Sonntag, August 03, 2008

Er hatte Mitleid mit ihnen!


Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 14:13-21

13 In jenen Tagen als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach.
14 Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.
15 Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.
16 Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
17 Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns. 18 Darauf antwortete er: Bringt sie her!
19 Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten,
20 und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.
21 Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.




„Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen.“ (Mt 14:15)

Das bemerkenswerte an diesem Mitleid ist die Situation, in der Jesus es hatte. Die Nachricht von der Enthauptung des Johannes ist nämlich nicht spurlos an Jesus vorbei gegangen. Sie hat ihn beeindruckt und zwar so sehr, dass er in eine einsame Gegend wollte, um allein zu sein. Und wir können uns wohl vorstellen, was Jesus in der Einsamkeit wollte: Nämlich sich auseinandersetzen damit, was das Schicksal des Täufers für ihn und seine Sendung zu bedeuten habe. Und wir werden uns gleich auch dazu vorstellen, dass er dies betend vor und mit seinem Vater im Himmel tun wollte. Das geht aus der Tatsache hervor, dass seine Jünger zwar bei dieser Bootsfahrt mit dabei sind aber mit keinem Wort erwähnt werden.

Der Märtyrertod des Täufers hat in Jesus gewiss die Ahnung hochkommen lassen, dass es mit ihm womöglich auch so ein schreckliches Ende nehmen könnte, wenn er – wie der Täufer – kompromisslos den Willen seines Vaters erfüllt in der Verkündigung des Reiches Gottes. Womöglich tauchten die Vorboten jener Todesangst auf, die ihn am Abend vor seinem Leiden am Ölberg niederdrückten; und auch dort hat er seine Angst vor seinem Vater ausgebreitet, um sich dann ganz in seinen Willen zu fügen. (vgl. Mt 26:36-46 parr.)
Wie verständlich ist es, dass Jesus unter diesen Vorzeichen allein sein wollte. Er war wie ein Suchender, der sein Herz ausschütten, der seine Fragen aussprechen, seine Zweifel darlegen wollte; er war einer, der einen Zuhörer brauchte; er war mit anderen Worten einer, der selber des Mitleides bedurfte.
Und nun ist es das Großartige an ihm, dass er über seine Not hinwegsehen und die Not der wartenden Menschen anschauen konnte; dass er das Mitleid mit sich zurückstellen, und mit den Menschen Mitleid haben konnte.
Wie verständlich es für den Menschensohn gewesen wäre zu sagen: Meine lieben Leute; so sehr ich euch auch mag – aber jetzt muss ich allein sein; ich kann jetzt keinen Menschen brauchen, weil ich mit mir selber momentan vollauf beschäftigt bin –
So unverständlich wäre es für den Gottessohn gewesen, wenn er gerade in dieser Situation nicht das getan hätte, wozu er in die Welt gekommen ist: nämlich nicht, sich bedienen zu lassen sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben. (vgl. Mt 20:28) Diese gleiche Haltung finden wir bei Jesus, wenn er den Petrus seines Blickes würdigte, nachdem dieser ihn verleugnet hatte; (vgl. Lk 22:61) oder sein Gespräch mit den weinenden Frauen an seinem Kreuzweg; (vgl. Lk 23:27-31) oder die Worte zum Verbrecher an seiner rechten Seite; (vgl. Lk 23:42f.) und nicht zuletzt das Gebet zum Vater um Vergebung für seine Mörder, denn sie wissen nicht, was sie tun. (vgl. Lk 23:34a)
Es ist dies ein Mitleid, das den Kindern Gottes eignet; es kommt aus einem bedingungslosen Vertrauen auf Gott; es befähigt, über die eigenen kleineren und größeren Wehwehchen hinwegzusehen und die Not der anderen höher einzustufen als die eigene. Es ist ein Mitleid, das sich selber keineswegs gering – den anderen aber höher einschätzt. (vgl. Phil 2:3) Es ist zudem ein Mitleid, das in einem Kräfte freisetzt, die Gott in uns hineingelegt hat und die darauf warten, geweckt zu werden – durch eben dieses Mitleid. Dass Jesus genau von diesem Mitleid beseelt war wird deutlich, wenn es dann weiter heißt: „Er hatte Mitleid und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.“ (Mt 14:14b)

Den Jüngern fehlte die Einsicht in dieses Mitleid Jesus. Deshalb wollten sie, dass Jesus die Leute wegschicke, damit die sich in den umliegenden Dörfern etwas zu essen kaufen.
Da sie noch nicht den Geist des Herrn hatten, der sie in die ganze Wahrheit einführt, (vgl. Joh 16:13) konnten sie noch nicht erkennen, dass die Leute nichts von Jesus trennen kann und dass sie selbst die aktuelle Notsituation mangelnder Nahrung durch den überwinden können, der sie liebt. (vgl. Röm 8:35-39) Sie konnten auch noch nicht erkennen, dass es ihre Aufgabe ist, die Menschen gerade in ihrer Not zum Herrn hin- und nicht von ihm wegzuführen.
Wie traurig ist es, zu erleben, wie gerade heute Diener der Kirche Menschen von Jesus wegschicken in die umliegenden Dörfer fernöstlicher Heilpraktiken, damit sie dort mit Geld bezahlen, was sie nicht nährt und mit dem Lohn ihrer Mühen, was sie nicht satt macht! (vgl. Jes 55:2) So wirst du von solchen Leuten zwar hören, dass sie zu allerhand körperlichen Verrenkungen fähig sind aber keine Spur davon, dass ihre Seele den Herrn auch nur eine klein wenig mehr liebe!
Doch Jesus setzt solchem Mumpitz bei seinen Jüngern ein Ende, indem er sie auffordert: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Diese Aufforderung ist kein Zynismus und will die Jünger nicht beschämen. Sie sollen vielmehr zu dem geführt werden, was sie haben: „Fünf Brote und zwei Fische!“ (Mt 14:17) Und nun das Wesentliche: Mit diesem Wenigen, ja mit diesem Nichts für so Viele sollen sie zum Herrn gehen: „Bringt sie her!“ (Mt 14:18) Durch seinen Blick zum Himmel und durch seinen Lobpreis macht er dann aus diesem Wenigen eine Überfülle für die Vielen, so dass 12 Körbe übrig bleiben.

Ich möchte dieses Geschehen auf das Beten im Karmel und auf unser Beten überhaupt deuten. Denn geschieht es nicht häufig genug, dass wir meinen, mit dem Wenigen, das wir haben, nichts ausrichten zu können angesichts der Not, die wie eine übermächtige Flutwelle immer wieder über uns hereinbricht? Mit dem Wenigen meine ich unsere Bedingtheiten beim Beten: Unseren mangelnden Glauben, unser Kreisen um uns selber, unsere Versuchungen und Wehwehchen, unsere Träume und Wünsche, unsere anderen „wichtigen“ Aufgaben, was schließlich zu einer ausgesprochenen Unlust am Beten führt. Oft erscheint uns das vielleicht viel weniger als fünf Brote und zwei Fische! Aber seid getrost: je weniger es uns erscheint umso eindringlicher die Einladung des Herrn: „Bringt es her!“ Und genau in diesem Hinbringen zum Herrn in den Stunden der Betrachtung, im Breviergebet, im Rosenkranzgebet und in der hl. Messe erfüllen wir unsere christliche Berufung zu einem andauernden Beten. Wir erlauben dem Herrn auf diese Weise, dass seine göttliche Kraft in unserer menschlichen Schwachheit zur Vollendung kommt. (2 Kor 12:9) Gepriesen sei er in Ewigkeit! Amen!

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