Montag, Dezember 05, 2011

Der Herr ist mit dir I

 
Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 1: 26 – 38



26In jener Zeit wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret

27zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.

28Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.

29Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.

30Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

31Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.

32Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.

33Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben.

34Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?

35Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.

36Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.

37Denn für Gott ist nichts unmöglich.

38Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.









In den letzten Tagen beobachte ich, wie auf meinem Fensterbrett eine Amaryllis aus ihrer dicken, unansehnlichen Zwiebel zwei lange Stängel herausgetrieben hat, auf jedem eine Blütenknospe; eine davon bricht eben auf und wird bald die vollendeten Blüten freigeben – vier sind es in der Regel.



So ist es auch im Leben Mariens, der Mutter Jesu: Da haben wir auch die dicke Zwiebel ihrer Mutterschaft: sie ist die Mutter des Erlösers, des Sohnes Gottes. Vom Heiligen Geist empfangen, wird das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. (vgl. Lk 1:35) Und aus dieser Zwiebel entwachsen durch die Jahrhunderte kirchlicher Tradition die schönen Blüten, von denen wir eine heute bewundern und feiern: Dass Maria schon vom ersten Augenblick ihres Daseins vor jeder Sünde bewahrt blieb! Dieser Zustand wurde Maria geschenkt als Vorauswirkung von Jesu erlösendem Leiden und Sterben. Und er wurde ihr geschenkt, damit sie eine würdige Wohnung für Jesus, den Sohn Gottes, sein kann.



Vom ersten Augenblick ihres Daseins von jeder Sünde bewahrt bleiben! Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Maria das nie erfahren hat, was von Adam und Eva in der ersten Lesung berichtet wird: Dass sie sich von Gott abgewendet haben, ihm entfremdet sind und sich vor ihm versteckt haben! (vgl. Gen 3:9-15.20)

Es herrschte von Anfang ihres Lebens an eine lautere und ungetrübte Beziehung zu Gott sondergleichen! Es gehörte seit Anbeginn zu ihrer Natur, dass sie unablässig Gott zugewendet war in unbehinderter Offenheit für Gottes Willen und in unverzüglicher Bereitschaft, diesem Willen Gottes zu entsprechen. Dieser Zustand war für sie nichts besonderes sondern alltägliche Normalität.



Man möchte meinen, diese Verbundenheit mit Gott beraube sie ihres freien Willens und mache sie zu einem willenlosen Organ Gottes. Das dem durchaus nicht so ist, zeigt das Gespräch mit dem Engel Gabriel, dem wir im Evangelium beiwohnen durften. Dort fragt sie nämlich sehr wohl, wie denn das mit ihrer Schwangerschaft gehen solle, da sie doch noch mit keinem Mann beisammen ist. Hier meldet sich der menschliche, freie Wille zu Wort, der um jenes Licht bittet, das ihn dann aus freien Stücken dem Plan Gottes zustimmen lässt. (vgl. Lk 1:34-38)



Überhaupt zeigt der Umstand, dass Gott den Engel Gabriel zu ihr schickt, wie sehr ihm an der freien Zustimmung Mariens gelegen ist als wesentliche Zugabe zu ihrem Zustand absoluter Sündenlosigkeit. Bei aller Begnadung lässt Gott Maria den Freiraum, Nein sagen zu dürfen, den sie jedoch aufgrund ihrer Begnadung nicht nützen will. Es ist schon ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Gott und Mensch, das sich im heutigen Evangelium und im ganzen Leben Mariens darbietet.



Wir können Maria als die ganz Sündenlose wie einen Spiegel sehen, der die Art Gottes wiedergibt: Seine Heiligkeit, seine Zugewandtheit zu uns Menschen, seine Hingabe an uns Menschen, seine Bereitschaft für uns Menschen zum Diener zu werden. Das Mitwesentliche dabei ist nun aber, dass Gott sich diesen Spiegel nicht selber vor Augen hält sondern Maria hält sich aus völlig freien Stücken Gott als Spiegel hin, damit der sich an seiner Schönheit und Liebe erfreuen kann, die sich in Maria auf so vollkommene Weise mit ihrer Schönheit und Liebe verbindet. So dass Gott nicht mehr weiß, wessen er sich mehr erfreuen soll – an seiner Liebe oder an der Liebe Mariens!



Maria erscheint in ihrer völligen Hinordnung auf Gott als der adventliche Mensch par excellence. Da ist völlige Offenheit für Gott; völlige Wachsamkeit, ihn aufzunehmen, wenn er kommt; völlige Bereitschaft mit ihm jene Wege zu gehen, die ER gehen möchte.



So ist Maria kein erdrückendes Vorbild sondern Lichtgestalt, die uns in dunkler Zeit den Weg zeigt und die Kraft vermittelt, ihn zu gehen. Maria zeigt uns unsere Berufung und unsere Bestimmung; sie zeigt uns den Plan, den Gott auch von einem jeden von uns von Anfang an in seinem Herzen trägt.



Paulus hat diesen Plan sehr deutlich erkannt und mitgeteilt: „Denn in Christus hat Gott uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm; er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Kinder zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.“ (Eph 1:4-6) Wir sind zusammen mit Maria vom Herrn Beschenkte und können dazu nur mehr in Wort und Tat sagen: So sei und bleibe es! Amen!

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