Samstag, September 01, 2007

Setz dich auf den untersten Platz!


Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 14:1.7-14

1 Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau.
7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen:
8 Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, 9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.
10 Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.
11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
12 Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten.
13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.
14 Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.




Mir erzählte einmal einer, der glaubte, die Lehre verstanden zu haben, die Jesus im heutigen Evangelium den Pharisäern erteilt:

Bei einem Festessen setzte er sich so ziemlich als erster an den Tisch und zwar an das untere Ende. Gleich kommt auch schon, der ihn zum Essen eingeladen hat, klopft ihm auf die Schultern und sagt zu ihm:
„Danke dir, dass du angefangen hast, dich zu setzen, damit die anderen Leute sich auch endlich hinhocken und wir mit dem Essen beginnen können.“
Und schon eilte er zu den anderen Gästen, um sie an den Tisch zu nötigen.
Unser guter Freund hatte sich das anders vorgestellt: er hatte erwartet, an der Tafel weiter hinaufgebeten zu werden. Natürlich hat er sich seine Enttäuschung nicht anmerken lassen und zu den Worten des Gastgebers freundlich genickt.

Wir merken, dieser gute Mann hatte nach wie vor den ersten Platz im Sinn – er wollte ihn eben nur auf dem Umweg über den letzten Platz erreichen. Sowohl der Mann, der im Gleichnis Jesu den Ehrenplatz aussucht, wie auch der Mann in meiner Erzählung – beide denken sie nur an die eigene Ehre.

Jener Mann aber, der im Gleichnis Jesu den untersten Platz aussucht denkt an einen anderen, der vornehmer sein könnte als er und dem der Ehrenplatz eher zusteht als ihm. In diesem Mann, der den untersten Platz erwählt hat, können wir bei genauerem Hinsehen Jesus selber entdecken: denn er hat in der Tat den untersten Platz eingenommen, indem er am Kreuz gestorben ist. Und er hat das nicht zuerst getan im gläubigen Wissen, dass er auferstehen und in den Himmel auffahren werde; sondern er hat es getan, weil sein Vater im Himmel es so wollte und damit wir den Ehrenplatz der Erlösten und Befreiten einnehmen können.
Der Gedanke widersteht mir geradezu, der sich durch das Gleichnis Jesu nahe legt: Dass wir nämlich vornehmer wären als Jesus. Aber dieser Gedanke kommt in etwa jener Erniedrigung nahe, die Jesus im Leiden und Sterben auf sich genommen hat und er kommt der Erhöhung nahe, die uns durch Jesu Auferstehung geschenkt wurde. Wir können nämlich die Erniedrigung Jesu nicht tief genug und unsere Erhöhung um Jesu Willen nicht hoch genug denken.

Wie dieser Ehrenplatz ausschaut, versucht uns der Apostel im Hebräerbrief darzustellen, indem er schreibt:
„Ihr seid zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes.“ (Hebr 12:22-24a)
Beides ist nun aber unverdientes Geschenk aus reiner Liebe: Jesu Auferstehung wie auch unser Ehrenplatz.
Dieses Geschenkhafte meint Jesus, wenn er sein Gleichnis abschließt:
„Wer sich selbst erniedrigt wird erhöht werden.“ (Lk 14:11)
Die Erniedrigung geschieht aktiv: das tun wir selber.
Die Erhöhung ereignet sich passiv: sie geschieht an uns; sie widerfährt uns; sie wird uns geschenkt.

Jesus erteilt aber nicht nur den Gästen sondern auch dem Gastgeber eine Lehre; der ist nämlich genauso in der Gefahr, nur an sich selber zu denken und solche Gäste einzuladen, die ihm dann alles wieder vergelten können und auch vergelten werden durch eine so genannte Gegeneinladung.
Die Loslösung von sich selber und die Hinwendung zum anderen geschieht nun allerdings nicht mehr in Gedanken, wie bei jenem, der den untersten Platz einnimmt, weil er denkt, es werde noch ein anderer kommen, der vornehmer ist als er.
Der Gastgeber nach der Vorstellung Jesu denkt nicht mehr an andere er handelt an anderen – er handelt für andere und zwar wirklich für andere, indem er Arme, Krüppel, Lahme und Blinde einlädt – Menschen also, die ihm seine Einladung nicht mehr vergelten können.
Er kümmert sich so um Menschen auf dem letzten Platz.
Hier nun wird deutlich, dass das Sich Setzen auf den untersten Platz nicht nur als eine private Seelenübung zu verstehen ist sondern als ein Weg zu jenen Menschen, die sich bereits auf diesem untersten Platz befinden.
Das sich Setzen auf den untersten Platz muss werden zu einem sich Setzen neben die Menschen auf diesem untersten Platz – zum Beispiel dadurch, dass sie zum Essen eingeladen werden.

Und erneut entbirgt sich Jesus in diesem Gastgeber für die Armen: Durch seine Menschwerdung hat er den Platz neben uns eingenommen; durch seinen Tod hat er gezeigt, dass dieser Platz nicht so tief sein kann, dass er sich nicht mehr dort hinsetzen würde.

Die Attraktivität des letzten Platzes besteht für uns Christen darin, dass es hier auf Erden SEIN Platz ist. Und es ist Zeichen für ein echtes Christentum, sich von diesem letzten Platz anziehen zu lassen.

Wir bitten:
Gott, dein Sohn hat den letzten Platz aufgesucht, denn er wollte Diener der Ärmsten sein. Schenk uns die Bereitschaft, uns an seiner Haltung zu orientieren, der mit dir lebt und waltet in Ewigkeit. - Amen!

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