Donnerstag, Oktober 14, 2010

Wo sind die übrigen neun?




Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 17: 11 – 19

11Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.
12Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen
13und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!
14Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein.
15Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.
16Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien.
17Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun?
18Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?
19Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.




„Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?“ (Lk 17:17f.)
Diese Frage bewegt auch mich. Wieso war dem einen Samariter möglich, was die übrigen neun Juden nicht vermochten: Sich bei Jesus zu bedanken für die wiedergeschenkte Gesundheit?

Die gemeinsame schwere und üblicherweise tödliche Krankheit des Aussatzes hat alle zehn gleichermaßen getroffen. Dieses gemeinsame Los verwischte die trennende Grenze eines unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses. Juden und Samariter, ansonsten verfeindet, haben unter dem gemeinsamen Joch des Aussatzes zu einer Gemeinschaft zusammengefunden.

Gemeinsam rufen sie Jesus auch um Hilfe an: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ (Lk 17:13)
Gewiss haben sie einen Heilungsspruch erwartet, doch der kommt nicht! Statt dessen die Aufforderung, zu gehen und sich den Priestern zu zeigen.
Das ist allerdings nun ein starkes Stück; denn Jesus verlangt von ihnen etwas, was das Gesetz erst nach der Genesung fordert: sich als Genesene den Priestern zu zeigen, damit die die vollständige Heilung feststellen und die vom Aussatz Geheilten wieder in die Gemeinschaft aufnehmen.
Jesus verlangt von ihnen, dass sie sich auf den Weg zu den Priestern machen so als wären sie schon geheilt – aber tatsächlich waren sie noch krank und von Heilung vorerst keine Spur!
Vielleicht kam beim einen oder anderen ungute Gedanken hoch wie etwa: „Der soll uns entweder heilen oder uns sagen, dass er nicht will oder nicht kann! Aber er soll uns nicht lächerlich machen!“ Im Evangelium hören wir von derartigen verständlichen Reaktionen nichts. Vielmehr machen sich alle zehne auf den Weg zu den Priestern!
Jesus fordert von ihnen einen Akt des Glaubens und des Vertrauens auf sein Wort. Alle erbringen sie diesen Glaubensgehorsam.
Unterwegs nun ereignet sich an allen zehnen das Wunder einer völligen Heilung vom Aussatz!
Kaum gesund ist es nun die religiöse Ungebundenheit, die den Samariter von seinen neun jüdischen Genossen trennt.
Denn die neun Juden folgen der Weisung Jesu und damit zugleich einer Weisung des Gesetzes – eben, sich den Priestern zu zeigen. Und gewiss haben sie dann im Tempel ein Opfer dargebracht und so Gott gedankt.
Der eine Samariter ist durch keine solche gesetzliche Weisung gebunden. Er ist frei davon und nützt diese Freiheit, umzukehren und Jesus zu danken. Und um das geht es ja im Evangelium: Jesus zu danken und dadurch Gott die Ehre zu geben.

Zum einen erkennen wir da eine Tatsache, die dann in der Apostelgeschichte ihren Lauf nimmt: dass nämlich der Großteil des jüdischen Volkes durch die Gebundenheit an das Gesetz gehindert wird, die Botschaft und das Heil im Glauben anzunehmen, das Jesus ihnen im Namen Jahwes, des Gottes Israels bringen möchte. Das Tragische ist eben nur, dass Gesetz und Propheten gerade auf dieses Heil vorbereiten wollten. Israel hat sich auf dem Weg des Gesetzes in ein Verständnis von der Einzigkeit und Unnahbarkeit Gottes verrannt, das es nicht mehr erlaubte, dass Gott in Jesus von Nazareth Mensch werden und nahe kommen konnte. So sind die restlichen neun auf tragische Weise sehend und blind, hörend und taub, gehorsam und ungehorsam in einem. Der begrenzte Rahmen verhindert, noch näher auf diese Tragik einzugehen, die sich schon im Verlauf der gesamten Heilsgeschichte bis zu Jesus hin immer wieder abzeichnet. Es herrscht da ein Geheimnis der Verstocktheit, das Paulus übrigens im Römerbrief thematisiert. (Röm 9 – 11)
Bei den Samaritern (Apg 8:14) und den Heiden (Apg 11:1) hingegen findet die Botschaft Jesu viel leichter und natürlicher Zugang – wie uns das heutige Evangelium zeigt.
Skizzenhaft wird hier die Missionsverlauf der jungen Kirche im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vorweggenommen.

Zum anderen stellt das Evangelium uns die Frage: Was hindert uns, die Wohltaten Jesu an uns zu sehen und unverzüglich dafür zu danken? Wodurch werden wir gehindert, die Botschaft Jesu und sein Heil so aufzunehmen, dass wir ihn als unseren Heiland und Erlöser verehren und anbeten können?

Ich erinnere an die zuvorkommende und begleitende Gnade Gottes aus dem Tagesgebet. Die möge in Fülle immer bei uns sein und der Dank und der Lobpreis Gottes durch Jesus Christus und mit IHM und in IHM in der Einheit des Heiligen Geistes wird kein Ende finden. Amen!

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