Dienstag, Dezember 13, 2011

Johannes vom Kreuz


In einer dunklen Nacht

1.         In einer dunklen Nacht,
mit Sehnsuchtswehen, in Liebe entflammt,
– o glückliches Geschick! –
ging ich hinaus, ohne bemerkt zu sein;
mein Haus war schon zur Ruh‘ gekommen.

2.         Im Dunkeln und sicher,
über die geheime Leiter, vermummt,
– o glückliches Geschick! –
im Dunkeln und ungesehen;
mein Haus war schon zur Ruh‘ gekommen.

3.         In der glücklichen Nacht,
insgeheim, da niemand mich sah
und ich auf nichts schaute,
ohn‘ anderes Licht und Führen,
als das im Herzen brannte.

4.         Dies führte mich
sicherer als das Licht des Mittags,
wo auf mich wartete,
den ich gut kannte,
dorthin, wo niemand sich zeigte.

5.         O Nacht, die führtest!
O Nacht, liebenswerter als das Morgengrauen!
O Nacht, die zusammenführtest
Geliebten mit Geliebter,
Geliebte dem Geliebten gleichgestaltet!

6.         An meiner blühenden Brust,
die ganz für ihn allein sich aufbewahrte,
dort war er eingeschlafen,
und als ich ihn liebkoste,
gab Hauch der Zedern Wehen.

7.         Der Hauch der Zinne,
als ich sein Haar durchstrich,
mit seiner linden Hand
verletzt‘ er meinen Hals
und ließ all meine Sinne schwinden.

8.         Ich blieb zurück und selbstvergessen
neigt‘ ich das Gesicht über den Geliebten;
es hörte alles auf, ich ließ mich,
gelassen mein Sorgen,
unter den Lilien vergessen.









In einer Nacht dunkel – so hebt die Liedstrophe an, mit der Johannes zwei seiner Werke beginnt: den „Aufstieg auf den Berg Karmel“ und die „Dunkle Nacht“. In beiden Schriften beschreibt er den Weg, den der Einzelne gehen kann hin zur Gemeinschaft mit Gott; er beschreibt die Zurüstung des Menschen an Leib und Seele für die Begegnung mit Gott. Er legt darin dar das Menschenmögliche am Zustandekommen der Einheit mit Gott.


Dunkelheit ist uns im Advent eine vertraute Erfahrung. Advent ist eine Zeit der Zubereitung für die Begegnung Gottes; eine Zeit, in der wir und Gott aufeinander zugehen. Das Licht in diesem Dunkel sind nicht die vielen künstlichen Lichter, die uns schon jetzt schon viel zu früh begegnen und eigentlich erst zu Weihnachten leuchten sollten



(Sie sind ein trauriger Hinweis, dass wir uns schwer tun, etwas zu erwarten; dass es unerträglich für uns ist, Dunkelheit auszuhalten bis uns das Licht geschenkt wird. Dabei versäumen wir eines der schönsten Güter der Dunkelheit, nämlich die besondere Stille, die nur sie vermitteln kann.)



Das Licht in diesem Dunkel spricht Johannes in seinem Gedicht an als brennend entflammte Liebessehnsucht; sie ist das Licht, das im Herzen brennt, auf das allein er seine Aufmerksamkeit richtet. Er sieht nichts anderes und niemand anderer sieht ihn. Im Blick allein auf dieses Sehnsuchtslicht ist sonst nichts anderes für ihn von Interesse; und er ist sonst für niemanden interessant: Die Welt ist ihm erstorben und er der Welt.



Dieses Sehnsuchtslicht im Herzen vermittelt ihm Sicherheit auf dem Weg durch dunkelste Nacht. Es wandelt die Nacht in eine glückliche; in der sich Besonderes vollzieht: Die Zusammenführung vom geliebten Menschen mit dem geliebten Gott. Die Nacht wird jener Raum, in der Gott und Mensch, in Sehnsucht nacheinender, zueinander finden; in dieser liebesvollen, glücklichen Begegnung wird die Nacht zum Tag; oder besser gesagt, die Nacht löst sich auf in die überglückliche Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen. Diese Gemeinschaft entfaltet Johannes dann in den 40 Strophen des „Geistlichen Gesanges“ und in der „Lebendigen Liebesflamme“.



In seinen Liedstrophen lässt Johannes uns die Nacht als bergende und umhüllende Weggefährtin hin zur Begegnung mit Gott erfahren; deren Glück erleuchtet dann auch die Nacht. Die Nacht erscheint als Schutz gegen alles, was das Sein bei Gott trüben oder stören könnte. Die Sehnsucht nach Gott, das zielstrebige Zugehen auf Gott und schließlich die Gemeinschaft mit ihm nehmen der Nacht den Schrecken und wandelt ihre Fratze in ein mildes Antlitz – letztlich in das Antlitz Gottes, der verborgen da ist; denn anders als verborgen können wir ihn nicht sehen solange wir in unserem Leibe sind – und die übermäßige Freude an diesem verborgenen Gott kommt von unserem Glauben, der genährt wird von dem, was die hl. Schriften uns über diesen Gott offenbaren.



Von den Schrecken dieser Nacht erzählt uns Johannes in den beiden Kommentaren zur ersten Liedstrophe, vor allem im zweiten Kommentar „Die dunkle Nacht“. Dort erzählt er von der schlimmen Finsternis der Nacht, die darin besteht, dass Gott in seiner Abwesenheit und der Mensch in seiner Einsamkeit und Verlorenheit erlebt und erlitten wird. Dem zuzustimmen, das anzunehmen und zu ertragen ist die Pforte dorthin, wo die Nacht ruhig wird in der zunehmend einzigen Ausrichtung des Menschen auf Gott nun mehr rein um Gottes Willen.



Das alles gehört auch zum Advent: Die Abwesenheit Gottes; die Verlorenheit des Menschen; das Entdecken seiner unzerstörbaren Sehnsucht – wonach? Im Grunde nach Gott! Das alles macht uns rufen: Tauet Himmel den Gerechten! Komm, Du Heiland aller Welt! Komm, o komm, Emmanuel!



Der jährlich wiederkehrende Advent sagt uns, dass der Aufstieg zum Berg Karmel und die Dunkle Nacht Abschnitte auf unserem Weg zu Gott sind, die wir nicht umgehen können und dass wir das Dunkel der Nacht – sei’s als Schrecken oder als Wohltat – durchschreiten müssen als Zeichen unserer Sehnsucht nach der Begegnung mit dem lebendigen Gott, der verborgen immer ganz nahe bei uns ist – schrecklich erlebt als Ferner oder beseligend als Naher! Amen!

Keine Kommentare: