Dienstag, November 08, 2011

In vino veritas





Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 15: 1 – 8

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer.
2 Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
3 Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.
4 Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
6 Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
8 Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.






In vino veritas! Im Wein die Wahrheit! Dies trifft für das eben gehörte Evangelium vom Weinstock und den Rebzweigen zu, denn es erzählt uns vom Gottes- und Menschenbild im Karmel.

Jesus stellt uns seinen Vater als den Winzer vor. Der Winzer hat den Weinstock gepflanzt und nun pflegt er ihn: „Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.“ (Joh 15:2) Wir haben im Winzer den Gott vor Augen, der die Welt und uns in ihr ins Dasein gestellt hat. Dort überlässt er uns nicht unserem Schicksal sondern kümmert sich um uns. Dieses Kümmern ist ein reinigendes Wirken: Johannes vom Kreuz sieht es in der Schöpfung, in der Gott seine Spur hinterlassen hat, um unsere Aufmerksamkeit von der Anhänglichkeit an sie zu reinigen und hinzulenken auf ihn, den Schöpfer.
Teresa sieht dieses Kümmern Gottes darin, dass er unsere Seele wie eine kristallklare Burg geschaffen hat, in deren innerstem Raum er selber wohnt, um uns von drinnen her in seine Nähe zu ziehen und wir alles lassen, was uns auf diesem Weg in seine Nähe hindert.

So können wir verstehen, wenn der Prophet Elia ausruft: „Es lebt der Herr, in dessen Dienst ich stehe!“ (1Kg 17:1) Und dieses Leben im Dienst des Herrn ist ein leidenschaftliches, unermüdliches Eifern zur Ehre Gottes.

In stiller, verhaltener, einfacher Form kommt dies bei Maria, der Mutter Jesu zum Ausdruck, wenn sie dem Engel antwortet: Siehe ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe, wie du es gesagt hast (Lk 1:38)

Die Leidenschaft, die da in Menschen aufbricht, wenn sie Gott begegnen, gründet in der Leidenschaft Gottes für uns. Eine Leidenschaft so groß, dass sie Eifersucht wird. Diese Kraft treibt Gott dazu, sich selber uns anzugleichen. Er tut dies in seinem Sohn, den er zum Weinstock macht, an dem wir als Reben hängen. Sehr schön wird so das Geschehen der Menschwerdung Gottes angezeigt. Leidenschaftliche Liebe bewegt Gott, uns ganz nahe zu sein, ja, in uns selber zu sein und zu bleiben. Er möchte in uns wohnen.

Elisabeth von der Dreifaltigkeit, an deren Gedenktag ich diese Predigt geschrieben habe, ist auch eine von diesem leidenschaftlichen Gott Bewohnte: „Das Auge ihrer Seele, offen in klarem Glauben, entdeckt ihren Gott gegenwärtig, lebendig in ihr; sie ihrerseits verweilt gegenwärtig bei Ihm in herrlicher Einfachheit.“

Wir sehen, wie wunderbar Gott uns Menschen geschaffen hat: er hat uns zur Gemeinschaft mit ihm geschaffen; fähig, ihn gläubig wahrzunehmen – nicht nur um uns sondern gerade auch in uns selber, inmitten unseres Wesens. Das war das Ziel, als er uns Menschen nach seinem Abbild und ihm ähnlich geschaffen hat. (vgl. Gen 1:26) So ist die schönste Begabung von uns Menschen unsere Gottfähigkeit.

Wie bereits ersichtlich geworden ist diese Begabung kein bloß passives Erkennen Gottes in uns. Es ist ein bewegendes Erkennen: Denn es erkennt Gott nicht nur in mir sondern auch im anderen Menschen und dieses Erkennen bewegt mich zum Tun in Liebe. Es bewegt, Gott zu lieben mit ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst. (vgl Mt 22:37parr.) Gottfähigkeit zeitigt ihre schönste Frucht in der Liebesfähigkeit.

Unsere Beziehung zu Gott und unsere Bezogenheit auf ihn hin ist ein verschüttetes Gut. Das auszugraben ist Gott in Jesus als Mensch zu uns gekommen. Durch Tod und Auferstehung hindurch hat er uns jene Freiheit geschenkt, die uns die Würde unserer Gotteskindschaft erkennen lässt. Seither sind wir unterwegs, immer tiefer in das Geheimnis Gottes und zugleich in unser eigenes Geheimnis einzudringen. Diesen Weg geht Gott mit in freundschaftlich, väterlicher Verborgenheit. Es ist ein Weg aus dem Dunkel ins Licht. Es ist ein Weg der Läuterung und zunehmender Befreiung.

Uns Karmeliten bietet sich dieser Weg dar in ausgewogener Zweigestaltigkeit als Weg des Gebetes und der Pastoral. In beiden Gestalten dieses Weges geht es dabei um die möglichst vollkommene Ausrichtung auf Gott zum einen und um die konkrete Ausgestaltung in Raum und Zeit zum anderen. Das Maß für dieses Ausgestaltung von beidem geben uns Regel und Konstitutionen sowie die konkreten Umstände vor. Es sind die zwei Beine unseres Karmellebens die uns ein fruchtbares Vorankommen ermöglichen, wenn das eine nicht über das andere stolpert.

Im mutigen und kraftvollen Ausschreiten sind wir Reben am Weinstock: Wir bleiben im Herrn und der Herr bleibt in uns; und so in IHM können wir reichlich Frucht bringen! Amen!

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