Freitag, März 09, 2007

Ich bin der ICH-BIN-DA



Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 13: 1 – 9

1 Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so dass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte.
2 Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht?
3 Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
4 Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden - meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht?
5 Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.
6 Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.
7 Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?
8 Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.
9 Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.




Gemischte Gefühle kommen mir beim Gleichnis Jesu vom Feigenbaum. Zum einen begeistert mich die Langmut des Weingärtners: Nach drei fruchtlosen Jahren will er dem Feigenbaum noch ein weiteres Jahr die Chance geben Früchte zu bringen. Zum anderen stimmt mich nachdenklich der Besitzer des Weinberges, in dem der Feigenbaum wächst: der möchte den Feigenbaum gleich umhauen, lässt sich vom Weingärtner jedoch das weitere Jahr zugunsten des Feigenbaumes abringen. Nach diesem vierten Jahr allerdings ist auch der Weingärtner dafür, den Feigenbaum umzuhauen – sollte der keine Früchte tragen.

Zwei Seiten Gottes begegnen uns: Der Gott der Langmut und des unerhört langen Atems im Weingärtner und der Gott der Abrechnung im Besitzer des Feigenbaumes. Für uns lautet die Botschaft: Der Gott der Abrechnung ist in seiner Langmut unermesslich, sofern wir Früchte der Umkehr zeitigen. Zugleich aber hat seine Langmut einmal ein Ende, sofern wir uns um keine Umkehr bemühen. Dieses Ende weiß jedoch nur er allein. Beide Bilder bezeichnen Wirklichkeiten Gottes. Keine dieser Wirklichkeiten dürfen wir zugunsten der anderen ausblenden. Damit würden wir dem geheimnisvollen Gott sein Geheimnis nehmen; dem unergründlichen Gott seine Unergründlichkeit. Wir würden ihn zu einem „Herrgöttlein,“ zu einem harmlosen Gebilde unserer Wünsche und Vorstellungen machen mit dem wir tun und lassen können, was wir wollen. Wir würden der Sünde den Stachel des Todes ziehen und unserem sittlichen Bemühen seinen heiligen, heiligenden und heilenden Ernst nehmen.

Erst der Gott, der unendlich langmütig ist und zugleich Rechenschaft von uns fordert ist es, der unser christliches Leben zwischen die beiden Pole stellt: Unser unbedingtes Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit einerseits und zugleich unser bedingungsloses Streben, Seinen Willen zu tun andererseits. Unser christliches Leben kann nur zwischen diesen beiden Polen gelingen; nur so positioniert kann es attraktiv und fruchtbar sein.

Das aktuellste Beispiel, wie eine dieser beiden Seiten sehr elegant ausgeblendet wird, finden wir im Kirchenblatt zu diesem Sonntag. Da wird nämlich der Text der zweiten Lesung nicht abgedruckt, obwohl er vom Seitenlayout her spielend Platz gehabt hätte; er wird lediglich zitiert, wo er in den Schriften des hl. Paulus zu finden ist: 1 Kor 10: 1-6.10-12. Warum? Weil in dieser Lesung der Gott entfaltet wird, der Rechenschaft fordert wie in der 1. Lesung aus dem Buch Exodus (3:1-8a.10.13-15) die Langmut Gottes dargestellt wird.

Im brennenden Dornbusch kommt uns die Langmut Gottes entgegen in der brennenden Sorge um sein Volk. So wie der Feigenbaum unter seiner Fruchtlosigkeit kann auch das Volk Israel unter der Knechtschaft Pharaos sich nicht mehr alleine helfen:
Beide bedürfen der Hilfe von auswärts.
Beide müssen umgegraben und mit Dünger versorgt werden.
Beide müssen mit neuer Energie von außen erfüllt werden, auf dass eine neue Blüte und eine neue Fruchtbarkeit erfolgen können. In ihnen ist nichts mehr da: Sie sind kraft- und saftlos und auf sich allein gestellt dem sicheren Tod preisgegeben. Darum wäre es auch völlig sinnlos, den Feigenbaum und das Volk in der Gefangenschaft um sich kreisen zu lassen auf der Suche nach einer Energie in ihnen, die nicht da ist: Das wäre ein Kreisen um eine Leere, um ein Nichts, um eine völlige Ohnmacht. Energetische Turnübungen welcher Provenienz auch immer wären reines Theater und fruchtloses Tanzen wie um das goldene Kalb. (vgl. Ex 32:19)

Wie schaut nun aber die Energie aus, die von außen zugeführt und mit der Feigenbaum und gefangenes Volk beschenkt werden? Ist es eine gestaltlose, unpersönliche Kraft? Ist es ein ES, das hier ein Zwicken vergessen lässt und dort ein Wehwehchen wegdrückt?
Nein! Es ist eine Person! Es ist Mose, der von Gott zu seinem Volk geschickt wird, damit er im Namen und in der Kraft des Herrn das Volk aus der Gefangenschaft herausführe in die Freiheit und in das verheißene Land. Die Energie, die von Gott kommt ist eine personale Größe; sie ereignet sich in der Begegnung mit Gott. Sie wirkt aus dem Sein vor dem Herrn von Angesicht zu Angesicht. Propheten Gottes wie Mose leben in dieser persönlichen Hinordnung auf Gott und führen die Menschen, zu denen sie gesandt sind, hin zu diesem Gott. So kann Gott sein Volk aus seiner Gefangenschaft herausziehen und es befreien, damit es hingehen und Frucht bringen kann.

Moses ist ein Vorausbild für Jesus. Aber in welcher Weise wird Jesus zur Kraftquelle für sein Volk! Da es hier nicht mehr nur um eine äußere Gefangenschaft sondern um eine viel tiefere und innere Gefangenschaft geht wird Jesus die reine Armut, wird er der letzte Dreck der Welt, wird er zum Abschaum der Menschheit – und so zum Dünger, der hinein gegraben wird in das Erdreich der Menschheit. Er wird selber getötet, da es nunmehr um die Befreiung der Menschheit aus der Knechtschaft des Todes geht. In seiner Auferstehung von den Toten schenkt Gott diese Freiheit der ganzen Menschheit. Im Glauben wird sie wirksam. Jesus hat sein Leben hingegeben in den Tod um es in der Auferstehung für uns alle zu gewinnen. Durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes 53:5; 1Pet 2:24)

Wenn Jesus im Evangelium eindrücklich von Umkehr spricht, dann meint er zuerst Hinwendung zur persönlichen Begegnung mit ihm, damit er uns jene Energie schenken kann, die eine Erneuerung unseres Lebens erst ermöglicht: Es ist die Energie, die in den Sakramenten fließt: In der Beichte, in der Eucharistie, im Gebet, in der Schriftlesung, in der Geschwisterliebe. So trinken wir aus Gott, als dem „Quell des Erbarmens und der Güte“ (Tagesgebet vom Sonntag) und wir werden hingehen und Frucht bringen (Kol 1:10; Röm 7:4; Joh 15:4) Amen!

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