Freitag, Juni 13, 2008

Arbeiter für seine Ernte


Das Evangelium nach Matthäus 9:36 – 10:8

In jener Zeit,

36 als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.

38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.

1 Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.

2 Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes,

3 Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus,

4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samariter,

6 sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

7 geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.

8 Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.



Jesus sieht, wie die Menschen müde und erschöpft sind. Hätte er nicht kurzerhand diesen Missständen abhelfen können durch sein machtvolles Wirken? Das Mitleid mit diesen Menschen bewegt ihn "bloß" dazu, seine Jünger auf dieses Elend aufmerksam zu machen, auch sie sollen es sehen und – beten: „Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!“ (Mt 9:38) Das erscheint ein bisschen dürftig angesichts der tristen Situation.
Wenn wir zudem die Erschöpfung und die Müdigkeit unzähliger Menschen heute bedenken, dann könnte man geradezu versucht sein, energisch zu fordern: Beten ist hier zu wenig! Hier muss etwas getan werden!
Nichtsdestoweniger glaube ich, dass Jesus im heutigen Evangelium nicht nur die Müdigkeit und Erschöpfung der Menschen gesehen hat, die damals um ihn herum waren; ihn hat das Elend aller Menschen zu allen Zeiten im Herzen bewegt. Und ich bin gewiss, dass er heute auch uns auffordern würde: Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!
Dieses Bittgebet hat nämlich einen tiefen Sinn. Es soll uns klar machen, dass nicht wir die Letztverantwortlichen sind für all diese Menschen, sondern der Herr der Ernte, nämlich Gott! Und dass darum auch nicht wir allein dieser Not abhelfen müssen! Ein derartiges Beten ist für uns ein befreiendes, ein entlastendes Gebet und zudem ein Beten, das uns einfügt in das umfassende Heilswirken Gottes an den Müden und Erschöpften dieser Welt.

Es ist nämlich bezeichnend, dass er dieselben Jünger, die er zuvor zum Bittgebet auffordert, dann auch zu sich ruft, um sie mit jener Kraft zu beschenken, die der Not der Menschen abhilft: „Und Jesus gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.“ (Mt 10:1)
Das bedeutet für uns: Das Bittgebet um Arbeiter für die Ernte des Herrn muss verbunden sein mit unserer Bereitschaft, sich vom Herrn rufen zu lassen, damit der uns dann ausstatten und befähigen kann für die Arbeit in seiner Ernte. Wir können wohl sagen: Dieses Bittgebet muss uns die Einsicht eröffnen in jene Vollmacht, die der Herr uns gegeben hat, damit wir als Arbeiter in seiner Ernte jener Not begegnen können, die wir als solche entdeckt habe. Ich meine, Jesus möchte uns sein Mitleid schenken; und dieses Mitleid bewegt nicht nur den Mund zum Gebet sondern auch die Hände zum Helfen.

Der Ruf zur Arbeit für die Ernte des Herrn ergeht nicht allgemein sondern an ganz konkrete Personen, an Leute, die einen Namen haben, an Menschen wie du und ich. Wir müssen also fest damit rechnen, persönlich angesprochen zu werden für diesen Dienst und niemand darf sich wundern, wenn er sich so beim Namen gerufen erlebt. So gezielt wie der Ruf so gezielt ist auch die Sendung: es ist eine Sendung zu den Verlorenen. Die sollen merken, dass da jemand für sie da ist, sich um sie kümmert – nicht, um sie noch mehr in die Verlorenheit zu stoßen sondern um sie daraus zu befreien.

Und dann erneut der Auftrag des Herrn an seine bevollmächtigten Jünger zum Reden und zum Handeln: „Verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 10:7) Und dann auf dem Fuße: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ (Mt 10:8) Wort und Tat sind immer beisammen . Niemals darf die Umsetzung des Wortes in das Leben fehlen; niemals auch die Erklärung der Tat durch das Wort. Beides zusammen in gegenseitiger Ergänzung und Erklärung ist ein Kennzeichen für Jesu Wirken und folglich auch für das Wirken seiner Jünger. In diesem Auftrag wird auch klar, was Jesus mit dem Himmelreich meint: es bedeutet Heil an Leib und Seele bereits hier auf Erden. Vertröstungen auf ein besseres Jenseits sind hier nicht gemeint sondern dass die Menschen aus ihrer jeweiligen Erschöpfung und Müdigkeit herausgeführt werden - dadurch beginnt sich das Himmelreich, das Jesus meint, abzuzeichnen.

Und dann vernehmen wir mit Staunen, wozu die Jünger befähigt wurden: Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Ich möchte diese Fähigkeiten in keiner Weise abschwächen, indem ich sage, das ist unmöglich, dass ein Mensch das kann und ich dann diese Aussagen symbolisch deute. Damit soll uns schlicht und einfach gesagt sein: Gott teilt seine Macht mit uns Menschen, damit wir Gutes tun; Gott schenkt uns Anteil an seiner Machtfülle, die ein Segen ist für uns Menschen. Wir müssen erst einmal realisieren, was das für uns bedeutet, was uns da für Möglichkeiten in die Hand gegeben sind. Und es sage mir niemand: für so was bin ich zu minder, denn Jesus hat seine Jünger ausnahmslos mit diesen Fähigkeiten ausgerüstet – auch den Judas, der ihn später verraten hat.
Evangelien wie das heutige lassen mich betroffen bedenken, dass in uns Christen recht eigentlich ein Riese schlummert, der einzig durch unseren Kleinglauben zu einem Zwergendasein verurteilt wird. Wir hätten die Macht, das Himmelreich auf dieser Welt zu errichten und wir tun es nicht; es ist das eine Tragik der Sünde, die allein Gott lösen kann.
Diese Machtfülle braucht nun aber niemand überheblich zu machen; sie ist nämlich im Grunde eine Dienstfülle, bestimmt einzig und allein dazu, denen zu dienen, die in Not sind. Sie ist nicht da, um den Jüngern Macht, Ehre und Reichtum zu verschaffen, sie ist vielmehr da, dass die Müden und Erschöpften und Verlorenen erfahren dürfen: Wir haben einen Hirten, der wirklich für uns da ist. Tun auch wir das Unsere dazu, dass es von diesen Hirten immer genügend gibt. - Amen!

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