Samstag, September 29, 2007

Vor der Tür des Reichen aber ...


 
Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 16:19-31

19 Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.
20 Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.
21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.
22 Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.
23 In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.
24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir, und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.
25 Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.
26 Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.
27 Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters!
28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.
29 Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.
30 Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.
31 Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

Predigt I

Nicht, dass er in Purpur und feines Leinen gekleidet war und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte, setzt den reichen Mann ins Unrecht sondern dass er den armen Lazarus vor seiner Haustüre nicht gesehen und seinen Reichtum nicht mit ihm geteilt hat. Nicht einmal die Abfälle von den Speisen hat er ihm zu essen gegeben.
Diese völlig fehlende Solidarität mit dem Armen vor seiner Haustüre wird ihm schließlich zum Verhängnis.
Die krasse Gegenüberstellung in der Geschichte Jesu führt mich zu einem Gegenbeispiel, das an Deutlichkeit ebenfalls nichts zu wünschen übrig lässt.

Mein Gegenbeispiel nehme ich aus dem Leben der hl. Therese vom Kinde Jesu, der zu Ehren wir heute ein Triduum beginnen. In gewissen Hinsichten ist sie mit dem reichen Mann im Evangelium zu vergleichen; freilich bestand ihr Reichtum nicht in materiellen Gütern sondern in den Gaben des Geistes, die der Herr überreich in ihr Herz ausgegossen hat. Eine davon ist die Gabe des Glaubens. In ihrer Autobiographie schreibt sie auf Seite 137: „ Ich erfreute mich damals eines so lebendigen, so klaren Glaubens, dass der Gedanke an den Himmel mein ganzes Glück ausmachte, ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Gottlose gäbe, die keinen Glauben haben. Ich meinte, sie sprächen gegen ihre bessere Erkenntnis, wenn sie die Existenz des Himmels leugneten, des schönen Himmels, wo Gott Selbst ihr ewiger Lohn sein möchte.“
Nun lässt es Gott zu, dass ihr diese Freude am Glauben genommen wird und sie erfährt existentiell, dass es das gibt: Durch Missbrauch der Gnaden diesen Schatz zu verlieren und so keinen Glauben zu haben! Dichteste Finsternisse drangen in ihre Seele ein und der ihr so süße Gedanke an den Himmel war bloß noch Anlass zu Kampf und Qual. Gerne wollte sie ausdrücken, was sie fühlte, aber es ist ihr unmöglich. „Man muss durch diesen dunkeln Tunnel gewandert sein, um zu wissen, wie finster er ist.“
Wie verhält sich Therese wie entscheidet sie sich?
Sie bittet um Verzeihung für ihre Brüder, sie ist bereit, das Brot der Schmerzen zu essen, solange der Herr es will; sie will sich von diesem mit Bitternis beladenen Tisch, an dem die armen Sünder essen, nicht mehr erheben vor dem durch den Herrn bezeichneten Tag. Und dann fügt sie an: „O Jesus, wenn es nötig ist, dass der von ihnen besudelte Tisch durch eine dich liebende Seele gereinigt werde, so will ich gern das Brot der Prüfung einsam essen, bis es dir gefällt, mich in dein lichtes Reich einzuführen. Die einzige Gnade, die ich von dir erbitte, ist, dich nie zu beleidigen!“ Therese stellt sich ganz auf die Seite derer, die nicht glauben können und ist bereit, alles dafür zu geben, dass sie zum Glauben kommen. Obwohl sie nicht den Genuss des Glaubens verkostet, bemüht sie sich dennoch, dessen Werke zu tun

Der Herr hat den Tisch ihres Lebens zudem mit geistlicher Erfahrung reichlich gedeckt. Und auch in dieser Hinsicht findet sie den armen Lazarus vor ihrer Haustüre in den Novizinnen, die ihr als Gehilfin der Novizenmeisterin vom Februar 1893 an bis zu ihrem Tode (am 30.9.1897) anvertraut waren. Sie hatte viel gelernt, indem ich andere unterwies. Zunächst sah sie, dass alle Novizinnen ungefähr die gleichen Kämpfe haben, aber anderseits doch sehr verschieden sind. Darum sieht sie wie unmöglich es ist, sich gegen alle gleich zu verhalten.
Bei einigen fühlte sie, dass sie sich klein machen musste, die Verdemütigung nicht scheuen durfte, ihnen ihre eigenen Kämpfe und Niederlagen zu bekennen; sehen sie bei ihr die gleichen Schwächen wie bei sich selbst, dann gestehen ihr ihre kleinen Schwestern auch ihrerseits die Fehler ein, die sie sich vorwerfen, und freuen sich, dass Therese sie aus eigener Erfahrung versteht.
Bei andern musste sie im Gegenteil große Festigkeit beweisen, wenn sie sie fördern will, und darf nie auf etwas Gesagtes zurückkommen. Sich erniedrigen wäre hier keineswegs Demut, sondern Schwäche. Gott hat ihr die Gnade verliehen, den Kampf nicht zu fürchten und um jeden Preis ihre Pflicht zu tun. Mehr als einmal bekam sie zu hören: — «Wenn Sie bei mir etwas erreichen wollen, so müssen Sie mich mit Güte anfassen; mit Gewalt wird es Ihnen nicht gelingen.» Therese weiß, dass niemand in eigener Sache ein guter Richter ist, und dass ein Kind, das vom Arzt einer schmerzhaften Operation unterzogen wird, unfehlbar laut schreit und behauptet, das Heilmittel sei schlimmer als das Übel; ist es jedoch nach einigen Tagen wieder gesund, so ist es ganz glücklich, erneut spielen und springen zu können. So verhält es sich auch mit ihren Novizinnen, sie sehen bald ein, dass oft ein wenig Bitterkeit dem Zucker vorzuziehen ist, und scheuen sich nicht, dies einzugestehen. Mitunter muss sie innerlich lächeln, wenn sie beobachte, welche Wandlung sich von einem Tag auf den andern vollzieht. (vgl. S 155f)

Therese hat sich so gegenüber ihren Novizinnen verhalten weil sie gegenüber allen Schwestern ein geistliches Festmahl aus freundlicher und fröhlicher Liebe bereiten wollte. „Ich kenne jedenfalls kein anderes und will den Hl. Paulus nachahmen, der sich mit jenen freute, die er in der Freude begegnete; freilich weinte er auch mit den Betrübten, und so sollen denn manchmal auch Tränen fließen bei dem Gastmahl, das ich geben will, stets aber will ich mich bemühen, dass zum Schluss diese Tränen sich in Freude wandeln, da der Herr fröhliche Geber liebt.“ (S. 160)
Auch hierfür eines von zahlreichen Beispielen:“ Ich entsinne mich eines Liebesdienstes, den mir der Liebe Gott eingab, als ich noch Novizin war; es war eine geringfügige Sache, doch unser Vater, der ins Verborgene sieht, der mehr auf die Absicht als auf die Größe der Leistung blickt, hat mich bereits dafür belohnt, ohne das andere Leben abzuwarten. Es war zurzeit, als Schw. St Pierre noch in den Chor und ins Refektorium ging. Bei der Abendbetrachtung hatte sie ihren Platz vor mir: 10 Minuten vor 6 Uhr musste eine Schwester sich Zeit nehmen, sie ins Refektorium zu führen, denn die Krankenschwestern hatten damals zu viele Kranke, um sie abholen zu können. Es kostete mich viel, mich für diese kleine Dienstleistung anzubieten, denn ich wusste, es war nicht leicht, diese arme Schwester St. Pierre zufrieden zu stellen, die so sehr litt, dass sie nicht gern die Begleiterin wechselte. Ich wollte jedoch eine so schöne Gelegenheit, die Liebe zu üben, nicht versäumen, in Erinnerung an das Wort Jesu: Was ihr dem geringsten der Meinen tut, das habt ihr mir getan. Ich bot mich also recht demütig an, sie zu führen: nicht ohne Mühe erreichte ich, dass meine Dienste angenommen wurden! Endlich ging ich ans Werk, und ich war so guten Willens, dass ich vollen Erfolg hatte.
Jeden Abend, wenn ich meine Schw. St Pierre ihre Sanduhr schütteln sah, wusste ich, dass dies heißen sollte: auf den Weg! Es ist unglaublich, was es mich, besonders im Anfang, kostete, aufzubrechen; ich ging jedoch augenblicklich, und dann begann eine ganze Zeremonie. Zunächst hieß es, die Bank auf eine bestimmte Art wegzurücken und fort zu tragen, vor allem ohne zu drängen, dann folgte der Spaziergang. Man musste hinter der armen Kranken hergehen und sie dabei am Gürtel festhalten, ich tat es so behutsam wie nur möglich; aber machte sie unseliger Weise einen Fehltritt, dann schien ihr gleich, ich hielte sie schlecht, und sie würde fallen. - Ach! mein Gott! Sie gehn viel zu schnell, ich werd' mir die Knochen brechen.» Versuchte ich dann, noch langsamer zu gehen — «So kommens' doch! Ich spür' Ihre Hand nimmer, Sie hab'n mich losg'lassen, ich fall' um! Ach! Ich hab's ja gleich g'sagt, dass Sie zu jung sind, um mich zu führen.» Schließlich gelangten wir ohne Unfall ins Refektorium; dort ergaben sich neue Schwierigkeiten, es galt Sr. St. Pierre hinzusetzen und sich geschickt anzustellen, um sie nicht zu verletzen, darauf musste man ihr die Ärmel zurückschlagen (wieder auf eine bestimmte Art), dann durfte ich gehen. Mit ihren armen verkrüppelten Händen brockte sie das Brot in ihren Napf, so gut sie es konnte. Das bemerkte ich bald, und jeden Abend verließ ich sie erst wenn ich ihr auch noch diesen kleinen Dienst erwiesen hatte. Da sie mich nicht darum gebeten hatte, war sie über meine Aufmerksamkeit sehr gerührt und durch dieses nicht eigens gesuchte Mittel gewann ich vollends ihre Gunst und vor allem (ich erfuhr es erst später) weil ich, nachdem ich das Brot geschnitten hatte, vor dem Weggehen für sie mein schönstes Lächeln aufsetzte.“ (S. 160f.)

So wollen wir uns für das Vorbild der Therese entscheiden und in den Freuden unseres Lebens den Lazarus vor unserer Haustüre aufsuchen; wir wollen ihn lieben, ihn in unser Haus bitten und unsere Güter und Freuden mit ihm teilen. Auf diese Weise werden wir zum freudenvollen Leben hier auf Erden dort im Himmel das Leben in Abrahams Schoß dazu gewinnen. Amen!


Predigt II
Die Geschichte vom Reichen und dem Armen vor seiner Tür zeigt damals wie heute eine soziale Wirklichkeit überdeutlich auf: dass nämlich großer Reichtum auf der einen Seite äußerster Armut auf der anderen gegenübersteht und dass die Kluft zwischen beidem unüberwindlich erscheint und zunimmt.
Dem Verlangen des Armen zumindest nach den Tischresten des Reichen steht dessen völlige Ignoranz des Armen gegenüber.
Wir finden diese Situation heute auf internationaler, auf nationaler und auf individueller Ebene wieder. Wo finden wir uns wieder? Im reichen Mann? Im Lazarus? Haben auch wir Verlangen nach den Essenresten der Reichen? Oder müssen wir uns vorwerfen, dass wir den Armen vor unserer Haustüre ignorieren?

Bei all seinem Überfluss hat der Reiche in der Geschichte doch einen Mangel: Er ist namenlos. Der Arme hat einen Namen: Er heißt Lazarus. Dieser Name kommt aus dem Hebräischen und bedeutet: Gott hat geholfen! Mit Gott kommt der in den Blick, dem der Zustand des Armen nicht gleichgültig ist! In der Geschichte freilich erweist er seine Hilfe erst nach dem Tod des Lazarus, indem er ihn in den Schoß Abrahams legt. Der Reiche hingegen muss qualvoll in der Unterwelt leiden.

Jesus ruft auf diese Weise folgende Wahrheiten in Erinnerung: Mit dem Tod ist nicht alles aus! Es gibt vielmehr ein Weiterleben nach dem Tod. Und wie dieses verläuft hängt ab vom Leben vor dem Tod. Für das Tun und Lassen in diesem irdischen Leben heißt es Rechenschaft ablegen und Verantwortung tragen nach dem Tode. Was nun nach dem Tode geschieht hängt in der Geschichte ganz davon ab, wie mit den materiellen Gütern umgegangen wird und ob sie verwendet werden, um damit Armen Gutes zu tun. Es ist bezeichnend, dass von keiner religiösen Übung die Rede ist.
In der Geschichte wartet Gott mit der Hilfe für Lazarus bis nach dessen Tod, wie auch der reiche Mann die Folgen für sein Verhalten erst nach dem Tode erleben muss. Die Geschichte will uns ganz darauf konzentrieren, wie wir mit unserem Reichtum, ja, mit unserem Überfluss umgehen und ob wir den Armen vor unserer Türe beachten und wie wir ihm helfen. So kann diese Geschichte bei uns dann greifen, wenn wir an ein Weiterleben nach dem Tode glauben und uns bewusst ist, dass unser Tun und Lassen Folgen hat – auch für uns selber.

Gott hat uns in den Heiligen Beispiele geschenkt, die uns helfen wollen zu einem heilsamen Umgang mit unseren Gütern. Letzte Woche feierten wir so ein Vorbild im hl. Vinzenz von Paul. Und ein weiteres werden wir am 1. Oktober feiern in unserer hl. Therese vom Kinde Jesu. Zur Erinnerung an sie haben wir gestern eine Dreitagefeier begonnen.

Auch sie hat dieses Teilen vorbildlich gelebt in ihrer Solidarität mit Leidenden, im Teilen ihrer geistlichen Gaben mit ihren Schwestern und in ihrer umsichtigen und zuvorkommenden Liebe ihnen gegenüber.

Als Therese etwa ihre Freude am Glauben genommen wurde hat sie sich dagegen nicht gesträubt sondern sich mit denen vereint, die nicht glauben konnten, weil sie diese Gabe aus eigener Schuld verloren hatten. Mit ihnen wollte sie solange das bittere Brot der Schmerzen essen und solange an diesem Tisch der Bitternis sitzen bleiben, wie Jesus wollte.
Den Novizinnen, die ihrer Begleitung anvertraut waren, hat sie nach Bedarf und mit Bedacht so ihre Erfahrung mitgeteilt, dass sie reichlich Nutzen daraus ziehen konnten.
Und galt es, Mitschwestern ein Festmahl freundlicher und fröhlicher Liebe zu bereiten, so musste auch sie sich dazu überwinden; aber dann half sie mit solcher Herzlichkeit, Rücksichtnahme und zuvorkommender Hilfsbereitschaft, dass sie den betreffenden Schwestern einen Vorgeschmack auf Abrahams Schoß bereiten konnte.
So hat Therese jene Macht der Liebe Gottes gelebt, die sich vor allem im Erbarmen und im Verschonen zeigt.
Dieser Macht wollen auch wir uns öffnen, damit sie durch uns lebe und wir in ihr Leben in Fülle haben. Amen!


Keine Kommentare: