Mittwoch, Dezember 24, 2008

In Ihm war das Leben!


Aus dem hl. Evangelium nach Johannes Joh 1:1-5.9-14

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.

2 Im Anfang war es bei Gott.

3 Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.

9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.

10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.

11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben,

13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.


„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt!“

In der Nacht vernahmen wir es in lieblicher Erzählung; jetzt hören wir es in wortgewaltiger Sprache: Gott ist Mensch geworden!
In der Nacht wird uns von der Geburt Jesu erzählt und heute wird uns im Evangelium die Identitätskarte nachgereicht, die uns sagt, wer dieser Jesus eigentlich ist: Er ist im Anfang das Wort, das bei Gott war, und das Gott war und
durch das alles geworden ist. (vgl. Joh 1:1-3). Dadurch sprengt das Ereignis in Bethlehem den lokalen Rahmen und zeigt sich in seiner universalen Bedeutung. Die Geburt des Kindes Jesus erweist sich als die Zeitenwende, die für jeden von uns eine Wende sein will.

Das Wort ist Fleisch geworden – das erzählt etwas von dem, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht.
Es erzählt eine Geschichte aus dem Herzen des Vaters; eine Geschichte über die Liebe, die in diesem väterlichen Herzen schlägt.
Es erzählt von einer Liebe, die entschlossen ihren Weg weitergeht und nicht auf halbem Weg stehen bleibt;
von einer Liebe, die sich verantwortlich weiß für das, was sie geschaffen hat;
von einer Liebe, die am Leben erhalten will, was sie ins Leben gerufen hat; die noch wunderbarer erlösen will, was sie wunderbar geschaffen hat.
Es erzählt von einer Liebe, die zurückschaut auf ihre bisherige Geschichte mit den Menschen: Was und wie sie geschaffen hat, wie sie geliebt hat durch Führung und Weisung, durch Mahnung, Zorn und Bestrafung, durch Erbarmen, Verzeihen und Erneuerung der Liebe.
Es erzählt von einer Liebe, die sich bei diesem Rückblick fragt: Ja und nun? Wie soll es weitergehen? Und die angesichts menschlicher Not und menschlichen Elendes nicht mehr an sich halten kann, die austritt – aus sich heraustritt und das wird, was sie liebt: Mensch.

Schwestern und Brüder: die Botschaft ist nicht zu überhören: In der Menschwerdung Gottes feiern wir jene Liebe, die ihren Weg bis ans Ende geht; und dieses Ende ist die Vollendung bei Gott: die Vollendung dieser Liebe in der Vollendung des Menschen bei Gott! Wie geht Gott dabei vor? Er macht den Raum seines Zeltes weit, er spannt seine Zelttücher aus, ohne zu sparen. Er macht die Stricke lang und die Pflöcke fest! (vgl. Jes 54:2). Er tut dies indem er wird, wen er liebt: Mensch! In der Menschwerdung gibt er dem Menschen Raum bei sich, gibt ihm Wohnung in seinem heiligen Zelt. Seit der Menschwerdung Gottes ist klar: Des Menschen Zuhause ist bei Gott – für immer!

Diese Liebe Gottes zu uns ist eine Kraft zum Lieben in uns: Sie ist eine überwältigende Einladung, dass auch wir das Zelt unseres Lebens so geräumig machen wie möglich und die Wohnung unseres Herzens öffnen so weit es geht. Wenn wir uns vertiefen in die Liebe, die Gott uns erweist, indem er Mensch wird wie wir, werden wir die Maßlosigkeit dieser Liebe erkennen und zugleich von dieser Maßlosigkeit ergriffen werden – und auch unser Lieben wird sich weiten,
in den Schritten der Versöhnung auf unsere vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner zu;
auf den Wegen eines tieferen Verstehens jener, für die wir bisher kein Verständnis hatten;
auf den Pfaden eines mutigeren Ertragens jener, die wir bisher nur widerwillig oder gar nicht annehmen konnten.

Von einer Wende unseres Lebens sprach ich oben und meinte damit eine Wende in unserem Lieben!
Es versteht sich von selbst, dass diese Wende in unserem persönlichen Leben nicht loszulösen ist aus dem sozialen und politischen Rahmen, indem wir uns befinden. Diese Wende trägt einen unüberhörbaren Auftrag und eine unaufhaltsame Kraft in sich: das Persönliche, Individuelle zu sprengen und überzugreifen auf das Öffentliche, das Politische: Die Menschwerdung Gottes muss Leitbild und Maßstab werden für politisches Handeln und für den Umgang der Staaten miteinander. So wird etwa Europa den christlichen Wurzeln seiner Existenz gerecht und wird den Weg beschreiten, der Leben bedeutet. Nur so wird es bezeugen können, dass es ein Kind des Christentums ist und nicht eine Ausgeburt des Kapitalismus.

So werden wir die Macht der Kinder Gottes haben dürfen, die der Herr denen gab, die ihn aufnehmen. Er kommt zu uns, denn wir sind sein Eigentum; leben wir auch so, dass die Menschen sehen, dass wir zu ihm gehören! Amen!

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