Freitag, Juli 09, 2010

Zum Nächsten werden



Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 10: 25 – 37



25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?


26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?


27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.


28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.


29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?


30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.


31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.


32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.


33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,


34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.


35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.


36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?


37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!








„Du bist ein barmherziger Samariter!“ es ist dem heutigen Evangelium zu verdanken, dass diese Redewendung durchaus positiv verstanden wird und einen Menschen bezeichnet, der hilfsbereit ist.


Zurzeit Jesu war das ganz anders: „Samariter“ zu sein galt bei den Juden als eine Beschimpfung. Sie bezeichnet einen Menschen, der von Jahwe, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs abgefallen und zu einem Götzendiener geworden war.


Dies war eine Folge der Teilung des Reiches Israel nach König Salomon. Damals spaltete sich das Nordreich vom Südreich ab: Im Südreich verblieben um Jerusalem herum der Stamm Juda und der Stamm Benjamin: Sie bildeten das Königreich Juda.


Alle übrigen 10 Stämme versammelten sich im Nordreich: sie bildeten fortan das Königreich Israel.


Um die politische Einheit des Nordreiches nicht zu gefährden trennte es sich auch religiös vom Südreich; das bedeutete, sie trennten sich vom Jahwekult, wie er im Tempel von Jerusalem dargebracht wurde. Stattdessen stellten sie Götzenbilder auf, die sie dann kultisch verehrten.


Nun war es ausgerechnet so ein Samariter, der dem Überfallenen am Wegrand zu Hilfe kam.


Dabei wären aber der Priester und er Levit für diesen Dienst prädestiniert gewesen; denn sie kamen von Jerusalem herab. Was heißt das? Es heißt, dass sie vom Tempel herab gekommen sind, wo sie ihren Gottesdienst gehalten haben.


Wir würden schlicht sagen: sie sind gerade von der hl. Messe gekommen. Diese beiden – der Priester und der Levit – haben den Verwundeten am Straßenrand nicht einmal übersehen; denn es heißt ausdrücklich von ihnen: sie sahen ihn! Dennoch gingen sie weiter.


Was muss das für ein Gottesdienst gewesen sein, dass er in der konkreten Situation gar nicht gegriffen hat? Wenn sie dabei überhaupt eine Botschaft oder einen Impuls von Gott empfangen haben – kam dies überhaupt nicht in ihrem Alltag an – sprich: in der Hilfeleistung an dem Überfallenen. Der Tempeldienst, den sie in Jerusalem verrichteten, muss etwas völlig Abgehobenes gewesen sein; etwas, das mit ihrem übrigen Leben gar nichts zu tun hatte.


Ein Samariter auf Reisen sieht den Mann am Straßenrand auch – und er hat Mitleid und hilft ihm. Wohlgemerkt: der Ungläubige, der sich vom Tempelkult in Jerusalem losgesagt hat – er hat ein Herz für den Armen am Weg.


Jesus beantwortet mit dieser Geschichte die Frage des Gesetzeslehrers: Wer ist mein Nächster? Und gibt die Frage dann zurück: „Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“


Fragt der Schriftgelehrte also: Wer ist mein Nächster? So stellt Jesus die Frage: Wem bist du Nächster?


Die beiden Fragen markieren Anfang und Ende des Weges der Nächstenliebe.


Der Priester und der Levit haben die erste Frage gelebt und den Halbtoten im Straßengraben als ihren Nächsten wahrgenommen; sie sind jedoch nicht weitergegangen und sind nicht zum Nächsten geworden für den Mann im Graben. Diesen Schritt hat erst der Samariter gemacht. Der stellte sich auch die zweite Frage: Wie kann ich dem Halbtoten zum Nächsten werden? Wie wir im Evangelium hörten ist es das Mitleid, das diese Frage stellt und den Weg zur Hilfsbereitschaft öffnet.


Im Gottesdienst wird Gott mir zum Nächsten, damit auch ich dem Nächsten zum Nächsten werden kann. Das ist die Frucht wahren Gottesdienstes: dass ich die Liebe zu Gott verbinde mit der Liebe zum Nächsten! Ob wir Gott lieben wissen wir nicht genau; wohl aber, ob wir den Nächsten lieben! Darum erweist sich unsere Liebe zu Gott in der Liebe zum Nächsten.


Nicht wenige werden heute abends live erleben, wer Fußballweltmeister 2010 wird. Im Evangelium und in unserem christlichen Leben geht es um die Weltmeisterschaft in der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Auf dieses Finale brauchen wir nicht bis 2014 warten. Jeden Tag ist Finale. Jeden Tag können wir Weltmeister in der Liebe werden. Amen!


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