Donnerstag, Januar 26, 2012

Du bist der Heilige Gottes!


 Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1: 21 – 28



21In Kafarnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge und lehrte.

22Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.

23In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:

24Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.

25Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!

26Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.

27Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.

28Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.



I



Jesus besucht zum ersten Mal nach seiner Taufe die Synagoge – am Sabbat in Kafarnaum. Dabei fügt er sich nicht in die Menge der Synagogenbesucher ein und hört fürs Erste einmal zu; es heißt vielmehr: Er ging in die Synagoge und lehrte! Geradeso als wenn unsereins erstmals in eine ihm fremde Kirche kommt und dann nach dem Evangelium ungefragt aufsteht und die Predigt hält.



Im Verhalten Jesu kommt sehr deutlich das Drängende zum Ausdruck, das in seiner Grundbotschaft anklingt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe!“ (Mk 1:15) Das leidet keinen Aufschub mehr; da heißt es vielmehr anpacken, beginnen – unverzüglich, gleich jetzt! Jesus verhält sich geradeso wie einer, dem auf einmal die Kostbarkeit seiner Lebenszeit aufgeht und der zudem in Erinnerung an die Gefangennahme des Täufers ahnt, dass er davon nicht mehr viel zur Verfügung haben wird. Die Worte am Jordan bei der Taufe: „Du bist mein geliebter Sohn!“ (Mk 1:11) sind nicht ein nettes Kompliment; sie sind machtvolle Offenbarung seiner unerhörten Nähe zu Gott! Sie sind unerhörter Auftrag, von dieser Nähe Gottes her zu leben und sie im nahen Reich Gottes den Leuten zu verkünden.



Er wurde bei der Taufe von einem Augenblick zum anderen voll bewusst in den lebendigen Gott hineingestoßen und steht nun für den Rest seines Lebens vor der Herausforderung, auf diesen Gott hin und von ihm her zu leben und so diesen Gott den Menschen seiner Zeit, ja, letztlich den Menschen aller Zeit, zu vermitteln. Dass er daran nicht gleich zu Beginn zerbrochen ist, ist mir ein Zeichen, dass dieser Jesus von Nazareth wirklich Gottes Sohn ist. (vgl. Mk 15:39)



Der anwesende Gott in Jesus treibt diesen nun nicht nur zum Lehren; vielmehr dringt er durch die Lehre Jesu hindurch und hinein in die Herzen der Zuhörer, so dass es von ihnen heißt: „Die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre.“ (Mk 1:22) Das Unerhörte dieser Lehre lässt die Leute erschrecken: Es ist etwas, das sie nicht einordnen können; etwas Unerhörtes, Unbegreifliches.



Jesus stört durch seine Gegenwart und seine Lehre nicht nur die Zuhörer auf sondern noch jemanden anderen: einen unreinen Geist, der von einem Mann in der Synagoge Besitz ergriffen hatte. Dieser unreine Geist empfindet sich von Jesus gestört, angegriffen, herausgefordert; er kann in der Gegenwart Jesu nicht ruhig bleiben sondern muss sich schreiend in seiner Gegensätzlichkeit zu Jesus äußern.

Hier erleben wir einen weiteren Aspekt des drängend nahe gekommenen Reiches Gottes: es verdrängt das, was nicht in das Reich Gottes gehört, was nicht zu Jesus und nicht zu Gott passt; dieses Verdrängen kommt einem Verjagen gleich, das sich dann in der Befreiung des Mannes von diesem unreinen Geist äußert. Das Reine Gottes verträgt nichts Unreines in seiner Gegenwart; das heilige Gottes nichts Unheiliges. Dabei ist dieses nahe Reich Gottes nicht eine durchaus zerstörende Macht; zerstörend ist sie nur für den, der sich nicht heilen, nicht heiligen, nicht befreien lässt – eben für den unreinen Geist. Für den davon besessenen Menschen ist das Reich Gottes eine durchaus befreiende, heilende und heiligende Macht. Wir erleben hier wie Jesus bereits als der Weltenrichter die Schafe von den Böcken scheidet (vgl. Mt 25:31-46)



Das bemerkenswerte an diesem unreinen Geist ist, dass er Jesus durchschaut: „Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes!“ Der unreine Geist hat diese Einsicht, weil er sich durch diesen Jesus von Nazareth bedroht erlebt; Und es gibt für ihn keine andere Bedrohung als durch Gott. In der Gegenwart Gottes befindet sich alles Unreine, alles Unheilige, alles Dämonische in einem Zustand der Bedrohung, des Gerichtes, der Verurteilung und schließlich der Vernichtung. Widerfährt einem Ungeist Bedrohung, Überwältigung und Vernichtung, dann weiß er unweigerlich: Gott ist anwesend!



Einen traurigen Widerhall dieser Auseinandersetzung können auch wir in uns selber immer dann erfahren, wenn wir uns als Sünder erleben im Angesicht des heiligen Gottes; schon gar, wenn unser Gewissen uns begangener Sünden anklagt. Was uns dann von den Dämonen unterscheidet, ist, dass wir uns unverzüglich der Barmherzigkeit Gottes in die Arme werfen und uns nicht wie die Dämonen stolz der Liebe Gottes verschließen.



Wenn Jesus nun dem Dämon befiehlt zu schweigen, dann deshalb, weil er nicht von den Dämonen aus ihrer Angst heraus verkündet werden will sondern von den Menschen aus einem glaubenden, hoffenden und liebenden Herzen heraus – was so erst möglich sein wird nach seiner Auferstehung und in der lichtvollen Kraft des Heiligen Geistes.



Wir dürfen als Frucht des heutigen Evangeliums die Botschaft des Dämons aufnehmen und Jesus freudig und dankbar zurufen: Du bist der Heilige Gottes! Du überwindest alles Böse in uns und um uns und führst uns in eine erlöste Freiheit; damit wir unserer Bestimmung gerecht werden können, dich mit ungeteiltem Herzen anzubeten und zu preisen und die Menschen mit Deiner Liebe zu lieben. Amen!




II


Lesung aus 1 Kor 7: 32-35


Brüder!

32Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen.

33Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.

34So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

35Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.







Die Worte der zweiten Lesung richtet Paulus an die Gemeinde in Korinth. Diese Gemeinde hat er selber gegründet. Es ist noch eine junge Gemeinde und das Feuer der ersten Liebe brennt lebendig in ihr. Freilich heißt das nicht, dass auch diese Gemeinde ihre Probleme hat.

Eines davon spricht Paulus in der heutigen Lesung an: Die Sorge um die Sache des Herrn!

Wir können uns gut vorstellen, dass der Glaubenseifer, den Paulus durch seine Verkündigung in Wort und Tat entfacht hat, alle Glieder der Gemeinde erfasst hat: Frauen und Männer, Alte und Junge, und eben auch Verheiratete und Alleinstehende. Und da hat sich die Frage erhoben, wie ein Ehepartner mit dieser Sorge um die Sache Gottes umgehen soll: Wie weit darf er sich für diese Sache Gottes einsetzen ohne dabei seine Verpflichtung dem Ehepartner, der Familie, den Kindern gegenüber zu vernachlässigen?

Die gleiche Frage erhebt sich natürlich hinsichtlich des Berufes, den einer ausübt: Darf seine Ausübung Schaden erleiden durch den Einsatz für die Sache Gottes?

Diese Frage ist auch heute bei allen aktuell, die im kirchlichen Dienst mitwirken, bei allen, die sich von Gott zum Dienst in der Kirche bestellt wissen, wie wir heute im 2. Hochgebet sprechen werden: bei den Ministranten an, den Lektoren und Kommunionhelfer, bei denen, die die Kirche reinigen und den Blumenschmuck besorgen, beim Kirchenchor und den Mitgliedern des Pfarrgemeinde- und des Pfarrkirchenrates.

Diese alle haben neben dem Dienst in der Kirche ihre Aufgaben zu Hause, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule. Es trifft auch auf sie zu, was Antoine de Saint Exupery im "Kleinen Prinzen" schreibt, nämlich, dass man Verantwortung trägt für das, was man sich vertraut gemacht hat.

Diese alle erleben sich hinsichtlich der Sorge um die Sache des Herrn geteilt.

Paulus musste damals vor allem achten, dass im religiösen Übereifer der eheliche und familiäre Lebensbereich nicht Schaden erleidet.

Heute kommt dazu, Mitglieder der Gemeinde für die Sorge um die Sache des Herrn zu sensibilisieren, sie zu animieren, an dieser Sorge teilzunehmen und so jene Haltung zu ändern, die sagt: Das macht sowieso alles der Pfarrer!

In dieser Richtung wurde seit dem 2. Vatikanischen Konzil schon ein gutes Wegstück zurückgelegt; und für uns heißt es, auf diesem Weg zu bleiben und weiterzugehen.



In der vergangenen Woche haben wir am 24. Jänner den hl. Franz von Sales gefeiert, der sich auch mit dem Problem auseinandersetzte, das Paulus in der heutigen Lesung beschäftigt.

In einer "Einführung in das religiöse Leben" schreibt Franz von Sales über die Vereinbarkeit eines kirchlich engagierten Lebens mit dem Berufsleben folgendes:



Bei der Schöpfung befahl Gott den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art (Gen 1,11). So gibt er auch den Gläubigen den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen; jeder nach seiner Art und seinem Beruf. Die Frömmigkeit muss anders geübt werden vom Edelmann, anders vom Handwerker, Knecht oder Fürsten, anders von der Witwe, dem Mädchen, der Verheirateten. Mehr noch: die Übung der Frömmigkeit muss auch noch der Kraft, der Beschäftigung und den Pflichten eines jeden angepasst sein.
Wäre es denn in Ordnung, wenn ein Bischof einsam leben wollte wie ein Kartäuser? Oder wenn Verheiratete sich so wenig um Geld kümmerten wie die Kapuziner? Kann ein Handwerker den ganzen Tag in der Kirche verbringen, wie die Mönche es tun? Dürfen andererseits Mönche aus beschaulichen Orden jedermann zur Verfügung stehen, wie es der Bischof muss? – Eine solche Frömmigkeit wäre doch lächerlich, ungeordnet, ja unerträglich. 
Solche Dinge kommen aber sehr oft vor. Weltmenschen, die den Unterschied zwischen der Frömmigkeit und ihren Zerrbildern nicht kennen oder nicht kennen wollen, schmähen dann die Frömmigkeit, die wahrhaftig keine Schuld an solcher Unordnung trifft.




Nein, echte Frömmigkeit verdirbt nichts; im Gegenteil, sie macht alles vollkommen. Verträgt sie sich nicht mit einem rechtschaffenen Beruf, dann ist sie gewiss nicht echt. Die Bienen, sagt Aristoteles, entnehmen den Blumen Honig, ohne ihnen zu schaden; sie bleiben frisch und unversehrt. Die echte Frömmigkeit schadet keinem Beruf und keiner Arbeit; im Gegenteil, sie gibt ihnen Glanz und Schönheit. Die Sorge für die Familie wird friedlicher, die Liebe zum Gatten echter, der Dienst am Vaterland treuer und jede Arbeit angenehmer und liebenswerter.
Es ist ein Irrtum, ja sogar eine Irrlehre, die Frömmigkeit aus der Kaserne, aus den Werkstätten, von den Fürstenhöfen, aus dem Haushalt verheirateter Leute verbannen zu wollen.
Gewiss, die beschauliche und klösterliche Frömmigkeit kann in diesen Berufen nicht geübt werden. Aber es gibt ja außerdem noch viele Formen eines frommen Lebens, die jene zur christlichen Vollkommenheit führen, die in einem weltlichen Stand leben. Wo immer wir sind, überall können und sollen wir nach einem Leben der Vollkommenheit streben.“



Mit den Worten des Paulus aus der zweiten Lesung schließe ich nun und hoffe, dass diese Worte zu eurem Nutzen sind, damit ihr in rechter Weise immer dem Herrn dienen könnt! - Amen!

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