Freitag, Juni 20, 2008

Fürchtet euch nicht vor den Menschen!


Das Evangelium nach Matthäus 10: 26 – 33

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln:

26 Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.

27 Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.

28 Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.

29 Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters.

30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.

31 Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

32 Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.

33 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.





„Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann“ (Mt 10,28).

Menschenfurcht ist ein Übel, das wohl keinem von uns unbekannt ist. Sie rührt daher, dass wir auf unsere Mitmenschen fixiert sind und es uns sehr wichtig ist, was sie von uns empfinden, was sie über uns denken, wie sie von uns reden. Sie hilft mit, unser Bedürfnis nach Anerkennung, nach Harmonie, nach Liebe zu befriedigen. Sie ist verbunden mit einer Scheu vor allem, was diese Befriedigung verhindert. Diese Fixierung auf das Urteil anderer geht bisweilen so weit, dass wir auf uns selber vergessen und auf das, was wir selber eigentlich fühlen, denken, reden und tun möchten. Und was noch schlimmer ist: diese Fixierung auf unsere Mitmenschen lässt uns auch auf Gott vergessen und auf das, was er möchte, dass wir denken, reden und tun!
Wenn wir in unserem Leben beobachten, wie zwingend und beherrschend Menschenfurcht sein kann, dann werden wir uns gewiss nicht wundern, dass Jesus im heutigen Evangelium mit einem starken Geschütz dagegen auffährt. Er verschreibt als Medizin gegen die Menschenfurcht die Gottesfurcht: „Fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann!“ (Mt 10,28b)
Welch ein Heilmittel! Die Furcht vor Gott soll die Furcht vor den Menschen austreiben!? Spontan möchten wir meinen: Hier wird der Teufel durch den Teufel ausgetrieben. Und wir fragen uns: Ist Furcht vor Gott nicht ein viel schlimmeres Übel als Furcht vor den Menschen?
Wenn wir jedoch bedenken, aus wessen Mund dieses Wort über Gott kommt, dann sollte uns das nachdenklich machen. Der so spricht ist nämlich Jesus selber, der Sohn eben dieses Gottes, vor dem zu fürchten er uns nahe legt. Es ist derselbe, der an anderer Stelle im Evangelium sagen wird: „Niemand kennt den Vater nur der Sohn!“ (vgl. Mt 11:27) Wenn uns also Jesus selber zur Gottesfurcht rät, dann muss da was dran sein; dann sollten wir nicht voreilig darüber hinweggehen; dann sollten wir vielmehr darüber nachsinnen und uns fragen: Was ist denn mit dieser Gottesfurcht eigentlich gemeint? Erleuchten mag uns bei diesem Fragen und Suchen der Geist Gottes selber, der ja auch der Geist der Gottesfurcht ist. (vgl. Jes 11:2)

Wenn wir das Wort Jesu im Vorspruch genauer lesen, dann begreifen wir, dass Jesus da von der Möglichkeit spricht, dass Gott Seele und Leib ins Feuer der Hölle stürzen kann. Das heißt, Gott kann nicht nur ewiges Leben schenken, er kann auch zu ewigem Verderben verdammen. Gott ist nicht einer, der automatisch nur Gutes produziert. Er ist keine Maschine, aus der nur Gutes hervorkommt – egal, was man in sie hinein gibt. Erinnern wir uns an uns selber: Haben wir nicht die Wahl, uns für oder gegen Gott zu entscheiden? Und gehört diese Wahl nicht wesentlich zu unserer Freiheit? Und besteht nicht in dieser Freiheit der eigentliche Wert unseres Liebens?
Und Gott? Sollte er diese Wahl nicht haben dürfen? Sollte er sich nicht auch für oder gegen uns entscheiden dürfen? Sollte er nicht frei sein dürfen? Sollte er nicht echt lieben dürfen?
Wer sind wir denn eigentlich, dass wir Gott absprechen, was wir uns selbstverständlich zugestehen – nämlich die Freiheit zu lieben?
Haben wir uns eigentlich schon einmal mit dem Gedanken befasst, Gott könnte sich auch davor fürchten, dass wir uns gegen ihn entscheiden? Oder ist Gott bereits für uns ein dermaßen seelen-, herz-, und lebloses Wesen geworden, dass wir ihm nicht nur die Freiheit und das Lieben sondern auch jegliches Empfinden abgesprochen haben?
Wie aber sollte von einem solchen Gott dann noch jene Lebensfülle kommen können, die unser Herz mit unaussprechlichem Glück erfüllt!?
Womöglich wusste Jesus um diese Furcht Gottes vor unserer Ablehnung; womöglich wollte Jesus seinem Vater diese Furcht ersparen, so dass er völlig gehorsam ward gegenüber dem Willen seines Vaters. Weil er liebte, wusste er um diese Furcht; weil er liebte, wollte er seinem Vater diese Furcht ersparen – wenigstens in seinem Fall!
Und wie war denn das bei Jesu Sterben am Kreuz? Als er sich total von seinem Gott verlassen fühlte – war da nicht auch die Furcht dabei, von seinem Vater mit Leib und Seele in das Verderben der Hölle gestürzt zu werden? Denn was anderes sollte die Hölle sein, als das Verlassensein von Gott – zumal für Jesus?! (vgl. Mt 26:47; Ps 22:2)

Gerade aber in der Auferstehung Jesu wird deutlich, dass die Entscheidung Gottes für das Leben fällt und gegen den Tod, für unser Heil und gegen unser Verderben, für den Himmel und gegen die Hölle.
Jesus hat aber auch gezeigt, dass er an diese Entscheidung Gottes glaubt, dass er diesem Gott des Lebens bedingungslos vertraut. Und diesen Glauben, dieses Vertrauen hat er durch sein Leben bestätigt. Denken wir nur an seine Versuchung in der Wüste, denken wir an die Bedrängnis durch seine Feinde, denken wir an die Mühseligkeit mit seinen Jüngern denken wir an sein Leiden und Sterben – viele Male hätte er zu diesem Gott nein sagen können – und er hat Ja gesagt, Ja bis zum letzten Atemzug.
Die Gottesfurcht lässt Gott seine Freiheit und bedenkt die Möglichkeit der eigenen Verdammnis; sie vertraut aber darauf, dass die Güte Gottes ohne Grenzen ist; sie nützt diese grenzenlose Liebe Gottes nicht aus sondern müht sich, ihr zu entsprechen durch ein Leben, das diese Liebe beantwortet im Lobpreis, im Dank und im Bestreben, diese Liebe weiter zu schenken an die Mitmenschen.
Die Gottesfurcht zittert vor der Allmacht Gottes und weiß sich doch zugleich ganz geborgen in der Allgüte des himmlischen Vaters, der die Haare auf unserem Kopf alle zählt, dem wir mehr wert sind als viele Spatzen (vgl. Mt 10:30f.) und der uns so sehr liebt, dass er seinen einzigen Sohn für uns dahingibt, damit wir durch ihn Leben haben – Leben in Fülle! (vgl. Joh 10:10)

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