Montag, September 05, 2011

Wenn dein Bruder sündigt ....





Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 18: 15 – 20

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
15Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurück gewonnen.
16Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.
17Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.
18Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.
19Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.
20Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.




„Wenn dein Bruder sündigt“ – dann ist es peinlich, ihn diesbezüglich zurechtzuweisen; denn das ist seine Angelegenheit und da sollen Außenstehende sich nicht einmischen; außerdem haben auch wir unsere schwachen Seiten, machen auch wir Fehler und sind auch wir Sünder; wir sollten daher lieber Verständnis haben und vor der eigenen Türe kehren.

„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht!“ (Mt 18:15) So will es aber Jesus! Beide Verhaltensweisen könnten gegensätzlicher nicht sein! Woher kommt dieser Gegensatz? Was versteht Jesus da so ganz anders als wir, dass seine Reaktion auf den sündigen Bruder so ganz anders ausfällt als die unsere. Es scheint, als lebten er und wir in völlig verschiedenen Welten.

Und tatsächlich: Unter „Bruder“ meint Jesus was ganz anderes als wir! Der Bruder ist für Jesus keiner, dem ich ein Außenstehender bin. Der Bruder ist für Jesus einer, in dessen Leben ich mich einzumischen habe – aus dem einfachen Grund, weil das Leben meines Bruders auch mein Leben ist! Diese Realität wird uns in der 1. Lesung dramatisch vorgeführt und meldet sich auch in der 2. Lesung deutlich zu Wort, wenn es dort heißt: „Die Liebe schuldet ihr einander immer!“ (Röm 13:8)

Mein Bruder ist nach Jesus der, der durch die Taufe mein Bruder geworden ist, das heißt durch die Gnade der Gotteskindschaft und durch die Gnade der Geschwisterschaft mit Jesus: Er ist mein Bruder wie er Jesu Bruder ist. Und wie Jesus alles tut, um ihn zu erlösen muss auch ich alles tun, ihn zu befreien aus der Macht des Bösen – etwa dadurch, dass ich ihn hinweise auf das Böse, das er getan hat und hinweise auf den Weg, der zum Guten führt. Diese Rettungsaktion ist kein Privatunternehmen sondern eine Aktion, die ich als Mitglied einer Kirchengemeinde setze und in die ich die Gemeinde zunehmend einbinde. Die Rettung eines sündigen Bruders ist meine Angelegenheit und die der Gemeinde gleichermaßen.
Hier kommt ein Verständnis von Gemeinde zum Vorschein, das unserem Bewusstsein beinahe völlig fremd geworden ist: Die Gemeinde als Leib, an dem alle Glieder mitleiden, wenn eines davon leidet und an dem alle Glieder gefährdet sind, wenn eines davon in Gefahr gerät. Wenn wir die Kirche nur als Ansammlung von Individuen verstehen, die einander fremd sind und eigentlich nicht zusammengehören, werden wir zum heutigen Evangelium keinen Zugang finden. Aber nicht nur zum heutigen Evangelium – zur Frohbotschaft Jesu insgesamt bleibt uns der Zugang verwehrt, wenn wir uns nicht zu einer Leibgemeinschaft bekehren, in der einer des anderen Last trägt, einer für den anderen mitverantwortlich ist, einer des anderen Seelsorger ist. Es ist darum bezeichnend, dass Jesus den Dienst der Zurechtweisung nicht dem Gemeindeleiter aufbürdet sondern jeden Bruder und jede Schwester in diesen Heils- und Heiligungsdienst ruft.

Das hängt mit einem weiteren Umstand zusammen – mit der Bewertung von Sünde. Wir sind zu weit von der Heiligkeit Jesu entfernt, um die Schwere der Sünde angemessen beurteilen zu können. Je näher wir ihm jedoch kommen und seinem Vater im Himmel umso mehr wird uns die Realität der Sünde mit Sorge, Eifer und Entschlossenheit erfüllen, sich ihr sogleich bei ihrem ersten Auftreten entgegenzustellen und sie aus dem Leben des Bruders und somit aus der Gemeinde zu entfernen. Sie duldet keinen Aufschub und unverzügliches Reagieren ist erforderlich.

Wenn Jesus nun eine stufenweise Zurechtweisung des sündigen Bruders möchte, dann nicht nur, um die Gemeinde in den Erlösungsprozess für den Bruder einzubinden. Das Gespräch unter vier Augen, im kleinen Kreis und schließlich mit der Gemeinde soll auch der Klärung dienen. Der sündige Bruder soll sogleich Gelegenheit bekommen im Gespräch sich zu erklären, sein Verhalten darzulegen und im brüderlichen Gespräch Einsicht in sein Fehlverhalten zu gewinnen. Dieses Gespräch kann im günstigen Fall den sündigen Bruder von der Einsicht zum Erschrecken und weiter zu Reue und Umkehr führen.

Im ungünstigen Fall hingegen wird sich im Gespräch die Uneinsichtigkeit und Verstocktheit des sündigen Bruders zeigen und ihn aus der Gemeinschaft der Kirche hinausführen.

Im Dienst der Zurechtweisung teilen wir mit dem Herrn die wachsame und heilsame Sorge um seine Kirche. Er schenke uns ein wachsames Auge und ein immer liebendes und starkes Herz für diesen Dienst an seiner Kirche! Amen!

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