Freitag, Mai 13, 2011

Sie hören auf seine Stimme




Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 10: 1 – 10


In jener Zeit sprach Jesus:
1Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
2Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
3Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
4Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
5Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
6Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
8Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.






Habt ihr heute schon die Stimme eures Hirten gehört? Ich meine, wahrgenommen im Bewusstsein, dass der Hirte euch ruft und ihr ihm nun folgen wollt?

Jesus legt uns im Evangelium diese Frage nahe: Welcher Stimme folge ich? Auf wen höre ich bei meinem Tun und Lassen? Kenne ich den, der mich ruft? Und vertraue ich ihm? Wir müssen nun nicht gleich an Jesus denken sondern uns einfach fragen: Auf welche Stimme höre ich? Welche Stimme bestimmt mein Tun und Lassen? Und kenne ich den, der da zu mir spricht? Bin ich vertraut mit ihm? Und liebe ich ihn? In welcher Form bin ich abhängig von ihm? Und wie geht es mir dabei?

Diese Fragen führen unvermeidlich von der Oberfläche unseres Lebens in die Tiefe. Sie helfen uns, die Motivation für unser Handeln zu entdecken und überhaupt draufzukommen, was oder wer uns bewegt.

Was wir dabei entdecken werden kann uns erfreuen oder missfallen. Wir werden dabei auf Harmonie und auf Widersprüche in unserem Leben stoßen und uns sagen: Ja, das habe ich so gewollt oder aber: Nein, so hab eich mir das nicht vorgestellt.

Das wird uns zur Einsicht führen, dass wir uns für oder gegen die Stimmen entscheiden können, die in unserem Leben das Sagen haben.

Dabei ist die Stimme des Hirten meist nicht direkt zu hören – sie verbirgt sich in anderen Stimmen. Eine Geschichte mag das erklären: Am Heiligen Abend war Tom auf dem Dampfboot unterwegs nach Hause. Als er gebeten wurde, ein Lied zu singen, sang er ein „Hirtenlied“. Am Ende des Liedes kam ein Fremder mit einem wettergegerbten Gesicht zu ihm und fragte: „Hast du je in der Unionsarmee gedient?“ „Ja“, antwortete Tom, „im Frühjahr 1860.“ „Kannst du dich noch an den Wachdienst erinnern in einer hellen Mondnacht 1862?“ „Ja,“ antwortet Tom sehr erstaunt.

„Das tat ich auch,“ sagte sich der Fremde, „aber ich diente in der gegnerischen Armee der Konföderierten.“ Als ich dich dort Wache halten sah sagte ich mir: „Dieser Kerl kommt nicht mehr lebend von hier weg.“ Ich hob mein Gewehr und zielte auf dich. Ich war völlig im Schatten während du im vollen Mondlicht standest.

„In diesem Augenblick hast du zum Himmel emporgeschaut und angefangen zu singen.

Musik, besonders Gesang, hatte immer einen besonderen Einfluss auf mich – und ich nahm meinen Finger vom Abzug. „Lass ihn das Lied zu Ende singen,“ sagte ich mir. „Ich kann ihn anschließend erschließen. Er gehört auf jeden Fall mir und meine Kugel kann ihn nicht verfehlen.“ Aber das Lied, das du damals gesungen hattest ist dasselbe Lied, das du eben jetzt gesungen hast. Ich höre die Worte noch genau:

Wir gehören Dir, sei unser Freund, sei der Beschützer auf unserem Weg.

Diese Worte weckten viele Erinnerungen in meinem Herzen. Ich dachte an meine Kindheit und meine fromme Mutter. Sie hat mir viele, viele Male dieses Lied vorgesungen. Aber sie ist allzu früh gestorben – sonst wäre in meinem Leben vieles anders gekommen.

Als du dein Lied zu Ende gesungen hattest konnte ich nicht mehr auf dich zielen. Ich dachte: „Gott, der in der Lage ist, diesen Mann vor dem sicheren Tod zu retten, muss wirklich groß und mächtig sein – und mein Arm fiel von allein schlaff herunter.“

Versteht ihr nun, was ich meine: Zu dem Schützen hat der Hirte nicht direkt gesprochen: Du dummes Schaf! Du darfst nicht töten! Lass das sofort bleiben!

Aber wie hat der Hirte dann zu diesem Soldaten „gesprochen“? Nun, er hat zu ihm gesprochen durch seine Liebe zum Gesang! Er hat zu ihm gesprochen durch die Geduld, die ihn gerne das Ende des Liedes erwarten hat lassen. Er hat zu ihm gesprochen durch die Erinnerungen an seine Kindheit und an seine fromme Mutter, die ihm dieses Lied vorgesungen hat.

Jesus, der gute Hirt, hat unendlich viele Weisen, durch die er zu uns sprechen kann; aber immer ist es im Grunde seine Stimme. Wir können den Herrn nur inständig bitten, dass er uns hilft, die Ohren unseres Herzens zu öffnen für die Weisen, in denen er uns ansprechen will. Und wenn wir seiner Stimme folgen, kann er auch uns zu einem Leben in Fülle führen! Amen!

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