Samstag, November 27, 2010

Seid wachsam!





Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 24: 37 – 44


In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
37Wie es in den Tagen des Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein.
38Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging,
39und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein.
40Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen.
41Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.
42Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
43Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.
44Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.





Seid wachsam! Jeden Raum betreten wir durch eine Tür. Den Raum des Advent sollen wir durch die Türe der Wachsamkeit betreten. Das ist eine Haltung andauernder, gespannter Aufmerksamkeit. Worauf sind wir aufmerksam? Auf das, was uns neugierig macht; auf das, was wir unbedingt haben möchten; auf das, was wir unbedingt sein möchten; auf das, was wir lieben.

Jesus legt uns nicht nur die Haltung der Wachsamkeit eindringlich ans Herz! Er gibt dieser Haltung zugleich eine Richtung: Nicht ins Ungewisse hinein sollen wir wachsam sein! Wer brächte das auch zustande? Wer könnte so was nachvollziehen. Jesus weiß vielmehr, dass unsere Wachsamkeit ein Ziel braucht von dem her und auf das hin sie leben kann: Dieses Ziel ist die Ankunft des Menschensohnes. Und da haben wir auch schon den Haken: Denn wer ist dieser Menschensohn für uns? Was bedeutet er uns? Um unserer Wachsamkeit das Ziel noch klarer vor Augen zu stellen bestimmt er die Gestalt des Menschensohnes genau: Es geht um euren Herrn: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt!“ (Mt 24:42) Und dieser euer Herr ist kein anderer als Jesus selber!

Mit dieser Einsicht ist der Haken nun aber nicht geradegebogen – er wird vielmehr noch schmerzlicher, peinlicher; denn nun stellt sich die Frage: Wie sehr interessiert mich Jesus, wie sehr bin ich neugierig auf ihn, wie sehr liebe ich ihn – dass ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den Zeitpunkt X hin sammle, an dm er kommt? Die Peinlichkeit dieses Hakens liegt darin, dass wir als Christen nach diesem Jesus benannt sind und dadurch ein Naheverhältnis angedeutet wird, das geradezu nach dieser Wachsamkeit verlangt, die Jesus von uns fordert.

Wären wir Muslime oder Anhänger einer Naturreligion, bräuchte uns das Wort Jesu nicht näher berühren! Nun aber heißen wir Christen! Und die Frage steht im Raum: Sind wir es auch?

Diese Frage wird beantwortet durch unsere Bereitschaft und unsere Fähigkeit, wachsam sein zu können für das Kommen Jesu.

Jesus gibt in seinem Weckruf Alternativen für unsere Wachsamkeit. Er zählt also auf, worauf wir sonst unsere Aufmerksamkeit lenken könnten. Er verwendet dazu die biblische Erzählung von Noach und seiner Arche. Er zählt auf, wie die Leute sich damals verhalten haben, ehe die Flut sie hinwegraffte: Sie aßen und tranken und heirateten und ahnten nichts.

Jesus zählt mit anderen Worten alltägliche, normale Tätigkeiten auf. Denen können wir aus unserem Leben noch andere hinzufügen. Dieses alltägliche Leben der Zeitgenossen des Noach war jedoch begleitet von einer völligen Ahnungslosigkeit. Die wäre aber überwindbar gewesen, indem die Leute dem Noach eben Aufmerksamkeit geschenkt und mit ihm geredet hätten. Sie haben ihn jedoch als Spinner abgetan.

Ich denke, Jesus beschreibt damit sehr genau auch das Leben eines jeden von uns: Wir interessieren uns für Essen und Trinken und Kleidung; dem können wir unser Auto anfügen und unser Hobby; vergessen wir nicht unsere Leidenschaften und Abhängigkeiten, von denen wir lieber nicht öffentlich reden. Und schließlich zur Beruhigung unseres schlechten Gewissens ein gutes Werk in irgendeiner Form.

Die Sache ist nun die, dass die Wachsamkeit, die Jesus meint, nicht etwas von uns fordert – sie fordert uns selber! Die Sehnsucht nach dem Herrn, die zur Wachsamkeit auf sein Kommen bewegt, können wir nur mit dem Einsatz unserer Person leben! Den Prozess des Aufwachens und der Wachsamkeit auf das Kommen das Herrn fasst Paulus in das Wort: „Legt als neues Gewand den Herrn Jesus Christus an!“ (Röm 13:14a)

Wie das geht beschreibt ein griechischer Kommentator zum heutigen Evangelium: Wachsam sein bedeutet nicht nur, die Zugänge zur Seele von Bösem frei zu halten; es heißt vielmehr, sie mit Gutem zu besetzten: dass also der Mund Heiliges spreche; die Ohren Heiliges hören; die Augen Heiliges sehen, das Herz Heiliges bedenke!

So gehen wir auf dem Weg der Heiligkeit dem Herrn entgegen;
So warten wir hellwach auf das Kommen unseres Herrn Jesus;
So bereiten wir uns durch Taten der Liebe auf seine Ankunft vor.
Der Herr schenke uns dazu im Advent das Wollen und das Vollbringen! Amen!

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