zugeht. Die Geschichte Israels wie auch unsere eigene Lebensgeschichte lehrt uns, wie schwer wir uns tun, auf Gott zuzugehen, Gott entgegenzukommen. Gott muss einfach wie der barmherzige Vater sein, der seinem Sohn entgegenläuft – sonst schaffen wir es nicht, jenes Glück, jenen Frieden, jene Freude zu erreichen, die Gott für uns bereit hält.

III. Ein Drittes will Jesus sagen, indem er zu den Menschen geht: Das Reich Gottes ist nahe! In Jesu Botschaft und Leben ist Gott uns nahe gekommen. Jesus zeigt uns einen Gott, der nicht im Tempel ist, weit weg in Jerusalem oder hoch im Himmel droben! Nein, der Gott Jesu ist ganz nahe!
Er ist dort, wo du lebst;
dort, wo du arbeitest;
dort, wo du leidest;
dort, wo du liebst;
dort, wo du gerade bist!

Wir müssen darum bei unserem sonntäglichen Gottesdienst aufpassen, dass wir nicht unversehens in die Zeit vor der Botschaft Jesu vom nahen Gottesreich zurückfallen! Wir könnten nämlich den Gottesdienst am Sonntag dazu missbrauchen, Gott aus unserem Leben zu verbannen – in die Kirche hierher und in den Gottesdienst, den wir in dieser Kirche feiern. Dieser Kirchenraum darf kein Gefängnis unseres Herrn werden, in dem wir ihn allwöchentlich besuchen; diese Feier darf keine Zeitraum werden, der mit unserer übrigen Lebenszeit nichts zu tun hat.

Bedenken wir vielmehr, dass Jesus durch das Tor dieser Kirche hinausgeht, in das Galiläa unseres alltäglichen Lebens; bedenken wir, dass er dabei den Zeitraum dieser Messfeier ausweitet in die Zeiträume unseres alltäglichen Lebens hinein.

Darum stimmt es:
Der Herr ist in dieser Kirche da!
Der Herr ist in dieser Feier da! In seinem Wort und im Brot des Lebens!
Doch ist er da, um mit uns zu gehen und bei uns zu bleiben. Denn die Liebe des Herrn ist keine Liebe auf Zeit und keine Liebe zwischen Tür und Angel. Es ist eine Liebe fürs Leben!

Darum hat der Herr die Jünger auch mitten in ihrer Arbeit angesprochen, mitten im Leben ihres Fischeralltags. Wir müssen also damit rechnen, dass er uns anspricht bei der Büroarbeit am Schreibtisch, oder bei der Hausarbeit am Herd oder beim Bettenmachen im Gästezimmer oder hoch oben in der Krankabine, oder an der Mischmaschine oder unterwegs beim Autofahren.

Heißt das nun, dass wir wie die Jünger unsere Arbeit liegen lasst und Jesus nachfolgen? Das könnte es – muss es aber nicht!

Der Anruf Jesu kann uns genauso bewusst machen: Hier, wo ich stehe und arbeite, bin ich am rechten Platz, denn der Herr hat mich hierher gerufen; er hat mir diese Aufgabe, diesen Beruf geschenkt. Hier soll ich durch mein Leben und Arbeiten für ihn Zeugnis ablegen: Herr ich danke dir für meinen Beruf und dass ich hier vor dir stehen und dir dienen kann (vgl. II. Hochgebet).

Auf jeden Fall will der Herr uns durch seinen Anruf herausrufen aus jeglicher Versklavung an unsere Arbeit und uns so zu jener Freiheit verhelfen, die Paulus in der 2. Lesung andeutet: „Wer sich die Welt zunutze macht soll sich in Zukunft so verhalten als nutze er sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ (1Kor 7:31)

Der Anruf des Herrn mitten im Alltag ist auf jeden Fall ein Ruf in seine Nachfolge, etwa wenn dieser Ruf in unserem Gewissen hörbar wird und uns zur Verantwortung ruft, unser Verhalten als recht oder unrecht beurteilt und uns nötigenfalls zur Umkehr mahnt.

So gesehen kann dieser Herr recht lästig sein, indem er so ungeniert in unser Leben tritt und uns dort nahe ist. Und deswegen scheuen wir uns wohl, von diesem Herrn zu hören, an ihn zu denken und begnügen uns mit einem sonntäglichen Besuch in der Kirche. Diese Scheu kann auch ein Grund sein dafür, dass wir die Stille meiden: wir fliehen vor der Stimme dieses Herrn in ohrenbetäubenden Lärm oder in musikalische Dauerberieselung; denn dieser Herr ist ungemein klarsichtig und hellhörig – und er ist unbestechlich. Sein Urteil trifft zu und es trifft!

Aber dieser Herr ist unser Freund, und er ist der beste, den wir haben! – Amen!
 

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