Donnerstag, Dezember 30, 2010

... und hat unter uns gezeltet





Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 1: 1 – 5.9 – 14

1Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.
2Im Anfang war es bei Gott.
3Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
4In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.
9Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
10Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.
11Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
12Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,
13die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.






„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1:14) So wurde uns eben verkündet, wie das Wort sich bei uns aufhalten will; wie Gott in seinem Sohn unter uns sein möchte.
Ein einfaches, allgemeines Sein unter uns ist ihm zu wenig. Nein, er will unter uns wohnen. Allein schon diese „wohnen“ legt nahe, dass er uns nahe sein und mit uns leben möchte. Aber auch in der Art, unter uns zu wohnen, gibt es Unterschiede.

Da gibt es die Möglichkeit, dass Gott unter uns in der Weise wohnt, dass er ein Haus bezieht – dass er also unter uns haust im wortwörtlichen Sinn. Das könnte ein Haus sein mit einer bestimmten Hausnummer oder es könnte das Haus des Tempels sein. Wenn dem so wäre, dann hätte der Evangelist im Griechischen für den Begriff „wohnen“ das Wort οκέω gewält. Das hat er aber nicht. Er drückt das Wohnen Gottes bei uns Menschen mit einem anderen Wort aus: σκηνόω Dieser Begriff heißt wörtlich übertragen: zelten! Also hieße es eigentlich: Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gezeltet.

Dass Gott in einem Zelt bei uns Menschen wohnt, hatten wir schon einmal: Im Ersten Bund ist das Volk unter der Führung des Mose aus Ägypten ausgezogen und 40 Jahre durch die Wüste gewandert ehe es das verheißene Land erobern konnte. Während all dieser Jahre hat Gott sein Volk in einem Zelt begleitet. Und auch noch in der Zeit der Richter bis hin zu König Salomon hat Gott unter seinem Volk gezeltet.

Bereits David schon wollte dem Herrn ein Haus bauen, denn er bekam ein schlechtes Gewissen, als er wahrnahm, dass er, David, in einem Zedernpalast wohnt und der Herr in einem Zelt! Also wollte David dem Herrn ein Haus bauen. Aber dem Herrn war das gar nicht recht (vgl. 2Sam 7:5ff)! Und wir können die Gefühlslage des Herrn wohl verstehen: denn wenn einer sein Volk so sehr liebt wie der Herr, ist er ihm alle mal lieber nahe in einem Zelt als fern in einem Tempel. Im Zelt kann er seinem Volk hautnah sein – nur die Haut des Zeltes trennt ihn von den Menschen. Im Tempel hingegen wäre er von seinem Volk hinter ehernen Türen und steinernen Mauern geradezu «weggesperrt»! Ich kann es dem Herrn wirklich icht verübeln, dass er lieber im Zelt seinem Volk so nahe wie möglich bleiben wollte.

Und in der Tat ist ihm schon zu Lebzeiten Salomons kalt geworden in den Gemäuern des Tempels, denn die Israeliten haben andere Götter verehrt und beim Gottesdienst im Tempel war ihr Herz weit weg vom Herrn (vgl. Is 29:13)! So hat sich der Herr aus diesem ungastlichen Haus zurückgezogen (vgl. Ez 10) und es der Verwüstung preisgegeben.

Am Ende der Zeiten nun ist Gott zu seiner ersten Liebe zurückgekehrt: er wollte wieder unter uns Menschen zelten – allerdings nicht in einem Zelt aus Tierhäuten sondern in einem Menschen mit Haut und Haaren – in Jesus von Nazareth, dem menschgewordenen Wort Gottes!

Dem entsprechend sieht das Leben Jesu aus: Er verbringt es mitten unter den Leuten: unter Armen und Reichen, unter Kindern und Erwachsenen, unter Sündern und Gerechten, unter Laien und Priestern, unter Freunden und Feinden; jeder von diesen hatte freien Zugang zum Herrn. Das erinnert sehr an das Zelten Gottes unter seinem Volk in der Wüste: So mobil, so einfach – einander so nahe!

Diese Nähe Gottes zu seinem Volk hat auch das II. Vaticanum betont und deshalb das Bild vom Gottesvolk zum Leitbild erklärt.

Und damit diese Nähe zu seinem Volk künftig erhalten bleibt, hat sie der Herr nicht mehr an einen Tempel gebunden sondern an seine Jünger, die in seinem Namen in alle Welt hinausgehen, so dass seine Gegenwart in jenen weiterlebt, die in seinem Namen leben. In diesen Christen kann der Herr nun selber immer ganz nahe bei seinem Volk bleiben; in diesen Christen zeltet er erneut unter uns.

Das Zelten Gottes unter uns ist zudem für eine weitere Bedeutung offen: Dass Gott nicht nur unter uns sondern auch in uns wohnt – und auch auf dieser geistlichen Ebene bleibt es ein Zelten. Dabei wird die Haut des Zeltes zum Hinweis, dass wir in unserem geistlichen Leben Gott ganz, ganz nahe kommen dürfen; wir dürfen IHM ganz ähnlich werden – nur eben die Zelthaut trennt uns noch von ihm – Sprich: wir werden zwar Gott ähnlich aber nie Gott selber sein. Die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf bleibt in aller Nähe erhalten.

Wir sollten nie vergessen, dass der Herr unter uns sein Zelt aufgeschlagen hat, weil er Sehnsucht und Freude daran hat, uns Menschen ganz nahe zu sein (vgl. Spr 8:31). Unsere Antwort kann nur die sein, dass wir diese Sehnsucht des Herrn beantworten mit unserer Sehnsucht, ihm möglichst nahe zu sein. Amen!

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