Samstag, Juni 04, 2011

Die Stunde ist da!





Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 17: 1 – 11a


In jener Zeit
1erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.
2Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt.
3Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.
4Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.
5Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.
6Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir, und du hast sie mir gegeben, und sie haben an deinem Wort festgehalten.
7Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.
8Denn die Worte, die du mir gegeben hast, gab ich ihnen, und sie haben sie angenommen. Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.
9Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
10Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.
11aIch bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.





„Die Stunde ist gekommen!“ hören wir Jesus sagen. Welche Stunde meint Jesus? Jene Stunde, auf die sein gesamtes leben ausgerichtet war: die Stunde seines Leidens und Sterbens.
Wie steht Jesus angesichts dieser Stunde da? Beklagt er sein Schicksal? Ist er von Angst erfüllt? Sehen wir ihn in hektischer Betriebsamkeit, noch dies und jenes und ein Drittes erledigen zu müssen? Nichts von all dem!

Er beginnt zu seinem Vater zu sprechen; er beginnt zu beten. Wissen wir auch, wenn unsere Stunde kommt? Es muss nicht gleich die Stunde des Leidens und Sterbens sein; es kann die Stunde eines Neubeginnes sein oder die Stunde eines Abschlusses; es kann die Stunde einer Niederlage oder eines Triumphes sein; es kann die Stunde der Begegnung in Liebe sein oder die Stunde der Trennung.

1808, ein Jahr bevor Franz Joseph Haydn starb, wurde sein gewaltiges Oratorium „Die Schöpfung“ in Wien aufgeführt. Aus diesem Anlass kam auch der Komponist dorthin. Alt und schwach wurde er in einem Rollstuhl in den Saal gefahren. Sein Gegenwart wurde von den Zuhörern mit Begeisterung wahrgenommen. Als Orchester und Chor machtvoll „und es ward Licht“ anstimmten gab es spontanen Applaus.
Dadurch angeregt mühte sich der alte Musiker auf seine Beine. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, hob zitternd die Hände und rief: „Nein, nein! Nicht von mir, sondern vom jenseits – vom Himmel her kommt das alles!“ Obwohl der alte Meister erschöpft in den Rollstuhl zurücksank und aus dem Saal gefahren werden musste hatte er einen dramatischen und unvergessenen Auftritt. Beten in der Stunde des Triumphes.

Als Tobias und Sara in der Kammer allein waren, erhob sich Tobias vom Lager und sagte: „Steh auf, Schwester, wir wollen beten, damit der Herr Erbarmen mit uns hat.“ Beten in der Stunde der Begegnung in Liebe.
Und in der 1. Lesung hörten wir auch von einer besonderen Stunde: die Herabkunft des Hl. Geistes1 Und was tun die Jünger zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, den Frauen und mit seinen Brüdern? Richtig: Sie verharrten dort einmütig im Gebet!

Sie haben offensichtlich von Jesus gelernt, der Seine Stunde auch betend beginnt.

Doch achten wir nun auf den Inhalt des Gebetes Jesu. Beklagt er sich bei Gott darüber, dass nun Schreckliches auf ihn zukommt? Bittet er Gott um Hilfe in dieser schweren Stunde des Leidens und Sterbens? Nichts von all dem! Aber was bewegt ihn dann? Man möchte es kaum glauben – aber Jesus bewegt seine eigene Verherrlichung; die möge der Vater ihm verschaffen, damit Jesus dann auch seinen Vater verherrlichen kann. Mit seiner Verherrlichung ist das gemeint, was wir in den vergangenen 40 Tagen gefeiert haben: Jesu Auferstehung!

Es ist der helle Wahnsinn: aber Jesus ist in seinem Beten bereits über sein Leiden und Seinen Tod hinaus – als wär das alles bloß ein Klax. Er lässt sich von den zu erwartenden Leiden und Schmerzen und von der kommenden Todesnot überhaupt nicht beeindrucken und einfangen. Im Gebet hat er Leid und Tod bereits überwunden. Dies tut er jedoch nicht, weil er das Tödliche und Schwere dieser Stunde unterschätzt oder gar geringachtet; im Gegenteil: Er weiß sehr wohl um die übermenschliche Gewalt des Todes und die verheerende Macht der Sünde; und gerade weil er darum weiß, wendet er sich gleich vorweg an das Ziel seines Leidens- und Todesweges, an die Verherrlichung in der Auferstehung; denn dadurch fließt ihm jene Kraft von Gott her zu, die er braucht, um diesen fürchterlichen Weg bis ans Ende gehen zu können.

Jesus betet zu Beginn seiner Stunde; Maria und die Jünger beten in der Stunde des Hl. Geistes; diese Tage vor Pfingsten sind geprägt durch intensives Gebet; ein gewaltiger Gebetsstrom erfasst in diesen Tagen unsere Kirche; denn sie bittet um ihren Lebensatem – um den Hl. Geist. Fügen wir uns diesem Strom ein, damit der Atem uns nicht ausgeht und Christus in uns kraft seines Geistes zu neuem Leben erstehen kann. Amen!

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