Freitag, September 05, 2008

Die Liebe schuldet ihr einander immer!


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 18: 15 – 20

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

15 Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurück gewonnen.

16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.

17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

19 Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.

20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.



„Die Liebe aber schuldet ihr einander immer!“ Röm 13:8b) So hören wir den Apostel in der Lesung; und Jesus fährt im Evangelium fort: auch dann, gerade dann, besonders dann, wenn dein Bruder sündigt.
Und Jesus sagt dann, wie die geschuldete Liebe in diesem konkreten Fall ausschaut:
Wenn sie die Sünde des Bruders erkennt, dann schaut sie nicht weg sondern geht zu ihm hin. Sie erweckt die Sorge um diesen Bruder. Denn in der Sünde geht es um das Leben des Bruders.
Die erste Lesung sagt es uns einfach und eindringlich: „Der Schuldige wird seiner Sünde wegen sterben!“ (Ez 33:8)
Es geht der Liebe darum, den Bruder zurück zu gewinnen: Zurück in das Leben und das heißt zurück in die Gemeinschaft mit Gott und mit der Gemeinde.

Die Rede vom Bruder lässt an eine Familie denken und ruft in Erinnerung, dass sich die christliche Gemeinde als eine Familie verstanden hat, in der die einzelnen Mitglieder eng miteinander verbunden waren.
Das intensive Bemühen um den Bruder in Sünde lässt auf der einen Seite erkennen, dass Sünde als etwas Gefährliches, Tödliches erkannt wurde.
Auf der anderen Seite lässt es erahnen, wie hoch ein heiliges Leben nach der Weisung des Herrn und ein Leben in der Gemeinde geschätzt und angestrebt wurden.

Sind diese Umstände in unseren christlichen Gemeinschaften noch gegeben?
Müssen wir nicht ehrlicherweise sagen, dass unsere christlichen Gemeinden keine Familien mehr sind, sondern vielmehr eine Versammlung von Individualisten, die sich möglichst nicht in die Privatangelegenheiten anderer einmischen wollen?
Sodass wir es also im Gegensatz zu Jesu Weisung als Liebe ansehen uns nicht in die Privatsphäre anderer einzumischen?
Und was die Gefährlichkeit der Sünde angeht – was ist eigentlich Sünde?
Und was wissen und leben wir noch vom tiefen Glück und vom hohen Wert eines mit Gott verbundenen Lebens?

Eines ist aus den Worten Jesu klar: Christliches Leben in seinem Sinn kümmert sich um die Schwester, den Bruder.
Es sagt sich nicht: Rette deine Seele! Sondern es sagt: Rette auch deinen Bruder! Es weiß sich mitverantwortlich für das Leben deines Bruders. Es geht dem Bruder in Sünde nach wie der Hirt dem verlorenen Schaf.
Es mobilisiert sogar die Gemeinde, um den Bruder zurück zu gewinnen.
Und erst wenn er auch auf die Gemeinde nicht mehr hören kann, muss er die Grenze, die der Bruder in Sünde zieht, akzeptieren und ihn aus der Gemeinschaft ziehen lassen. Der Bruder hat sich durch sein Verharren in der Sünde aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Wir sehen hier, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft Jesu nicht durch einen Taufschein gegeben war sondern durch das Verhalten, das den Weisungen entsprach, die Jesus dieser Gemeinschaft gegeben hat.
Noch etwas wird deutlich: Der Einzelne und die Gemeinde bemühen sich um den Bruder in Sünde. Sie bemühen sich um ihn im Gespräch, in der persönlichen Begegnung. Dennoch wird dieser Bruder nicht vergewaltigt: er kommt nicht in den Kerker und nicht auf den Scheiterhaufen; Seine Freiheit wird respektiert – die Gemeinde kann die Bindung mit ihm lösen – endgültig: sie ist auch im Himmel gelöst. Er kann die Gemeinde verlassen und er ist frei, als hätte er nie zu ihr gehört – wie ein Zöllner und Sünder.

Wie sollen wir mit der heutigen Botschaft Jesu umgehen?
Zu allererst möchte ich ein Wort Jesu, eine Verheißung ernst nehmen, die auch im heutigen Evangelium steht: „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“ (Mt 18:19) Bitten wir den Herrn allein und in Gemeinschaft, dass er uns umkehren helfe, damit wir zu einer echten Familie im Herrn zusammenwachsen können; dass wir die Verantwortung füreinander erkennen und wahrnehmen können; dass wir im Sinne des Wächteramtes aus der 1. Lesung wach sind füreinander, wachsam wie gute Schutzengel.
In diesem Zusammenhang wollen wir auch sehr um den Geist des Herrn bitten, der allein uns in solch heiklen Situationen die rechte innere Haltung und das rechte Wort geben kann. In diesem Sinne dürfen wir die Aufforderung des Paulus im Galaterbrief verstehen: „Brüder, wenn einer bei einem Fehltritt angetroffen wird, so richtet als Geistbegabte einen solchen im Geist der Sanftmut auf. Dabei achte auf dich selbst, dass nicht auch du in Versuchung gerätst.“ (Gal 6:1)
Zugleich will Paulus unsere Konfliktscheu überwinden, uns an die Wirkkraft des Herrenwortes erinnern und uns Mut machen, im Wort des Herrn auf den Bruder in Sünde zuzugehen: „Verkünde das Wort! Tritt dafür ein, ob gelegen oder ungelegen, tadle, weise zurecht und ermahne in aller Geduld und Lehrweisheit.“ (2Tim 4, 2)
Und vergessen wir schließlich nicht den Lohn unseres Mühens, den Jakobus uns in Erinnerung ruft: „Meine Brüder, wenn einer unter euch von der Wahrheit abgeirrt ist und jemand bringt ihn zur Umkehr, soll er wissen: Wer einen Sünder von seinem Irrweg zurückbringt, der rettet seine Seele vom Tod und deckt eine Menge von Sünden zu.“ (Jak 5:19f.)
So soll gerade auch in diesen kritischen Situationen das Wort Jesu wahr werden: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18:20)

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