Mittwoch, Januar 30, 2008

Selig, die arm sind vor Gott!


Das Evangelium Matthäus 5: 1 – 12a

1 In jener Zeit als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.

2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.

3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

5 Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.

6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.

7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.

9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genant werden.

10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.

12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.



I

Im Evangelium preist Jesus nicht die Reichen glücklich oder die Lustigen; nicht die Gesunden oder die Gescheiten oder jene, die sich behaupten und durchsetzen können – das würden wir verstehen, denn nach all dem streben wir in der Regel.
Es sind die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Jesus heute anspricht. Ob wir heute also zu jenen gehören, die Jesus meint?
Diese Frage stellt sich uns noch einmal anders, wenn wir die heutigen Worte Jesu als eine programmatische Rede verstehen. In diesem Fall sind es nämlich grundsätzlich die Armen, die Jesus ansprechen will, an die er sich mit seiner Botschaft wendet.
Paulus sagt das in der Lesung so: „Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt ... und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt ... und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist.“ (1Kor 1:27f)
Ob wir wohl zum Törichten, zum Schwachen, zum Niedrigen, zum Verachteten in der Welt gehören wollen, zu dem also, was in dieser Welt nichts ist? Wollen wir dazu gehören – bloß deshalb damit und weil Gott dann auch uns erwählt?

Wir merken, vor welch radikale Entscheidung wir auf diese Weise gestellt sind. Wir tun uns furchtbar schwer, uns für das Erwählt sein von Gott und gegen das Starksein und Geachtetsein in dieser Welt zu entscheiden. Wir finden uns vor dieser Frage in einem heftigen Zwiespalt. Das allein weist uns schon darauf hin, dass wir nicht arm sind vor Gott; dass wir also unseren Reichtum, unser wahres Glück nicht von ihm erwarten. Und dennoch nennen wir uns seine Kinder und Jünger seines Sohnes. Auf den Punkt gebracht stellt das heutige Evangelium uns die Frage: Sind wir, was wir uns nennen? Können und wollen wir angesichts der heutigen Frohbotschaft noch sein, was wir uns nennen?

Das heutige Evangelium will aber nicht allein schmerzhafte Ernüchterung sein. Das wäre gewiss zuwenig für eine Frohbotschaft. Es will uns genauso Weisung und Ermutigung sein auf den Weg zum wahren Glück.
Dazu gibt uns der Herr einen klaren Hinweis in welcher Richtung das wahre Armsein zu suchen ist. Es bedeutet nicht äußere Armut, die wir wie ein Kleid überziehen. Es geht um das Armsein vor Gott oder wie es im französischen Text heißt um das Armsein im Herzen. Armut als Haltung des Herzens ist also gefragt und damit eine Haltung, die sich das wahre und große Glück des Lebens zuerst, zuletzt und allein von Gott erwartet; eine Haltung also, die sich im Wesentlichen des Lebens von Gott abhängig und beschenkt weiß.

Und das ist weiß Gott nicht einfach. Denn diese innere Haltung des Herzens heißt es zu leben im Umgang mit dem Reichtum und dem Wohlstand und dem Überfluss, den wir alle mehr oder minder besitzen.

Damit wir nun aus dem oben genannten Zwiespalt herausgelangen und zum Frieden finden müssen wir unsere innere Haltung der Abhängigkeit von Gott auch leben, in dem wir unser Abhängigkeit von den äußeren Umständen wie Reichtum, Wohlstand und Überfluss immer wieder lösen durch Großzügigkeit im Helfen und Schenken und durch einfachere Lebensgestaltung.

Damit uns das leichter gelingen kann liegt noch ein zweiter Hinweis im heutigen Evangelium: Wie Jesus nämlich die Armen zu seinen besonderen Freunden erwählt sollen auch wir gerade auch den Armen um uns besondere Aufmerksamkeit schenken. Das wird uns in dem Maße gelingen wie auch wir uns vor Gott als Arme erleben, die von ihm überreich beschenkt wurden mit allen möglichen Gütern des Leibes, der Seele und des Geistes; die von ihm vor allem aber beschenkt wurden mit jener herzlichen Liebe, die Jesus uns erweist. In dem Maße wir uns von Gott beschenkt erleben erkennen wir, dass wir für die Anderen beschenkt wurden – und wir werden fähig, andere zu beschenken. Es ist die Eigenart der Gaben Gottes, das sie unser sind je mehr wir sie mit den anderen teilen.

So wird möglich, worum wir gebetet haben: Gib, o Gott, dass wir dich mit ungeteiltem Herzen anbeten und die Menschen lieben, wie du sie liebst. Durch Christus, unseren Herrn! Amen.




II


Mit den Seligpreisungen des heutigen Evangeliums beginnt Jesus die Bergpredigt – seine erste programmatische Rede. Dabei wendet sich Jesus an Arme, Trauernde, Gewaltlose, Verfolgte.

Das erweckt den Eindruck, als machte es Jesus den Politikern gleich, die sich ja auch an die große Masse der Benachteiligten wenden, um sie durch Versprechungen auf ihre Seite zu bringen. Bei näherem Zusehen erweist sich dieser Eindruck jedoch als falsch; Jesus beginnt nämlich zu reden, nachdem er sieht, dass ihm so viele Menschen folgen. Die Politiker jedoch reden, damit ihnen die Leute folgen. Jesus laufen die Leute zuerst nach, dann redet er; die Politiker reden zuerst und dann laufen ihnen die Leute nach – oder auch nicht.

Ich will damit sagen, dass Jesus eine ganz andere Absicht mit seinem Reden verfolgt als die Politiker das tun. Jesus sieht, dass viele Menschen ihm folgen; das drängt ihn, diesen Leuten zu sagen, was er ihnen zu bieten hat, was sie von ihm erwarten können, wo der Weg hinführt, auf dem sie ihm folgen. Das Verhalten der Leute ist wie eine Anfrage an Jesus, auf die er mit der Bergpredigt eine Antwort gibt. Die Leute sollen sich mit ihm auskennen soweit das eben möglich ist.
Die Politiker wollen mit ihrem Reden die Leute auf ihre Seite bringen, um sich sammeln, wollen sie von ihrer Linie, von ihren Absichten und Ideen überzeugen.
Das hat Jesus nicht nötig; er braucht sich nicht zu profilieren und in den Mittelpunkt zu stellen, da er bereits im Mittelpunkt steht.
So frei von sich selber kann er sich ganz der Botschaft widmen, die er zu verkünden hat. Jesus braucht nicht zu überzeugen – er kann unbeschwert Zeugnis ablegen. Dadurch ist bei ihm die Gefahr ausgeschlossen, offen oder verdeckt seinen eigenen Vorteil zu suchen im Umgang mit den Menschen; er kann frei und ungeniert für die Leute da sein. Die Politiker hingegen sind permanent dieser Gefahr ausgesetzt und nur allzu oft erliegen sie ihr.

Ich empfinde das Verhalten Jesu als ein starkes Plädoyer für eine politische Kultur, die sich am Menschen orientiert, deren Weg der Mensch ist, in deren Zentrum der Mensch und sein Wohlergehen steht. Damit sind Politiker aller Farben angesprochen aber ebenso Eltern im Hinblick auf ihre Kinder oder die Lehrer hinsichtlich ihrer Schüler oder wir Seelsorger in unserer pastoralen Arbeit.

Zu dieser Politik Jesu gehört zu allererst einmal das Zeugnis durch das Leben. Am Anfang sind nicht die vielen Worte sondern das Leben, das durch seine Ausstrahlung anspricht und anzieht. Die Leute sind dem lebenden Jesus gefolgt und haben dann den sprechenden Jesus gehört; und was Jesus dann gesprochen hat, das hat sein Leben ausgelegt und erklärt, das hat den Leuten den Grund seines Lebens nahe gebracht. Auf diese Weise hat Harmonie geherrscht zwischen dem Leben und den Worten Jesu und das ist ein wesentlicher Beitrag zur Autorität, mit der Jesus gesprochen hat und die die Leute sehr wohl bemerkt haben.

In den Seligpreisungen zählt Jesus dann seinen Zuhörern verschiedene Haltungen auf, die durchaus positiv sind für andere und für sie selber: Gewaltlosigkeit, Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit. Diese Haltungen haben Zukunft; darum sollen seine Zuhörer sich bemühen. Das politische Wirken Jesu hat zum Ziel, den Menschen zu diesen positiven Einstellungen zu verhelfen. Wir erkennen zwar im Hinblicken auf die Krisenherde der Welt dass diese Haltungen keineswegs selbstverständlich sind.
Zugleich wissen wir aber aus der Erfahrung bei uns in Österreich und in anderen Ländern, dass es möglich ist und gut tut, diese Werte wenigstens annähernd zu erreichen. Unser politischer Alltag zeigt uns aber auch, dass um diese Haltungen ständig gerungen und diese Werte ständig bewahrt und verteidigt werden müssen.

Jeder erfährt in seinem persönlichen Leben, wie schwer es ist, das Programm der Seligpreisungen zu verwirklichen. Wie schnell wir etwa empört sind zu gnadenloser Härte, wenn wir von Gräueltaten im Krieg oder von sonst einem gemeinen Schwerverbrechen hören. Wenn wir nach solchen Erregungen ausnüchtern, gestehen wir uns im Stillen vielleicht ein, dass wir eben vorhin von Jesus und seinen Seligpreisungen meilenweit entfernt waren.
Jesus hat diese unsere Schwierigkeiten mit seinem politischen Programm zweifellos vorausgesehen. Darum hat er auch eine besondere Seligpreisung allen anderen vorangestellt: Selig, die arm sind vor Gott! Die Besonderheit dieser Seligpreisung ist, dass sie uns vor Gott hinstellt; dass sie unsere Beziehung zu Gott ausdrückt. Sie steht an erster Stelle, als wollte Jesus sagen: mit dieser Seligpreisung stehen und fallen alle folgenden. Oder als wollte er sagen, dass wir zuerst und grundsätzlich vor Gott stehen und dass wir darauf achten sollten wie dieses Stehen vor Gott ausschaut, welche Grundhaltung in diesem Stehen vor Gott zum Ausdruck kommt. Und Jesus meint nun, wir sollten arm vor Gott stehen. Dabei ist dieses Armsein vor Gott nicht eine Wirklichkeit, die wir erst schaffen müssten. Vielmehr holen wir durch unser Streben danach die Wirklichkeit ein und vollziehen sie nach; und die Wirklichkeit ist, dass wir vor Gott eben arm sind. Und es ist in der Tat unser Reichtum, unser Besitz in seiner schillernden Vielfalt das Haupthindernis für die Verwirklichung der übrigen Seligpreisungen.
Es ist also zutiefst Reichtum Gottes, wenn wir im Geist der Seligpreisungen miteinander leben können. Diesem Reichtum Gottes wollen wir uns in dieser Eucharistiefeier erneut bewusst öffnen – er besteht in Jesus Christus, in seinem Wort und in seinem Fleisch und Blut.
Amen!

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