Freitag, Juni 15, 2007

...weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat!


 
Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 7:36 – 50

36 Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch.
37 Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl
38 und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.
39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist.
40 Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!
41 (Jesus sagte:) Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig.
42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?
43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht.
44 Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet.
45 Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst.
46 Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.
48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.
49 Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?
50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!



In der Geschichte, die wir eben gehört haben, stellt Lukas auf sehr berührende Weise dar, wie verschieden die Liebe sein kann die Jesus erwiesen wird.

Die Sünderin, die ihm so viel Liebe gezeigt hat auf der einen und Simon, der ihm nur wenig Liebe gezeigt hat, auf der anderen Seite. Dabei ist es nicht so sehr die äußere Form der Liebe als vielmehr die Intensität, die bei der Sünderin zum Ausdruck kommt und bei Simon fehlt.

Dabei lässt Lukas keinen Zweifel, woher die überschwänglichen Liebeserweise bei der Frau kommen: Von ihrem Glauben, dass ihr durch Jesus ihre vielen Sünden vergeben worden sind.
Demgegenüber ist sich Simon offenbar keiner besonderen Schuld bewusst, die der Herr ihm vergeben könnte. Dem entsprechend kühl und dürftig behandelt er auch Jesus. Diese Dürftigkeit wäre allerdings nie so aufgefallen, wenn eben nicht diese Frau dahergekommen wäre und Jesus mit ihren Liebeserweisen überschüttet hätte. Ohne das Verhalten dieser Frau wäre der Umgang des Simon mit Jesus im Üblichen, Gewöhnlichen verblieben.

Aber nicht nur Simon wird durch diese Frau hinterfragt in seiner Beziehung zu Jesus. Auch uns allen stellt sich die Frage: Wie sehr liebe ich den Herrn?
Wie sehr zeige ich diese Liebe zum Herrn? Bin ich bald einmal zufrieden damit oder kann ich nicht genug tun, um meine Liebe dem Herrn zu erweisen und ihm zu zeigen, ihn spüren zu lassen, wie gerne ich ihn habe? Und kommt meine maßvoll – mäßige Liebe dem Herrn gegenüber nicht auch davon her, weil ich das Besondere, das Außerordentliche, das Maßlose seiner Liebe zu mir nicht mehr wahrnehmen, weil nicht mehr glauben kann?

Ich weiß, diese Fragen sind unangenehme, denn sie stellen unsere Zufriedenheit in Frage und regen an zu mehr, sie regen an zu jenem „so sehr“ in der Liebe der Sünderin im heutigen Evangelium. Dieser Frage auszuweichen befriedigt nicht. Es ist vielmehr eindeutig jener Weg zu wählen, den die Heiligen unserer und vergangener Tage gehen und gegangen sind: den Weg hinein in dieses „so sehr“ der Liebe Gottes: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3:16)

Dieser Weg ist vor allem ein Weg des Gebetes. Jenes Gebetes, das bedenkt, wie groß doch der Herrn in seiner Liebe ist, wie mächtig und wie grenzenlos großzügig.
Jenes Gebetes, das weiter bedenkt, wie armselig wir sind auf uns allein gestellt, wie abhängig und gefangen von vielem, wie sehr wir es brauchen, dass dieser große Gott und Herr uns liebt und erlöst und befreit.

Diesen Weg ist die Frau im heutigen Evangelium gegangen, vorausgegangen und zahllose Menschen sind ihr auf diesem Weg gefolgt: es ist ein Weg in die unmittelbare Nähe des Herrn, so dass ich ihn berühren und mit den Händen greifen, dass ich seine Stimme hören und ihn mit meinen Augen sehen kann.

Unverkennbar ist dies heute für uns der Weg zum Wort des Herrn in unseren hl. Schriften beim Gottesdienst und beim persönlichen Lesen daheim oder in Gruppen; es ist der Weg zur Eucharistie, zum Mahl und zum Brot des Lebens; es ist der Weg zum Nächsten, den ich gerade in seiner Hilfsbedürftigkeit erlebe.

Die Frau im Evangelium ist diesen Weg zudem gegangen unter Berücksichtigung ihrer konkreten Umstände: Etwa ihrer finanziellen Mittel, so dass sie sich ein kostbares Öl leisten konnte, das sie dann über die Füße Jesu ausgegossen hat; oder aber ihrer langen Haare, mit denen sie die Füße des Herrn getrocknet hat.

So sollen auch wir die Umstände bedenken, unter denen wir dem Herrn unsere Liebe erweisen können und die Mittel, die uns dabei dienlich sein können.
Und bedenken wir doch des Weiteren, wie sehr der Blick auf Jesus der Frau im heutigen Evangelium die Angst genommen hat vor der Männergesellschaft, in der Jesus sich aufgehalten hat. Von jeglicher Menschenfurcht hat sie der Blick auf Jesus befreit. Gefangene einzig von der großen Liebe Jesu zu ihr war sie frei von allen anderen Abhängigkeiten und Ängsten. Wir hören geradezu den Apostel Paulus schreiben: „Die Liebe Christ drängt uns!“ (2Kor 5:14) Und an anderer Stelle: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns!“ (Röm 8:31) Oder auch: „Wir überwinden alles durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8:37) und „ nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8:39)

So wollen auch wir uns vom Herrn durch die Frau des heutigen Evangeliums hinausführen lassen ins Weite – nämlich in die Weite unseres Herzens, dessen Fähigkeit zu lieben wir bei weitem
noch nicht ausgelotet haben.

Wir wollen bitten: Gott, du unsere Hoffnung und unsere Kraft, ohne dich vermögen wir nichts. Steh uns mit deiner Gnade bei, damit wir denken, reden und tun was dir gefällt. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen!

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