Dienstag, August 12, 2008

Herr, hilf mir!


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 15:21 - 28

21 Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
22 Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.
24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
25 Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.
27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.



„Jesus aber gab ihr keine Antwort!“ Nicht nur die Jünger sind unzufrieden mit dieser Reaktion ihres Herrn auf die Hilfe suchende Frau. Auch unter uns wird es womöglich Leute geben, die mit dieser Reaktion Jesu nicht gerechnet haben und die dem Herrn gar liebloses Verhalten vorwerfen – zudem noch ausgerechnet einer Frau gegenüber! Ja, regt sich nicht in uns ein Gefühl, das sich gleich auf die Suche macht, um dieses Verhalten des Herrn zu entschuldigen?

Dieser Suche schließe auch ich mich an im Bemühen, den Herrn in seinem Verhalten zu verstehen. Dabei gehe ich aus von der Antwort Jesu, die er den Jüngern gibt auf ihre Aufforderung, der Frau zu helfen: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ (Mt 15:24) In diesen Worten gibt der Herr deutlich zu erkennen, dass er eine klare Vorstellung von seiner Berufung hat. Des Weiteren erkennen wir, dass er sich diese Berufung nicht selber gegeben hat sondern dass sie ihm gegeben wurde; er handelt nicht im eigenen Auftrag sondern im Auftrag Gottes. Und nun dürfen wir ja nicht meinen, Jesus habe ein niedliches, harmloses und oberflächliches Empfinden von Gott, wie es uns womöglich eignet.

Das Empfinden von Gott wird bei Jesus zum einen geprägt von der allgewaltigen Größe und der sorgenden Macht Gottes und von der Ehrfurcht vor diesem Gott – wie es uns im Ersten Bund begegnet.
Zum anderen – und das fällt noch weit mehr ins Gewicht – ist sein Verhalten geprägt von jener unaussprechlich persönlichen Nähe zu Gott, die im schlichten Wort „Abba“ – „Papa“ zum Ausdruck kommt.
Jesus wusste sich also nicht von irgendeinem sondern von ebendiesem Gott zu den verlorenen Schafen Israels gesandt – und nur zu ihnen!
Im Verhalten Jesu kommt also sein bedingungsloser Gehorsam dem Auftrag Gottes gegenüber zum Ausdruck. Dieser Gehorsam lässt sich nicht durch menschliche Überlegungen beeindrucken – schon gar nicht durch jene der Jünger, die der Frau bloß deshalb Hilfe zukommen lassen wollen, damit sie, die Jünger, wieder ihre Ruhe haben, „weil sie ja hinter ihnen her schreit.“ (Mt 15:23)
Der Gehorsam Jesu bleibt im Frieden angesichts der Grenze, die gesetzt ist und kann den Bereich jenseits dem überlassen, der die Grenze gesetzt hat. Ich meine, wenn wir unsere christliche Berufung auch nur halb so ernst nähmen wie Jesus heut im Evangelium die seine – unsere Ordensgemeinschaften würden erblühen, die Kirche wäre eine moralische Instanz, die zu übergehen sich keine weltliche Macht erlauben dürfte und das Reich Gottes wäre greifbar nahe.
Wir aber leben unsere christliche Berufung – sei es im Orden oder in der Welt – nur allzu oft nach Lust und Laune, nach der Gunst der Stunde, nach der Meinung der Leute – kurz und gut nach unserem Gutdünken, das sich keiner höheren Instanz mehr unterordnet. Natürlich wird diese Haltung jeder von uns theoretisch entrüstet von sich weisen. Aber praktisch ist die Selbstherrlichkeit, mit der wir dem Herrn heute Lieblosigkeit und Grobheit vorwerfen, dieselbe, mit der wir entscheiden, ob es uns heute genehm ist zu beten oder nicht, zum Gottesdienst zu gehen oder nicht, diese oder jene Tat der Liebe zu erweisen oder nicht. Wir sind jener Beliebigkeit in unserem Leben verfallen, die uns an Gottes Stelle setzt.
Kehren wir aber zum Herrn zurück; es ist in der Tat erfrischender, sein Leben zu betrachten als das unsere!

Wenn Jesus im heutigen Evangelium seine Sendung klar ausspricht und sich damit zugleich abgrenzt, so sind wir gemeinhin der Ansicht, er habe dies in einem Gefühl der Selbstsicherheit getan, das dem Mitleid nur schwer Raum geben kann. Ich hingegen meine, dass Jesus das Statement über seine Berufung mit Schmerz und mit Bedauern äußerte und dass in ihm sehr wohl die Bereitschaft zum Helfen da war – es fehlte bloß die Lizenz dazu! Eine Lizenz, die ihm nur sein Vater geben konnte. Und mich würde es nicht wundern, wenn die Knappheit seiner Äußerung ein Hinweis ist auf sein inneres Ringen um eben diese Lizenz; und dass Jesus seinen Vater gebeten hat: Lass mich erkennen, wie ich meine Sendung zum Hause Israel vereinbaren kann mit der Hilfe dieser Frau gegenüber; lass mich jetzt deine Stimme hören. Und er hat sie gehört im Gespräch mit der Frau; er hat sie gehört in ihrer Zähigkeit, in ihrer Einfachheit, in ihrer Liebe zur Tochter – das alles drückte ihren großen Glauben aus; da hörte Jesus, dass diesem großen Glauben der Frau von seiner Seite nur mehr jene Größe Gottes entsprechen konnte, die neben dem Volk Israel alle Menschen erwählt und in sein Herz schließt. Können wir sagen, Gott habe durch den großen Glauben dieser Frau den Herrn hinausgeführt ins Weite? (vgl. Ps 18:20)
Es bleibt uns zuletzt wohl als einzig angemessene Reaktion, dass wir verstummen vor dem Geheimnis, dass auch über der Gottesbegegnung im heutigen Evangelium waltet.

Aber auf die zweite Lehre sei noch hingewiesen, die der Herr uns neben der Treue zur Berufung im Evangelium erteilt. Nämlich die, dass unerschütterliche Treue zur Berufung und Offenheit für neue Wege sich nicht ausschließen. Erinnern wir uns nur an unsere eigene Sturheit, mit der wir an unseren Überzeugungen festhalten und nötigenfalls über Leichen gehen. Fragen wir uns doch nur einmal, wo denn unsere Grundsätze im Willen Gottes verankert und begründet sind. Wagen wir es, unseren Willen mit dem Willen Gottes zu konfrontieren, wie er uns im Wirken und Reden Jesu entgegentritt.
Jesu Konsequenz zeichnet sich nicht durch jene Unbeugsamkeit und Blindheit aus, die Terroristen zu Eigen ist. Sie zeichnet sich vielmehr durch eine Offenheit und ein Ringen aus, sich auf die aktuell geforderte Weise auszuleben. Sie ist offen für das, was kein Auge geschaut und kein Ohr gehört, was Gott aber denen bereitet hat, die ihn lieben. (vgl. 1 Cor 2:9)
Sie strebt danach, Gott in allem und über alles zu lieben, und so für sich und andere den Reichtum der Verheißungen Gottes zu erlangen, der alles übersteigt, was wir ersehnen. (Vgl. Tagesgebet vom 20. So. i. Jk.) Amen!

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