Freitag, April 16, 2010

Ich habe euch erwählt


Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 21: 1 – 19


1Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise.

2Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.

3Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.

4Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

5Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.

6Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.

7Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.

8Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.

9Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot.

10Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.

11Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

12Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

13Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.

14Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.

15Als sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!

16Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

17Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!

18Amen, amen, das sage ich dir: Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.

19Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte er zu ihm: Folge mir nach!





Wir begegnen zu Beginn des Evangeliums einer Jüngerschar ohne Jesus. Einem Körper ohne Seele; einer Gemeinschaft ohne Mitte. Das Leben muss weitergehen – auch ohne Jesus! Also machen sie das, was sie gemachten haben, ehe Jesus ihnen begegnet ist: Sie gehen fischen. Petrus macht den Vorschlag und gibt die Richtung vor; sechs weitere von den ehemaligen Jüngern Jesu schließen sich ihm an.


Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.


Mit Nacht ist hier nicht nur die Zeit im Gegenüber zum Tag gemeint sondern auch die Nacht, in der sie sich emotional erleben: ihre Traurigkeit, ihre Enttäuschung, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Ziellosigkeit – das alles kommt in dieser Nacht zum Ausdruck und in der Erfolglosigkeit ihres Fischfanges.


Sie erleben es am eigenen Leib: ein Leben ohne Jesus ist ein fruchtloses Leben!


Jesus erbarmt sich dieses armseligen Zustandes einer Jünger. Wie könnte er auch anders – ER, der Lebendige, der seine Jünger liebt bis zur Vollendung? Wie könnte er es aushalten, seine Jünger in dieser Agonie zu belassen? Vielmehr drängt es ihn, mit ihnen sein Leben zu teilen. Er, der auferweckt wurde zu neuem, ewigen Leben möchte nun auch seine Jünger auferwecken und aus dem Grab ihrer Resignation herausführen.


Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer: Jesus steht für den Anfang eines neuen Tages. Er ist die Scheide zwischen der Nacht, als einem Leben ohne ihn und dem Tag, als einem Leben mit ihm und durch ihn und in ihm.


Dabei fällt Jesus nicht mit der Tür ins Haus und ruft: Hallo, ich bin Jesus! Kennt ihr mich denn nicht?


So sollen sie Jesus nicht erkennen. Sie sollen ihn durch das erkennen, was sie erleben: Durch das, was sie auf sein Wort hin erleben. Dazu gehört auch die bewusste Erfahrung ihrer Armut, die durch die Frage Jesu nach Essbarem aufgedeckt und durch ein schroffes Nein bestätigt wurde. Dann aber der Reichtum, der durch sein Wort in ihr armes, leeres Leben einfließt. So erleben sie, dass durch ihn ihr armes Leben reich wird; ihr totes Leben lebendig; dass durch Jesus der Tag kommt, der ihre Nacht beendet! Dass Jesus die Nahrung ist, die den Hunger stillt.


Dies alles erkennt zuerst der Jünger, den Jesus liebt. Auch hier erneut der Beginn bei Jesus: die Erkenntnis Jesu ist ein Geschenk seiner Liebe! Jesus können wir nicht aus uns selbst heraus ausdenken. Er flößt uns mit seiner Liebe die Fähigkeit ein, ihn zu erkennen.


Und er schenkt uns die Erkenntnis seiner selbst nicht nur damit wir sie für uns behalten sondern damit wir sie weitersagen. Und das tut denn der Jünger auch sogleich, indem er dem Petrus seine Erkenntnis mitteilt. Und diese Erkenntnis bewegt, setzt in Brand – jeden auf seine Weise: den Jünger, den Jesus liebt, so dass er davon erzählt und die Herzen anderer brennen macht; den Petrus so, dass er sich sein Gewand überwirft, in den See springt und den übrigen auf Jesus zu im seichten Gewässer vorauswatet.


Jesus lässt sich von uns erkennen, damit wir es weitersagen und auch andere ihn erkennen. Er schenkt uns seine Nähe, damit wir davon Zeugnis geben und dadurch andere ihm näherkommen. Jesus gibt die Initialzündung zu einer Gemeinschaft, die sich in Gedanken, Worten und Werken auf ihn hin ordnet und zu ihm hin strebt.


„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.“ (Joh 15:16) Die Erwählung durch Jesus ist die Grundmelodie im heutigen Evangelium. Wie im morgendlichen Fischfang wird sie dann auch in der Einladung zum Mahl ausgedrückt und schließlich darin, dass Jesus den Petrus zum Hirten bestellt und ihm seine Schafe anvertraut. Er erwählt ihn zu seinem Nachfolger im Hirtenamt.


Wir dürfen uns heute besonders freuen, dass Jesus auch uns erwählt hat zu seiner Herde, zu seiner Kirche zu gehören. Das Bewusstwerden dieser Erwählung ist immer ein Weg aus dem Dunkel ins Licht, aus dem Tod ins Leben, aus der Jesusferne in seine Nähe. Amen!

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