Samstag, Januar 29, 2011

Armsein dem Geiste!






Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 5: 1 – 12a

In jener Zeit
1als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
2Dann begann er zu reden und lehrte sie.
3Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
4Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
5Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
6Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
7Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
8Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
10Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
11Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.





Jesus steigt auf einen Berg. Er tut dies, nachdem er die vielen Menschen gesehen hat, die sich um ihn versammelt haben. Er tut es, um von allen deutlich gesehen und gehört zu werden. Er bringt sich in eine hervorragende Position, weil er ihnen nun etwas Hervorragendes zu sagen hat: Die Bergpredigt. Dies wird unterstrichen dadurch, dass er sich setzt und seine Rede als Lehre bezeichnet wird.

Neben den vielen Menschen werden seine Jünger erwähnt; sie treten zu ihm hin und sind ihm am nächsten. Mit den Jüngern sind jene Leute gemeint, die sich bereits entschlossen haben, mit ihm zu gehen und mit ihm zu leben; sie sind in eine andauernde Gemeinschaft mit ihm eingetreten. Diese Nähe zu Jesus bedeutet zugleich, dass seine Worte vor allen anderen sie erreichen sollen. Mit den Jüngern wird bei Matthäus die Kirche bezeichnet; zu ihnen dürfen also auch wir uns zählen.

Die Bergpredigt ist die erste von fünf programmatischen Reden bei Matthäus. Aus dieser Rede wachsen die anderen vier hervor. In ihr sagt Jesus Grundlegendes zu einem christlichen Leben.

Gleichsam als Vorspiel hören wir heute die Seligpreisungen. Die kennt Matthäus bereits aus dem Ersten Testament – und da vor allem aus den Psalmen. Sie drücken aus, was es ausmacht, das ein Mensch von Gott her glücklich sein kann.

Die erste dieser Seligpreisungen bei Matthäus ist grundlegend für die folgenden: „Selig die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.“

So steht es allerdings nicht im griechischen Urtext. Dort vermeidet es Matthäus in jüdischem Empfinden, den Namen Gottes direkt auszusprechen: Es heißt im Urtext vielmehr: „Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich.“ Dieses „arm sein im Geist“ klingt missverständlich – als müsste man geistig minderbemittelt sein für das Himmelreich; oder es droht das Missverständnis, dass es sich dabei um eine rein geistige Einstellung handelt – völlig losgelöst von der Wirklichkeit, in der wir leben: als könnten Theorie und Praxis auseinanderklaffen.

Dennoch wollen wir die Bedeutung dieser Seligpreisung vom „Armsein im Geiste“ her zu verstehen suchen. Dem Wörtchen „arm sein“ liegen die Begriffe „ducken, hocken, sich kauern“ zu Grunde. Dies ist eine Geste der Bedürftigkeit. Allenthalben begegnen wir in der Herrenstraße Menschen, die in dieser Haltung um Geld betteln. Mit dieser Geste wird ein Leersein ausgedrückt, das gefüllt werden möchte. Nun wird dieses Armsein näher bestimmt: es ist ein Armsein im Geist: Damit ist mehr gemeint als bloß materielle Armut. Es könnte möglicherweise heißen, dass diese Armen sich innerlich arm erleben, weil sie frei geblieben sind von einem fehlgeleiteten Stolz über ihre geistlichen Gaben.

Es könnte auch ein geistliches, spirituelles Unvermögen ausdrücken, eine momentane Lebenssituation zu meistern.

Es könnte die Einsicht bedeuten, dass man sich in jeder Hinsicht – materiell und geistlich – bedürftig erlebt und angewiesen ist auf den Beistand anderer.

Damit dann auch verbunden, dass man nicht im Stande ist, aus sich selber heraus den Sinn des Lebens, das Glück des Lebens zu verwirklichen, zu bewahren und zu erreichen.

Schließlich liegt noch ein weiterer Sinn in diesem Wort, den ich etwas holprig so wiedergebe: Armsein dem Geiste, nämlich dem Geiste Gottes im Sinne von: Dem Geiste Gottes zugewendet sein in meiner Armut! Dieser Strang führt zur Variante, die wir eben gehört haben: Armsein vor Gott! Sie bedeutet, dass ich mich in meiner Armut nur von Gott bereichern lassen möchte; in meiner Leere nur von IHM erfüllen, in meiner Dunkelheit nur von IHM erleuchten, in meiner Krankheit nur von IHM heilen lassen möchte.

Dieser Zuwendung Gottes in meiner Armut verheißt Jesus nun das Himmelreich; eine weitere Umschreibung – diesmal für die wirkmächtige und erfüllende Gegenwart Gottes in meinem Leben. Die folgenden Seligpreisungen entfalten dieses einander Zugewandt sein von erlösungsbedürftigem Menschen und von Gott, der uns in seiner Liebe auch wirklich erlösen möchte.

In den Seligpreisungen möchte mir Jesus Mut machen, mich in meiner Armut der Gegenwart Gottes zu stellen und so Gott ernst zu nehmen mit seiner Bereitschaft mich zu erlösen.

Und vergesse wir dabei nicht, dass Jesus in der Mehrzahl spricht. Ich bin nicht allein sondern eingebunden in die Gemeinschaft der Kirche, wenn ich mich aufmache, um mich im Tode dem Leben, im Dunkel dem Licht, in der Sünde der Vergebung, im Unheil dem Heil zuzuwenden. Werden wir nicht müde, dem Herrn zu danken für sein Erbarmen! Amen!

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