Mittwoch, September 09, 2009

Effata -Öffne dich!


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 7: 31 – 37

31 Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.

32 Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.

33 Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;

34 danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich!

35 Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden.

36 Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.

37 Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.


Effata I

Nicht hören können – nicht sprechen können ist
eine starke Beeinträchtigung der Kommunikation.
Ein Hauch von Vorstellung von diesem Übel gewinnen wir Im Spiel Activity, wobei unter anderem einen Begriff allein durch Gestik und Mimik mitgeteilt werden muss.
Mit der Welt der Gehörlosen kommen wir auch in Kontakt, wenn Nachrichten im Fernsehen in der Gebärdensprache vermittelt werden.

Der Taubstumme im Evangelium hatte weder Activity gespielt noch beherrschten die Leute damals die Gebärdensprache. So war er auf seine Freunde angewiesen, dass sie ihn zu Jesus bringen. Das tun sie und bitten Jesus schlicht, er möge den Behinderten berühren; sie meinten damit, Jesus möge ihn segnen; damals war es üblich, einen Wanderrabbi, wie Jesus einer war, um seinen Segen zu bitten.

Sie bitten Jesus nicht, dass er den Taubstummen heile sondern nur, dass er ihn berühre. Sie schreiben Jesus nicht vor, was er zu machen hat. Sie bitten lediglich um eine segnende Berührung.

Die Antwort Jesu: Er nimmt den Kranken beiseite. Er macht es wie der Arzt mit den Patienten. Er behandelt sie nicht im Wartraum vor den Augen der übrigen Patienten sondern er holt sie in die Ordination, wo die Behandlung dann unter vier Augen geschieht.

Und Jesus berührt den Kranken tatsächlich wie gewünscht. Er begibt sich auf jene Ebene, auf der der Kranke ansprechbar ist: Auf die Ebene der Berührung und der Zeichenhaftigkeit.
• Jesus legt seine Finger in die Ohren des Taubstummen und
• Berührt dann dessen Zunge mit Speichel.

Aber Jesus tut noch mehr:
• Er blickt zum Himmel
• Er seufzt und spricht
• Effata! Öffne Dich!

Der Blick zum Himmel ist ein äußerlich sichtbarer Hinweis auf seine Verbundenheit mit dem Vater. Der Mann soll wissen: Er ist nicht allein und was er tut, tut er nicht aus sich selber sondern er tut es in der Kraft, die von seinem Vater im Himmel herkommt.

Das Seufzen Jesu ist nicht zu verstehen als Ausdruck seines Mühens um diesen Kranken. Vielmehr mag es ein Zeichen des Mitleides mit diesem armen Kerl sein – nicht nur wegen seines bisherigen Zustandes sondern wohl auch, weil er künftig die Mühe haben wird, mit der Gabe des Redens verantwortungsvoll umzugehen, um sich vor Sünden durch das Reden, den so genannten Zungensünden, frei zu halten.

Indem Jesus den Taubstummen heilt tut er mehr, als von ihm erbeten wurde. Ein Zeichen seiner Großzügigkeit und eine Einladung für uns, auch Großes von ihm zu erbitten.

Schließlich das Verbot, jemand davon zu erzählen; was die Leute jedoch missachten. Wer könnte so was schon bei sich behalten. Dennoch: Jesus verbietet die Verbreitung dieser Heilung.

Ein Zeichen, dass es ihm nicht darum geht, unbedingt bekannt und berühmt zu werden.
Vielmehr ein Ausdruck seiner Sorge, dass die Leute sein Tun noch nicht vollständig verstehen können. Denn auch diese Heilung ist völlig verständlich erst in einem Rahme, der noch nicht besteht: Der Rahmen seines Leidens, Sterbens und Auferstehens.

Erst unter diesen Umständen wird auch die heutige Heilung verständlich als ein Hinweis darauf, dass Jesus nicht nur das Hören auf die Stimmen dieser Welt wieder schenkt sondern tiefer noch das Hören auf die Stimme Gottes. Jesus weitet nicht nur den Horizont für die irdische Wirklichkeit sondern tiefer noch für die himmlische Wirklichkeit, die die irdische umfängt.
Mit anderen Worten: Die Leute hören noch nicht genug um angemessen erzählen zu können, was sie eben erlebt haben. Jesus möchte eine oberflächliche und „halbe“ Verkündigung seiner Taten vermeiden.

Das Reden hängt vom Hören ab: Wer schlecht oder gar nicht hört kann kaum oder gar nicht reden.

Darum werden bei der Taufe mit dem Herrenwort „Effata“ Ohren und Lippen des Täuflings berührt, damit er das Wort Gottes vernehme und seinen Glauben bekenne.

Nur von einem Hörenden ist eine rechte Rede zu erwarten! Und was einer redet lässt sein Verständnis erkennen.

Und dies möge der Herr uns allen schenken: Dass unser Hören aufmerksamer werde auf seine Stimme und auf die Stimme unserer Mitmenschen
und dass wir reden, was aufbaut und im Einklang steht mit Gottes Wort! Amen!




Effata II

Es kommt manchmal vor, dass ich mich in der Predigtvorbereitung wie der Taubstumme erlebe, den die Leute im Evangelium eben zu Jesus gebracht haben. Da sitze ich vor der Bibelstelle über die ich eine Predigt vorbereiten soll – und kann nicht hören was die biblische Geschichte mir sagen will.

Und glaube ich dann, etwas zu vernehmen, so fehlen mir die Worte, es auszudrücken. Zeitweise gehört das Taubstummsein zur Daseinsweise meines Predigtdienstes.

Da niemand da ist, der mich zu Jesus hinbringt, gehe ich halt selber zu ihm und bitte ihn, mich von diesem misslichen Zustand zu befreien, da ich doch diesen Dienst in seinem Namen ausüben möchte. Und ich kann doch nicht dastehen und Nichts sagen. Dieses Erleben der Taubstummheit lässt mich in etwa hineinfühlen in das Empfinden dieser Menschen. Es lässt mich diesen Menschen mit großer Achtsamkeit begegnen.

Mit diesem Gehen zu Jesus folge ich den Spuren jener Leute, die den Taubstummen zu Jesus gebracht haben. Der hat sich natürlich nicht allein zu Jesus getraut – konnte er ihm doch nicht sagen, was er von ihm wollte. Da haben sich andere – wohl seine Freunde oder Verwandten – bereit gefunden, Sprachrohr für ihn zu sein. Sie führen ihn also zu Jesus und bitten ihn, er möge ihm die Hände auflegen. Sie haben ihn nicht gebeten, er möge ihn heilen, sondern nur die Hände auflegen. Waren sie vorsichtig und wollten Jesus nicht kompromittieren, da sie ihm eine Heilung nicht zutrauten oder wollten sie Jesus einfach freie Hand lassen in seinem Umgang mit dem Taubstummen. Etwa in dem Sinn: Mach mit ihm, was du für richtig findest.

Es ist auch für uns ein Zeichen großen Vertrauens, wenn wir dem Herrn nicht vorschreiben, wie er uns oder anderen zu helfen habe; wenn wir ihm zutrauen, dass er weiß, was für uns gut ist und dass er das Beste für uns tun wird – auch wenn uns dies nicht gleich einsichtig ist und wir manchmal sogar den Eindruck haben, er hat gar nicht auf uns gehört oder dass es noch schlimmer geworden ist. Trotzdem bleiben wir ihm zugewandt, ihm verbunden, in seiner Nähe, auf seinen Spuren, in seinem Dienst.

Und was macht Jesus dann mit dem Taubstummen: Er nahm ihn beiseite von der Menge weg. Er macht es wie der Arzt, der den Patienten in die Ordination holt und ihn nicht im Warteraum behandelt vor allen Leuten. Welcher Patient hätte dies auch gern. Auch Jesus führt hier eine sehr feine Klinge im Umgang mit dem Taubstummen.

Und die Berührungen durch Jesus sind in der Tat sehr eindrücklich: Er legt ihm die Finger in die Ohren und berührt die Zunge des Mannes mit Speichel. Er berührt die kranken Stellen und zeigt damit, wie ernst er den Kranken nimmt.

Mit dem Aufblick zum Himmel kommt eine andere Größe in unser Blickfeld. Es ist sein Vater im Himmel. Jesus macht mit dieser Geste klar, dass er nicht aus Eigenem wirkt sondern in Verbundenheit mit seinem Vater im Himmel. Das wiederum bedeutet, was er wirkt, wirkt er aus göttlicher Kraft, die ihm von seinem Vater her zukommt.

An die Szene im heutigen Evangeliums werden wir bei der Taufe erinnert wenn der Täufling an Ohr und Mund berührt wird mit den Worten. Wie der Herr einst zu dem Taubstummen gesprochen hat: Effata – Öffne dich! So öffne er auch deine Ohren und deinen Mund, damit du seine Botschaft hörst und sie in rechter Weise verkündest.

Ähnlich auch wenn wir in unserer Klostergemeinschaft frühmorgens das Breviergebet beginnen: Herr, öffne meine Lippen! Und alle antworten: Damit mein Mund dein Lob verkünde!

Das wäre für jeden von uns ein guter Tipp. Morgens ihn zu bitten dass er unseren Mund löse aus der Stummheit des Schlafes und wir reden, was ihm zur Ehre und uns zum Guten ist. Und da gehört gerade auch dazu, dass wir jene Sprachlosigkeit überwinden, die sich zu unserem Nächsten hin bisweilen aufbaut.

Es ist bestimmt ein Herzenswunsch Jesu, dass wir zu ihm und zueinander hin hör- und sprechfähig sind. Und dass wir uns dieser Fähigkeit mit Freude und Dankbarkeit bewusst werden und sie zu einem Werkzeug unserer Liebe machen. Amen!


Effata III

Am Übergang von den Ferien zum Schuljahr erinnert uns der Schutzengelsonntag an jene guten Geister in sichtbarer und unsichtbarer Gestalt, die uns einen unbeschwerten und erholsamen Urlaub beschert haben – durch Bewahrung vor Schaden oder indem sie unsere Urlaubswünsche teilweise oder
Im Rückblick werden euch einige dieser Geister gewiss wieder in Erinnerung kommen und jetzt bei diesem Gottesdienst eure Dankbarkeit bestimmen.

Zugleich regt dieser Sonntag uns an, für das kommende Schuljahr um jene Engel zu bitten, die uns durch das Jahr begleiten mögen zu unserem Schutz, zu unserer Orientierung, zu unserer Ermutigung, zu unserer Freude. Es versteht sich von selbst, dass diese Engel nicht immer Flügel haben müssen.

Wenn ich auf 25 Priesterjahre zurückschaue, dann sehe ich auch in meinem Leben viele solcher Engel, die mich in diese Berufung hineingeführt und mich seither begleitet haben.

Gerade gestern abends hat mir die Diaschau von Priesterweihe und Primiz zahlreiche solcher Engel in Erinnerung gerufen. Mögen sie noch leben oder schon zum Herrn vorausgegangen sein – sie haben mich seither im Stillen begleitet und den Segen mitgewirkt, zu dem ich für viele Menschen in diesen 25 Jahren geworden bin. Allen diesen Schutzengeln gegenüber empfinde ich eine große und bleibende Dankbarkeit.

Zugleich erinnern sie mich beständig an meine Berufung als Priester: Menschen zu begleiten, zu behüten und sie hinzuführen zu Jesus. In der Begegnung mit IHM mögen sie dann all das finden, was ihr Leben erfüllt und sie glücklich macht.

Gerade im heutige Evangelium finden wir diese Schutzengel: Es sind die ungenannten Leute, die den Taubstummen zu Jesus hinführen und diesen bitten, er möge ihn berühren. Gerade in dieser unscheinbaren Tätigkeit sehe ich eine wesentliche Aufgabe als Priester: Menschen zur Begegnung mit Jesus zu führen und mich dann zu erfreuen an dem, was Jesus mit diesen Menschen macht; was er in ihnen zum Leben erweckt; wozu er sie befähigt.
Ich bereichere unsere Gemeinschaft um die Gemeinschaft mit Jesus. Ich öffne unser menschliches Beisammensein auf Jesus hin und ermögliche so, dass Jesu Leben in unser Beisammensein einfließt, es erhebt und veredelt und zu jener Schönheit führt, für die unsere Gemeinschaft bestimmt ist.

Wo ich in diesem gemeinsamen Streben auf Jesus hin nicht behindert werde, finde ich Erfüllung in meinem Priestersein.

Von wegen Behinderung: Hier ist freilich daran zu erinnern, dass ich diesem hohen und edlen Ziel manchmal als Engel mit nur einem Flügel gedient habe – als flügellahmer Engel also. Ich erlebe mich in diesen Momenten wie der Taubstumme des heutigen Evangeliums: Unfähig zu hören und nicht in der Lage, mich angemessen zu äußern.

Und einmal mehr wird mir klar: Ich bin ein Schutzengel der der Schutzengel bedarf! Verwundete Heiler heißen solche Leute. Oder Menschen mit Licht und Schatten!

Und auch in mir lebt die Sehnsucht, Jesus möge meine Ohren und meine Lippen berühren und sie von ihrer Fessel befreien.

Einmal hat er das schon getan: Als ich den Ruf in seine Nachfolge hören und bejahen konnte. Aber dieses eine Mal ist bei mir offenbar nicht genug! Immer wieder bedurfte ich seiner Berührung um berühren zu können.

Und so wird es bleiben: Nur gebunden an ihn kann ich andere an ihn binden; nur befreit durch ihn kann ich andere für ihn befreien.

So erlebe ich mein Priestersein als ein Verwurzeltsein sowohl in Jesus als auch in den Menschen und in der Welt, in der wir leben. Ich erlebe es als einen Weg aus der Taubheit in die Hellhörigkeit für Jesu Wort und für die Sehnsucht der Menschen und als einen Weg aus der gebundenen Zunge in die klare Verkündigung von Jesus, der für uns alle gestorben und auferstanden ist; der uns alle erlöst hat; der uns alle mit seinem Hl. Geist erfüllt hat und uns alle in die Gemeinschaft mit Gott gerufen hat. Amen!

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