Donnerstag, Oktober 29, 2009

Jesus, hab Erbarmen mit mir!



Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 10: 46 – 52


46 Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.


47 Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!


48 Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!


49 Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.


50 Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.


51 Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.


52 Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.




Eine äußerst lebendige Geschichte! Die damit anfängt, dass der binde Bettler Bartimäus sich nicht mit seiner Blindheit abfinden will. Wir wissen nicht, was er schon alles unternommen hat, um von seinem Übel loszukommen. Jedenfalls ergreift er in Jesus die nächste Gelegenheit, von seiner Blindheit befreit zu werden. Es wird deutlich, dass Jesus für Bartimäus kein Unbekannter ist. Zumindest hat er schon von ihm gehört und vor allem von seinem wunderbaren Wirken. Ansonsten wäre es nicht begreiflich, dass er sogleich nach diesem Jesus ruft! Nun ruft er aber nicht den Namen, den er hört: Jesus von Nazaret! Nein, er gibt dem Namen Jesus von sich aus einen besonderen Zusatz, einen Ehrentitel: Sohn Davids! Diesen Ehrentitel stellt er dem Namen Jesus voran. Dieser besondere Zusatz zum Namen Jesu drückt seine besonderen Erwartungen aus, die er von Jesus hat. Indem er Jesus Sohn Davids nennt gibt er Jesus einen Titel, der dem Messias vorbehalten ist. Mit anderen Worten: Bartimäus hält Jesus für den Messias – und erwartet nun freilich auch von ihm, dass dieser messianisch an ihm wirkt. Denn eine der Taten des Messias soll ja sein, dass er Blinde sehend macht.


Dass er Jesus indirekt den Messias nennt ist bestimmt der Hauptgrund, dass viele ärgerlich wurden und ihm befahlen zu schweigen. Warum sollte man sich denn sonst etwas aus dem Geschrei eines Bettlers am Wegrand machen!?


Beides ist gleichermaßen bestechend: dass Bartimäus selber eine so hohe Meinung von Jesus hat – die höchste eigentlich, die man damals von einem Menschen haben konnte und dass er mit dieser Meinung nicht hinter dem Berg hält sondern sie vielmehr lauthals alle Welt wissen lässt.


Dabei ist natürlich gleich anzufügen: Bartimäus ging es nicht darum, die Leute seine Meinung über Jesus wissen zu lassen; er wollte eigentlich nur von Jesus gehört werden. Es ging ihm um die Aufmerksamkeit Jesu. Er wollte erreichen, dass Jesus ihn hört; dass Jesus bemerkt: Da ist einer, der will was von mir; der braucht meine Hilfe; der benötigt mein Erbarmen!


Das Bekenntnis des Bartimäus vor den übrigen Menschen ist Nebenprodukt seines Interesses am Herrn. Weil er bei Jesus sein möchte, kommt er nicht umhin, sich zu äußern und wissen zu lassen, was er von diesem Jesus hält. Seine Äußerungen sind Ausdruck seiner Ausrichtung auf Jesus.


Dies erweist sich sogleich in seiner Reaktion auf die Einsprüche jener, die wollen, dass er schweigt. Hätte er sich was aus diesen Einwänden gemacht, wäre er sogleich verstummt. Da es ihm aber gar nicht um die Leute ging und was sie von ihm denken bewirkt der ärgerliche Einspruch der Umstehenden das genaue Gegenteil: er schreit noch lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Da Bartimäus von vornherein schon auf Jesus hingerichtet war, hat der Widerstand der Leute ihn in der Ausrichtung auf Jesus bestärkt. Die Entschlossenheit für Jesus wurde durch den Widerstand der Leute zu einer entschlossenen Entschlossenheit.


Jesus verweigert sich nicht. Er lässt Bartimäus rufen. Das ändert die Situation: die Stimmen, die ihn zum Verstummen bringen wollen verstummen selber und auf einmal sind Leute da, die ihm Mut machen: „Hab nur Mut. Steh auf. Er ruft dich!“ Auch mit diesen Leuten lässt er sich auf kein Gespräch ein. Er tut nur, was sie ihm nahe legen: Er wirft seinen Mantel ab, steht auf und läuft auf Jesus zu. Man möchte nicht meinen, dass dieser Mann blind ist: Es ist nichts zu bemerken von Unsicherheit und vom zögerlichen Vorantasten eines Blinden; dieser Bartimäus läuft wie ein Sehender! Ist es die Ahnung, knapp vor dem Ziel seines Lebens zu sein, die ihm diese Sicherheit schenkt? Ist es das Vertrauen, dass dieser Jesus keine halben Sachen macht und dass er den Bartimäus nicht ruft, um ihn dann in seiner Blindheit zu belassen und gleichsam ein Spiel mit ihm zu treiben?

Und dann das Gespräch zwischen Jesus und Bartimäus. Jesus eröffnet: „Was soll ich dir tun?“ Er könnte mit ziemlicher Sicherheit vermuten, was Bartimäus will – nämlich wieder sehend werden. Doch will er das ausdrücklich von ihm selber hören: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!“ Diese Bitte und sein vorauf gehendes unbeirrtes Rufen nach ihm ist Jesus genug Erweis, dass Bartimäus an ihn glaubt. Darum dann auch das Wort des Herrn: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen!“ Und im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen!


Wohin wird Bartimäus nun wohl mit seinem erlangten Sehvermögen gehen? Wird er sich endlich einmal die Welt in ihrer Schönheit anschauen, die er überhaupt noch nie oder schon lange nicht mehr gesehen hat? Oder wird er sich seine Freunde und Verwandten näher unter die Lupe nehmen, die er bisher nur vom Hören gekannt hat? Oder die wunderbaren Sachen auf dem Markt? Oder den Tempel in seiner Pracht? Die Feier eines Gottesdienstes mit allen Sinnen mitverfolgen können? Was gibt es da nicht alles an wunderbarem zu bewundern? Nichts von all dem! Es heißt vielmehr in aller Schlichtheit: „und er folgte Jesus auf seinem Weg.“


Ist das nicht wunderbar: Da hat ihm Jesus das Augenlicht geschenkt und damit zugleich die ganze Welt in ihrer Schönheit. Und dann sagt Jesus auch noch „Geh’“ zu ihm. Eine Einladung geradezu, sich auf Entdeckungsreise durch diese Welt zu machen. Aber Bartimäus macht sich auf eine ganz andere Reise: er folgt Jesus auf seinem Weg! Das ist seine Reise! Jesus hat ihm zur Auswahl die gleichsam die ganze Welt zu Füßen gelegt – aber Bartimäus entscheidet sich nicht für diese Gaben; er entscheidet sich für den Geber, für Jesus selber. Jesus hat ihm offensichtlich nicht nur die Augen des Leibes für die Schönheit dieser Welt geöffnet sondern vielmehr noch die Augen des Herzens für die Schönheit des Lebens in seiner Nachfolge.


Möge diese Geschichte unsere Beziehung zu Jesus auf den Prüfstand stellen und uns erkennen lassen, wie sehr wir mit Jesus verbunden sind; wie sehr wir uns in seiner Nachfolge von Negativem oder Positivem beirren lassen und wen wir eigentlich suchen – die Gaben oder jenen, der sie uns gibt! Amen!

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