Freitag, Oktober 21, 2011

Am größten aber ist die Liebe




Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 22:34 – 40

In jener Zeit,
34als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie bei ihm zusammen.
35Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn: Meister,
36welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
37Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.
38Das ist das wichtigste und erste Gebot.
39Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
40An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.





„Welches Gebot im Gesetz ist das Wichtigste?“ Bei 248 Geboten und 365 Verboten im jüdischen Gesetz ist das eine berechtigte Frage. Jedoch darf fas nicht heißen, dass es da wichtigere und weniger wichtige Gebote gäbe, denn alle Gebote sind Weisung Gottes und sind deshalb zu erfüllen; es gibt keine „unwichtigen“ Gebote. Und die Erprobung durch den Gesetzeslehrer könnte darin bestehen, dass er Jesus zu so einer Hierarchie verführen wollte, in der es wichtigere und weniger wichtige Gebote gibt.

Jesus geht jedoch nicht in diese Falle. Er beantwortet die Frage so, dass er jenes Gebot nennt, das alle anderen gleichsam in sich enthält und trägt. Diese Antwort ist vor allem für jene Menschen wichtig, die nicht Gelegenheit haben, das jüdische Gesetz ausführlich zu studieren. Für sie ist es wichtig, eine Richtschnur zu haben, an der sie ihren Alltag und ihr Glaubensleben ausrichten können. Eine solche Zusammenfassung ist aber auch für die Heiden interessant, die dem Judentum offen gegenüberstehen.

Jesus gibt diese Richtschnur im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22:37ff)

Jesus erhebt die Liebe zum tragenden Grund jeglicher Gesetzeserfüllung. Diese Liebe bestimmt er in ihrer dreifachen Ausrichtung auf Gott, den Mitmenschen und auf sich selbst. Zudem spricht er die Liebe in ihrer ganzen Fülle an: Lieben mit ganzem Herzen meint die gefühlsmäßige, zärtliche Ebene der Beziehung. Lieben mit ganzer Seele meint auf der mystischen Ebene die Sehnsucht nach Einheit und die Übereinstimmung mit Gott in „Seelenverwandtschaft“. Lieben mit ganzer Einsicht spricht die verstandesmäßige Ebene an. Sowohl in der Liebe zu Gott wie auch in der Liebe zum Mitmenschen braucht es alle drei Ebenen für eine geglückte und liebevolle Beziehung. (vgl. Grilli/Langner 355ff.)
So stellt uns Jesus im Doppelgebot unser Herz vor Augen, das mit einer Liebe Gott, den Nächsten und sich selbst umfängt. Das bedeutet für uns etwa, dass wir nicht uns selber hassen Gott und den Nächsten aber lieben können. Es heißt auch, dass wir Gott mit der Liebe umfangen, die wir zum Nächsten im Herzen tragen. Wenn ich also dem Nächsten Feind bin, bin ich es auch Gott; wenn ich dem Nächsten misstraue , misstraue ich auch Gott. Wenn ich den Nächsten verachte, verachte ich auch Gott. Diesen Aspekt unseres Liebens prägt uns Jesus ganz scharf ein, wenn er uns in einem Gleichnis zuruft: „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan!“ (Mt 25:45)

Mit dem doppelten Liebesgebot gibt Jesus uns ein Werkzeug in die Hand, eine Bestandsaufnahme unserer Liebe zu machen und ihre tatsächliche Befindlichkeit zu erkennen. Damit wir nicht etwa meinen, wir liebten einerseits Gott mit glühendem Herzen während wir auf der anderen Seite mit unserem Nachbar in unversöhnlicher Feindschaft leben. Es ist vielmehr so, dass wir Gott in dem Maße lieben wie wir unseren Nächsten lieben – nicht mehr und nicht weniger!

Unsere hl. Mutter Teresa hat schon sehr klar bemerkt, dass wir nie genau sagen können, wie sehr wir Gott lieben; sehr wohl aber können wir erkenne, wie sehr wir unseren Nächsten lieben. Das hat sie dem Evangelisten Johannes nachgesagt, der in gleichem Sinn in seinem 1. Brief schreibt: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4:20)

Wenn wir das nun so recht bedenken, sehen wir, dass die Liebe keine Selbstverständlichkeit ist sondern eine Gabe, um die wir beten müssen – wie eben vorhin im Tagesgebet: „Allmächtiger, ewiger Gott, mehre in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.“ Und dann: Gib uns die Gnade, zu lieben, was du gebietest.“ Nur so können wir uns allmählich dem tragischen gegenseitigen Verrat verweigern, der nach Mario von Galli in der fehlenden Bereitschaft zu lieben besteht. Man kann einen Menschen nicht schlimmer verraten, als wenn man ihm die Liebe verweigert. In unserer Welt ist einfach zu wenig Liebe. Und gerade um diese Liebe geht es Jesus, dass wir sie haben und aus ihr leben! Amen!

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