Mittwoch, September 12, 2007

Vater...


 
Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 15: 1 – 32

1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, 6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wieder gefunden, das verloren war.
7 Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.
8 Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich, bis sie das Geldstück findet?
9 Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; ich habe die Drachme wieder gefunden, die ich verloren hatte.
10 Ich sage euch: Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
11 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.
12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht.
15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.
18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.
23 Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
24 Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
25 Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
27 Der Knecht antwortete: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
29 Doch er erwiderte dem Vater: So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.
32 Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern; denn dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden.



Die Zöllner und Sünder kommen zu Jesus, um ihn zu hören!
Sie fühlen sich von Jesus angesprochen. Sie spüren, dass dieser Jesus anders ist als die Pharisäer und Schriftgelehrten – ganz anders!
Bei den Pharisäern und Schriftgelehrten sind sie abgeschrieben und verurteilt – Sünder ohne Umkehr. Zwischen ihnen liegt ein unüberwindlicher Graben der Ablehnung und des Hasses.

Bei Jesus spüren sie, dass eine Verbundenheit da ist. Nicht, dass er ihre Methode, den Zoll einzuheben und sich dabei sehr zu bereichern, gutheißt; beileibe nicht!
Aber diese Ablehnung ist nicht alles bei Jesus; da ist noch mehr: da ist die Bereitschaft Jesu, sie trotz ihres Fehlverhaltens als Menschen zu achten und ihnen damit die Chance einer Umkehr und einer Änderung ihres Lebens zu geben.
Diese Chance legt Jesus ihnen nun allerdings nicht in der strengen Form von Verboten, Geboten und Drohungen vor, wie das etwa die Pharisäer und Schriftgelehrten tun würden:

„Ihr dürft keine Wucherzölle einnehmen! Ihr dürft das auserwählte Volk nicht bestehlen! Ihr schließt euch so aus vom Volk Israel und beschwört Gottes Zorn und Gottes Gericht auf euch herab.“

Solche Töne hören sie von Jesus nicht! Diese Platte spielt Jesus nicht!
Die Chance zur Umkehr legt Jesus ihnen in einer Geschichte nahe, im Gleichnis vom Vater mit seinen zwei Söhnen.
Dieses Gleichnis ist eine Einladung zur Umkehr; eine Einladung, die nicht zwingt und nötigt, die vielmehr der eigenen Einsicht und der freien Entscheidung Raum gibt.
Etwas vom Schönsten in dieser Geschichte ist, dass beide Söhne vom Vater nicht festgelegt werden auf ihren momentanen Zustand – und mag dieser Zustand auch noch so miserabel und kleinlich sein. Er lässt ihnen die Möglichkeit, sich zu ändern; er traut beiden diese Änderung zu; er wartet bei beiden darauf.

In diesem Zusammenhang hat der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld einmal das wahre Wort gesagt, dass es gar nicht tragisch ist, dass wir sündigen und Fehler machen; tragisch ist vielmehr, dass wir jeden Augenblick die Gelegenheit zur Umkehr haben – diese Gelegenheit aber nicht nützen.

Apropos Umkehr:

Ein Gespräch zwischen einem kürzlich zu Christus bekehrten Mann und einem ungläubigen Freund: "Du bist also zu Christus bekehrt worden?" - "Ja."
"Dann musst du eigentlich gut über ihn Bescheid wissen. Sag mir:
In welchem Land wurde er geboren?"
"Das weiß ich nicht."
"Wie alt war er, als er starb?"
"Das weiß ich nicht."
"Wie viele Predigten hat er gehalten?"
"Das weiß ich nicht."
"Du weißt aber wirklich sehr wenig für jemand, der behauptet, zu Christus bekehrt worden zu sein!"
"Du hast Recht. Ich schäme mich, so wenig von ihm zu wissen. Aber soviel weiß ich: Noch vor drei Jahren war ich ein Trinker. Ich hatte Schulden. Meine Familie brach auseinander. Meine Frau und Kinder fürchteten sich jeden Abend vor meiner Heimkehr. Aber jetzt habe ich das Trinken aufgegeben; wir haben keine Schulden mehr; wir sind eine glückliche Familie. Meine Kinder erwarten mich ungeduldig jeden Abend. Das alles hat Christus für mich getan. Soviel weiß ich von Christus!"

Wirklich wissen heißt, von diesem Wissen verändert zu werden.

Wir haben alle unser Dunkelbild und unser Lichtbild. Wir vergessen bei uns und bei anderen über dem Dunkelbild das Lichtbild. Gott ist der Bewahrer unseres Lichtbildes; er behandelt uns nach diesem Lichtbild; wir behandeln einander oft nach unserem Dunkelbild.
Jesus hält uns dieses Lichtbild immer wieder vor Augen, damit wir uns durch Umkehr in dieses Lichtbild hineinwandeln – wie der Sohn im Gleichnis Jesu, wie der Mann in der Geschichte.
Das wirkliche Wissen um Jesus, der unser Lichtbild sieht, wird uns in dieses Lichtbild verändern.

Dieses Wissen ist wie frische Luft. Wir müssen uns nur getrauen, diese Luft einzuatmen, von dieser Luft zu leben – dann erleben wir mit dem eigenen Lichtbild immer mehr auch das Lichtbild der anderen.
Im anderen nur das Dunkle sehen heißt selber das Dunkel im Herzen tragen.

Wir wollen beten:
Großer Gott, du bist ein Gott der Sünder, der auf die Menschen wartet und sich über ihre Umkehr freut. Schenke uns den erlösenden Glauben an deine Liebe und Vergebung und lass uns diese liebende Vergebung einander weiterschenken. Durch Christus unseren Herrn! - Amen!

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