Sonntag, April 25, 2010

Ich kenne sie


Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 10: 27 – 30


27Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.

28Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.

29Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.

30Ich und der Vater sind eins.


„Hören – kennen – folgen“


Mit diesen Begriffen umschreibt Jesus die Beziehung zu jenen, die zu ihm gehören. Dabei benützt er das Bild vom Hirten und seinen Schafen – ein Bild, das damals den Leuten bekannt und vertraut war.


Sie hören auf meine Stimme

Hören bedeutet eine Offenheit für Welten außerhalb der Meinen. Im Hören öffne ich mein Leben, so dass Anderes einfließen kann. Vo diesem Anderen erwarte ich eine Bereicherung meines Lebens eine Ergänzung meiner Welt. Angesichts meiner eigenen Armut und der Bruchstückhaftigkeit meiner Welt öffne ich mich im Hören dem, der mich bereichert und ganz macht. Im Hören kommt die Sehnsucht zum Ausdruck, aus meinem Unheil ins Heil zu treten; aus meinem Dunkel ins Licht; aus meinem Tod ins Leben – oder wie immer wir es nennen wollen.


Im Hören setze ich einen Akt des Vertrauens und des Hoffens auf den, der zu mir spricht: ich hoffe und vertraue, dass mir gut tut, was er mir sagt; dass es Worte des Lebens sind, die ich von ihm höre.


Im Bild vom Hirt und den Schafen kommt zudem ein Element dazu, das wir in unserer Selbstbezogenheit nicht gern mögen und nur schwer nachvollziehen können, nämlich das Element des blinden Vertrauens. Das ist mehr als Vertrauen, das aus dem erwächst, was wir bisher schon an Gutem erfahren haben von diesem Hirten.


Dieses blinde Vertrauen erfordert ein Vergessen, was hinter mir liegt und ein Ausstrecken nach dem, was vor mir liegt; und vor mir liegt die Welt, die mir der Hirt erschließt. Das ist für mich eine immer wieder neue Welt, wie ich sie vorher noch nie erlebt habe. Es ist die Welt, die der Hirt kennt, weil er in dieser Welt lebt; weil er von dieser Welt lebt und weil er überzeugt ist, dass diese seine Welt auch eine Welt für mich ist – Lebenswelt für ihn und für mich. Der Hirt einer, der in zwei Welten daheim ist: in der meinen und in der seinen. Der Hirt einer, der sich in meiner Welt beheimatet hat um mich Schritt für Schritt in seine Welt zu führen. Das Hören auf seine Stimme ist also unser Anteil.


Ich kenne sie

Dieses Kennen des Hirten drückt seine Vertrautheit mit uns aus: er kennt uns; er weiß um uns; unsere Bedürfnisse sind ihm nicht fremd; dieses Kennen des Hirten kommt daher, dass er sich in unserer Welt beheimatet hat; er ist ein Schaf geworden wie wir.


Johannes der Täufer weist darauf hin, wenn er von Jesus sagt: Seht das Lamm Gottes! (Joh 1:36) Der Prophet spricht davon in der Karwoche: Wie ein Schaf wird er zur Schlachtbank geführt und tut seinen Mund nicht auf. (Jes 53:7; Apg 8:32; Röm 8:36)


Der Hirt kennt das Leben seiner Schafe von innen heraus; er war selber wie ein Schaf, als er durch die finstere Schlucht des Leidens und des Todes hindurchging – sich dabei festhaltend einzig und allein am Stab und Stock seines Hirten, nämlich seines Vaters im Himmel. (vgl. Ps 23:4)


Weil der Hirt also seine Schafe durch und durch kennt – jedes einzelne von ihnen, weiß er, was er ihnen zu sagen hat; kennt er den Weg, den er sie führen muss und die Weide, die sie gerade brauchen.


Das blinde Vertrauen kommt also wesentlich daher, dass wir uns dessen gewiss sind, dass der Hirt seine Schafe besser kennt, als sie selber sich kennen. Nur so können die Schafe von ihrer Eigenart lassen und der Art des Hirten vertrauen.


Zentral eingebettet in unser Tun – nämlich in unser Hören und in unser Nachfolgen – ist, dass ER uns kennt. Darum muss auch das Bedenken dieser Tatsache ein tragender Grund unserer Beziehung zum Hirten sein. Denn nur von diesem Grund her ist ein Hören möglich, das zum Nachfolgen bewegt.


Wenn es nicht in mir lebt, dass der Hirt mich kennt, werde ich niemals so hören, dass ich zur Nachfolge bewegt werde. Dieses Hören wird äußerlich bleiben und das Herz nie erreichen und es nie bewegen. Ich werde den eigenen Vorstellungen von mir verhaftet bleiben, jene Wege gehen, die mir gefallen und jene Weiden aufsuchen, bei denen ich mich vorerst wohlfühle. Mir bleibt somit verwehrt, was Jesus dann anfügt:


Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.


Der Weg aus aller Not zur ewigen Freude führt nur über Jesus. Es ist der Weg, den er vorausgeht und den er uns führt. Amen!

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