Samstag, Juli 04, 2009

Woher hat er das alles?


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 6: 1b – 6

1b Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.

2 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!

3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.

4 Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.

5 Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.




Eine merkwürdige Situation: Auf seiner Tournee kommt Jesus in seine Heimatstadt Nazaret. In jene Stadt, in der er gut dreißig Jahre gelebt hat: Dort ist er aufgewachsen; dort hat er den Beruf seines Vaters erlernt und als Zimmermann gearbeitet. Alle kennen ihn und seine Familie. Man möchte meinen, seine Botschaft findet bei seinen Leuten besonders Gehöhr.
Jedoch ist das Gegenteil der Fall: Die Bekanntheit Jesu bei den Leuten verhindert die Annahme seiner Worte. Was ist da geschehen? Sie kennen Jesus in einer Weise, die keine tiefere Erkenntnis mehr zulässt. Es ist da eine Vertrautheit, die zu Geringachtung führt! Freilich ist dies eine Vertrautheit, die Äußerliches, Oberflächliches meint.

Jesus möchte zwar durch Predigt und Wirken seine Berufung mitteilen und gerade auch die Leuten seiner Heimat am Reichtum seines Lebens Anteil geben – aber vergeblich; sie sind und bleiben der Wahrheit verschlossen, die Jesus ihnen offenbaren möchte, weil diese Wahrheit das Bild und den Rahmen sprengt, das sie sich von Jesus gemacht haben.

Es ist ähnlich wie bei uns heute auch. Das Kommen Jesu zu uns beim sonntäglichen Gottesdienst ist vergleichbar seinem Kommen in die Heimat. Auch wir empfinden ja, dass wir diesen Jesus schon ewig kennen: wir hören von ihm bei jeder hl. Messe so ziemlich „immer das Gleiche.“ Von Kindheit an wurden wir mit diesem Jesus bekannt gemacht; wir sind so zu sagen mit ihm aufgewachsen. Und wie ist das nun mit seinen Worten, die er zu uns spricht im Evangelium? Beeindrucken die noch, greifen sie noch; sind sie für uns eine gestaltende, normierende Kraft? Sagen nicht auch wir: dieser Jesus? Den kennen wir ja schon so lange! Was will der uns neues sagen? Es möge sich jeder selber eine ehrliche Antwort auf diese Frage geben!

Was tun? Das hört sich ja an, als ob Vertrautheit etwas Ungutes ist. Wenn etwa Eheleute durch Jahre hindurch einander vertraut geworden ist, indem sie Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens gemeinsam durch gestanden haben – dann ist da eine Vertrautheit gewachsen, die zu tiefer Wertschätzung und herzlicher Verbundenheit führt.

Wir merken den Unterschied: Es gibt ein Vertraut sein, das sich auf Äußeres, Beiläufiges beschränkt, wo man meint, man kennt einen; in Wirklichkeit hat man von dem betreffenden Menschen keine Ahnung von dem, was ihn eigentlich bewegt. Diese Vertrautheit verdient diesen Namen eigentlich gar nicht; man redet hier besser von Bekanntheit. Das kommt häufig vor: Man lebt weiß Gott weil lange nebeneinander – aber näher kennen tut man sich nicht; vertraut ist man miteinander nicht.

Und dann gibt es eben jene Verbundenheit, die durch ein gemeinsames Leben gewachsen ist: durch ein Leben miteinander und nicht bloß nebeneinander. Durch ein Leben, das geprägt ist von einem lebendigen Erfahrungsaustausch. In so einem Leben ist die Rede von dem, was im Herzen vorgeht, von dem, was ich denke und fühle. Da wage ich dann auch, die Abgründe meines Herzens mitzuteilen und lasse um meine Schwächen und meine Abhängigkeiten wissen.

Um diese Vertrautheit geht es: Sie beginnt mit der Sehnsucht nach dem anderen! Diese Sehsucht macht neugierig und lässt dem Anderen Raum für Entfaltung. Er darf da sein mit seiner Fülle. Und wenn diese Fülle das Verstehen übersteigt tritt das Staunen vor dem Unbegreiflichen und Geheimnisvollen an seine Stelle.

Diese Sehnsucht hat Gott veranlasst, in Jesus Christus Mensch zu werden; er wollte uns ganz nahe sein; ganz vertraut mit uns. Er hat uns so den Weg gezeigt, dass wir unser Heil finden in der Vertrautheit mit ihm, in seiner Nähe in seiner Gegenwart. So entzünde der Herr in uns von neuem die Sehnsucht nach seiner Nähe, die Neugierde, ihn tiefer zu erkennen, die Bereitschaft, uns von seinem Wort beleben zu lassen. Amen!

Keine Kommentare: