Mittwoch, März 05, 2008

Lazarus, komm heraus!


Das Evangelium Johannes 11: 1 – 45

1 In jener Zeit war ein Mann krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.

2 Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank.

3 Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.

4 Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.

5 Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.

6 Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.

7 Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.

8 Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen, und du gehst wieder dorthin?

9 Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;

10 wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.

11 So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.

12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.

13 Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.

14 Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.

15 Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.

16 Da sagte Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.

17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.

18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.

19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.

20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.

21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.

25 Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,

26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?

27 Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

28 Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.

29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.

30 Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.

31 Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.

32 Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.

34 Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!

35 Da weinte Jesus.

36 Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!

37Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?

38 Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

39 Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.

40 Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42 Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.

43 Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44 Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!

45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.




Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus können wir als Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft hören.
Denn ist es nicht merkwürdig, dass Jesus nicht unverzüglich zu den drei Geschwistern eilt, als er hört, dass Lazarus erkrankt ist? (Joh 11:6)
Er begründet sein Verhalten wie folgt: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.“ (Joh 11:4) Und dann legt der Evangelist noch nach und sagt: „Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.“ (Joh 11:5)
Als „Zeichen“ seiner Liebe bleibt Jesus noch zwei Tage dort an dem Ort, wo er sich aufhielt. Eine merkwürdige Liebe, die nicht sofort zum Freund eilt, um zu helfen und zu heilen!
Aber Jesus hat den Geschwistern zum Zeichen seiner Freundschaft etwas Besonderes vorbehalten:
Er erspart ihnen nicht die Sorge und den Kummer über die Krankheit des Lazarus;
er erspart den Schwestern nicht den Schmerz und die Trauer über den Tod ihres Bruders.
Er lässt dies alles in ihrem Leben geschehen.
Aber er tut dies, um ihnen schließlich seine und seines Vaters Herrlichkeit zu zeigen, die darin besteht, dass Gott mächtiger ist als der Tod und dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass er den Tod besiegen kann. Dass er allein es ist, der unsere Gräber öffnet und uns, sein Volk, aus unseren Gräbern holt. (vgl. Ez 37:13) Diese Erfahrung schenkt Jesus seinen Freunden und nicht, dass er sie vor dem Kummer, dem Leid und dem Sterben in dieser Welt bewahrt.

Die Klage der beiden Schwestern: „Herr, wärst du hier gewesen, wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11:21;32) lässt mich an eine Episode aus dem Leben unserer hl. Mutter Teresa denken: Ich weiß nicht mehr genau, was passier ist; aber sie war eilig unterwegs zur Gründung eines Schwesternklosters; da ist sie mit dem Wagen von der Straße abgekommen und im Graben gelandet – also unvergleichlich harmloser, als was den Geschwistern im heutigen Evangelium passiert.
Na, jedenfalls beklagt sich Teresa beim Herrn des Langen und Breiten über ihr Missgeschick; der Herr antwortete ihr: „Ja, Teresa, so behandle ich nun mal meine Freunde!“
Sie darauf: „Dann wundert es mich wirklich nicht, dass du so wenige hast.“

Ja, es ist wirklich nicht verwunderlich, dass Jesus wenig echte Freunde hat. Das kommt daher, dass die Leute wohl Freunde Jesu sein möchten – aber nach ihren Vorstellungen und nicht nach denen Jesu. Und wenn nun die Freundschaft mit Jesus nicht nach ihren Vorstellungen verläuft kündigen sie dem Herrn Freundschaft und Nachfolge.

Wenn also wir auch Freunde Jesu sein wollen und gar wie in Thomas das Verlangen in uns brennt, „mit Jesus zu gehen um auch mit ihm zu sterben“ (Joh 11:16) dann sollten wir uns unbedingt mit der Bereitschaft wappnen, es Jesus zu überlassen, in welcher Form er möchte, dass wir mit ihm leiden. Denn das zeichnet doch wohl die Freundschaft zwischen Jesus und den drei Geschwistern aus, dass sie es zugelassen haben, dass Jesus sich ihnen so zumuten konnte, wie er es im heutigen Evangelium getan hat. Sei haben ihn in einer menschlich schwer erträglichen Fremdheit ausgehalten – so als hätten sie in einem hintersten Winkel ihres Herzens geahnt, dass er sich letztlich doch als ihr größter und verlässlichster Freund erweisen werde – wie es schließlich ja auch geschehen ist.

Und vergessen wir gerade am Beginn der Passionswoche eines nicht: Die Freundschaft, die Jesus durch das heutige Evangelium seinen Freunden zumutet hat er selber im Hinblick auf seinen Vater gelebt – bis zum letzten Atemzug! Denn er hat keinen Augenblick von seinem Vater gelassen; in ihm lebte unablässig die Gewissheit, die er auch im heutigen Evangelium ausdrückt: „Vater, ich wusste, dass du mich immer erhörst!“ (Joh 11:42) Und durch alle Angst, durch allen Schmerz und durch alle Klage hindurch konnte er so mit seinem letzten Atemzug sein Leben in die Hände seines Vaters legen und den letzten Akt eines Vertrauens setzen (vgl. Lk 23:46), das ihn sein Leben hindurch getragen hat und das Gott in seiner Auferstehung unübertrefflich beantwortet hat.

Das Herz der Freundschaft mit Jesus ist unsere Kindschaft vor Gott, seinem und unserem Vater! Amen!

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