Freitag, Dezember 23, 2011

Fleisch geworden

 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 1:1-5.9-14

1Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
2Im Anfang war es bei Gott.
3Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
4In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.
9Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
10Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.
11Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,
13die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.




Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Jedes Mal wenn wir den Engel des Herrn beten, sprechen wir diesen Vers des heutigen Evangeliums. So selbstverständlich uns dies geworden ist so unerhört war diese Formulierung, als sie zum ersten Mal aus der Feder des Apostels auf das Pergament floss. Denn damals war es für nicht wenige unerhört und unvorstellbar, dass Gott in Jesus in vollem Umfang Mensch geworden war; In dieser Auseinandersetzung war es die Aufgabe der Apostel, klarzustellen, dass Gott sich bei der Menschwerdung in keiner Weise geschont und zurückgehalten hat. Er hat sich in keiner Weise zögerlich in unser Menschsein begeben, wie man etwa beim Baden zuerst mit den Zehenspitzen fühlt, ob das Wasser nicht zu kalt ist, sich dann zitternd bis zum Bauch hinauswagt ins Meer um schließlich doch umzukehren, weil man die Kälte des Wassers scheut. Nein, bei der Menschwerdung hat Gott es vielmehr wie die Todesspringer von Acapulco gemacht: Von der höchsten Klippe springen sie und tauchen tief hinein in die Meeresflut.

Genau das meint Johannes, wenn er sagt: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Er stellt Gott bei der Menschwerdung dar als einen, der sich ganz in unser Menschsein hineinbegibt und der zudem in die letzte menschliche Tiefe eintaucht. Er bekleidet sein ganzes göttliches Wesen mit unserem menschlichen Fleisch. Und er dringt vor in die allerletzten menschlichen Tiefen – die Sünde ausgenommen. Ist das nicht unglaublich, unbegreiflich und wunderbar! In einer Zeit, wo Sparen zum Erlösungsprogramm wird, erlöst einer durch verschwenderische Großzügigkeit. Aber wie soll Gott, der alles im Übermaß hat auch knausern und sparsam umgehen können mit dem Seinen?

So ist es denn nur logisch im Sinne Gottes – also theo-logisch, dass er seine Liebesüberfülle nicht in irdischem Reichtum zu uns bringt sondern in der Armut des Kindes von Bethlehem; denn diese Armut erlaubt es, den Glanz seines göttlichen Reichtums ungetrübt erstrahlen zu lassen. Denn gerade in der Armut – zudem in der Armut eines kleinen Babys – kann er ausdrücken, wie sehr er unser Menschsein annimmt; und in dieser Form der Annahme strahlt seine Liebe zu uns Menschen überklar. Die Armut und das Kindsein sind die Wegbereiter, sind die Garanten seiner überfließenden Liebe zu uns. Denn nur lautere, übergroße Liebe tut sich so was an – und alles Spätere im Leben Jesu bis hin zu Leid und Tot am Kreuz.

Das Wort ist nun nicht nur Fleisch geworden – es hat auch unter uns gewohnt. Die Fleischwerdung ist nicht nur ein flüchtiges Kommen und dann gleich wieder ein fluchtartiges Verlassen eines unwirtlichen Ortes. In der Fleischwerdung ist bereits eingeschlossen ein Wohnen, eigentlich ein Zelten unter uns. Damit ist ein Bleiben Gottes bei uns Menschen gemeint. Hätte Gott nicht von vornherein dieses Bleiben im Sinne gehabt, er wäre nie Fleisch geworden.

Was den Weg in unser Fleisch in seiner absoluten und unwiderruflichen Ernsthaftigkeit kennzeichnet ist der Umstand, dass das Wort bedingungslos Fleisch wird. Will sagen, es stellt keine Überlegungen an, was die Menschen wohl mit dem Wort im Fleische tun werden, ob und wie sie es aufnehmen werden, wie sie es behandeln werden. Mit anderen Worten: Wie auch immer die Reaktion derer im Fleisch sein mag – das Wort wird auf jeden Fall zu ihnen ins Fleisch kommen.

O heilige Aufdringlichkeit Gottes! Wie bewegt Dich doch die Liebe zu einem Tun, das uns Menschen so fremd ist. Und doch ist es diese fremde Liebe Gottes zu uns, die uns aus der Fremde in seine Nähe holt. Da er unser Menschsein im Fleisch – etwas ihm Fremdes – ganz als sein Eigen angenommen hat, wird es uns möglich, sein göttliches Wesen – so fremd für uns – als unseren Ursprung und unser letztes Ziel zu erkennen und anzunehmen. Durch das Annehmen unseres Menschseins in Liebe kann Gott es in Jesus Christus erlösen und erlöst ins Kindsein vor ihm erheben; und als seine Kinder wissen wir gläubig: Von ihm kommen wir her und bei ihm finden wir unsere Heimat und unsere Vollendung.

Dies kommt im einfachen Wort zum Ausdruck: Gott ist in Jesus ein Menschkind geworden damit wir in demselben Jesus Gotteskinder werden. Gott strebte danach Mensch zu werden und gibt so dem Menschsein seine unübertreffliche Würde. Zugleich ruft Gott uns dadurch zu: Ich wurde Mensch – werdet ihr es auch! Jesus eröffnet uns das Menschsein als Weg zu Gott! Amen!

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