Freitag, September 19, 2008

... und jeder erhielt einen Denar




Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 20:1-16a

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:

1 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.

3 Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten.

4 Er sagte zu ihnen: geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen. Um die sechste Stunde und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso.

6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, dir dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?

7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!

8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen von den letzten, bis hin zu den ersten.

9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.

10 Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.

11 Da begannen sie, über den Gutsherrn zu murren,

12 und sagten: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt; wir aber haben den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen.

13 Da erwiderte er einem von ihnen: Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?

14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir.

15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?

16a So werden die Letzten die Ersten sein.




„Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.“ (Mt 20:10)
Sie bekamen, was sie mit dem Gutsbesitzer vereinbart hatten: einen Denar für die Arbeit tagsüber. (vgl. Mt 20:2)
Jenen, die zur dritten, sechsten und neunten Stunde angeheuert wurden, wollte er „geben, was recht ist.“ (vgl. Mt 20:4f)
Bloß mit jenen in der elften Stunde hatte der Gutsbesitzer nichts vereinbart. Zu ihnen sagt er nur: „Geht auch ihr in meinen Weinberg“ (Mt 20:7)

Es steht nichts davon, was die Arbeiter der elften Stunde als Lohn zu erwarten hatten. Vielleicht dachten sie: „Etwas werden wir schon bekommen! Viel wird es für diese eine Stunde nicht sein. Aber immer noch besser als gar nichts.“
Oder sie haben sich gedacht: „Hilft’s nicht so schadet’s nicht! Ob wir jetzt hier auf dem Markt noch die letzte Stunde des Tages herumstehen oder im Weinberg arbeiten ist einerlei.“
Sie mussten auch damit rechnen, gar nichts zu bekommen. Dabei hätten sie gerne den ganzen Tag über gearbeitet aber „niemand hat sie angeworben.“ (Mt 20:7a)

Es wird uns nicht berichtet, wie groß die Überraschung und die Freude dieser Arbeiter der letzten Stunde gewesen ist, als sie für diese eine Stunde den Arbeitslohn des ganzen Tages erhalten haben. Vielmehr wird uns nur erzählt, wie die Arbeiter der ersten Stunde über den Gutsbesitzer murren, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen. Und genau an die Arbeiter der ersten Stunde war dieses Gleichnis auch gerichtet.
Wen meinte Jesus damit?
Er meinte seine jüdischen Volksgenossen, die sich beim Kommen des Messias einen hervorragenden Lohn erhofften, da sie immer schon zu seinem auserwählten Volk Israel gehörten.
Jesus hingegen meint, die Heiden, die erst in jüngster Zeit durch seine Nachfolge zum Volk Gottes dazu gestoßen sind, bekommen genau den gleichen Lohn.

Fragen wir uns woher die Missstimmung der Arbeiter der ersten Stunde kommt, dann müssen wir sagen: Sie kommt von ihrer falschen Erwartung, die ihnen eine falsche Hoffnung einflößt. Sie bedachten nicht den Spruch des Herrn aus der ersten Lesung: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jes 55:8f) Sie dachten, Gott denke und handle wie sie; aber er denkt und handelt ganz anders als sie: Gütiger, offener, großzügiger, unbegreiflich. Das ist die eine Lehre, die Jesus erteilt.

Die andere ist die, dass alles Gnadengeschenk ist: Das Arbeiten können im Weinberg, das Arbeiten dürfen im Weinberg und freilich auch der Lohn für die Arbeit im Weinberg.
Sie waren von Anfang an Beschenkte – und nahmen das gar nicht wahr; sie glaubten fordern zu dürfen und meinten mehr zu bekommen als ausgemacht.
Sie sind mit ihren eigenen, selbstgerechten und selbst gebastelten Erwartungen vor dem Gutsbesitzer gestanden. Und wurden enttäuscht!

Ähnlich erging es dem älteren Bruder des verlorenen Sohnes: Als er sah, wie herzlich und feierlich sein Vater den zurückgekehrten Bruder aufnahm, wurde er neidisch und eifersüchtig und er konnte seinen Anteil, seinen „Denar“ nicht mehr erkennen: Dass er immer bei seinem Vater ist und dass alles, was seinem Vater gehört auch ihm gehört. (vgl. Lk 15:31)

Ist nicht auch uns diese Haltung vertraut: Dass wir uns im Hinblick auf andere von Gott nicht gerecht behandelt fühlen? Dass wir meinen, wir kommen zu kurz und uns würde eigentlich etwas anderes, größeres, besseres zustehen?
Es ist bezeichnend, dass dies bei uns wie im Evangelium damit verbunden ist, dass wir auf andere schielen: Wie viel bekommen die? Was haben die? Wie geht es denen? Und dass wir uns dann mit ihnen vergleichen.
Das führt zum inneren Unfrieden, zur Auflehnung, zum Murren.

Dieses Vergleichen ist ein Übel; es macht uns blind und lenkt unsere Aufmerksamkeit ab von dem, was wir sind und haben; es lässt uns den Wert des Unsrigen nicht mehr erkennen. Es verwehrt uns die Dankbarkeit für das, was wir bekommen haben.
So sind wir nicht mehr in der Lage, den Denar, den wir, wie ausgemacht, bekommen haben, wert zu schätzen. Wir bekommen den Denar wie alle ihn bekommen – mögen sie klein sein oder groß; arm oder reich; schon lange bei Jesus oder erst jüngst hinzugekommen.

Es ist dieses der Denar, von dem Jesus zu seinen Jüngern spricht, ehe er sie verlässt und zu seinem Vater in den Himmel fährt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Zeit!“ (Mt28,20).
Es ist der Denar der immerwährenden, treuen Gegenwart des Herrn an unserer Seite. Wie dieser Herr uns nun gegenwärtig ist, wie wir seine Gegenwart erleben dürfen – das lassen wir seine Sache sein. Er weiß, was wir brauchen; er weiß, was uns gut tut: Ob mächtig hilfreich oder verborgen sich entziehend, ob als Friedensbringer und als Freude unseres Lebens, ob als Richter oder als Vergebender, ob als Weg oder als Ziel unseres Lebens – es ist lichtvoll oder im Dunkel immer der Denar seiner gnädigen Gegenwart, die jedem von uns zugesagt und geschenkt ist. Mit dem Haus Levi können wir alle sagen: „Unser Anteil ist der Herr!“ (Deut10:9)

Wir haben als Christen allen Anlass, mit dem Psalmisten zu beten:
„Du bist mein Herr; mein ganzes Glück bist du allein.

Du, Herr, gibst mir das Erbe und reichst mir den Becher;
du hältst mein Los in deinen Händen.
Auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Ja, mein Erbe gefällt mir gut.

Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht. Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele; auch mein Leib wird wohnen in Sicherheit. Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen. Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.“ (Ps16:2.5-6.8-11) Amen!

Keine Kommentare: